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    <title><![CDATA[wandelkern.de worte]]></title>
    <link>https://wandelkern.de/wort</link>
    <description></description>
    <dc:language>deutsch</dc:language>
    <dc:rights>Copyright 2026 Wandelkern</dc:rights>
    <dc:date>2026-03-07T11:27:00+00:00</dc:date>
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    <item>
      <title><![CDATA[Eine Hochglanz-Notdurft]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/eine-hochglanz-notdurft</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/eine-hochglanz-notdurft#When:11:27:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p><strong>Im Februar 2026 habe ich „Eine Hochglanz-Notdurft“ im <a href="https://www.wohnzimmer-ge.de/" target="_blank">Wohnzimmer GE</a>&nbsp;in Gelsenkirchen gelesen. Sie kam insgesamt gut an.&nbsp;Dabei habe ich jedoch gemerkt, an welchen Stellen es Längen gibt, die für eine Bühnenfassung weniger geeignet sind.&nbsp;Deshalb gibt es hier zwei Versionen der Satire: zuerst die Langfassung, anschließend die Bühnenfassung, die sich auch für einen Poetry Slam eignet.</strong></p>
<p><strong>°.°</strong></p> <p>Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken. Drangstufe Rot kündigt sie schon mal an. Aber ich werde kein Männeken-Piss am Rhein sein. Wenn ich schon Wildpinkeln muss, dann lieber versteckt. Also suche ich ein einsames Pinkeleckchen. Aber das einsamste, was ich entdecke, sind Gassigassen zwischen parkenden Autos.</p>
<p>Dahinten steht ein Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. Dort angekommen, starre ich äusserst grimmig auf das kleine Display, auf dem Besetzt steht. War ja klar, denke ich. Und warte.</p>
<p>Endlich öffnet sich die Tür. Unendlich langsam. Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert. Unendlich langsam schließt die Tür auch wieder, dazwischen mit Verschnaufpausen. Endlich zu! Und ich verbeuge mich.</p>
<p>Das Display aber meldet immer noch besetzt. Ich grolle. Das wirkt. Jetzt steht da nämlich: Reinigung. Ich lausche. Seltsame Geräusche kommen aus dem Häuschen. Die Reinigung muss sehr gründlich sein. Wenig später fechten ungeahnter Harndrang und schwindende Impulskontrolle: Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung! Um mich abzulenken, wische ich mit der EC-Karte am Terminal herum. Derweil heißt es weiterhin: Reinigung. Ich will schon austreten, da leuchtet es: Besetzt. </p>
<p>Bevor ich das begreife, darf ich endlich zahlen. Ich halte die Karte ohne Zittern. Ja, Zahlen geht natürlich schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu. Entgeistert schaue ich sie an. Will sie jetzt mit Blicken zwingen. Dann schleicht sie auf. Ich drücke mich hinein und noch so eben unterlasse ich das Treten. </p>
<p>Sanfte, schwebende Klänge empfangen mich. Als sei ich in der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen. S</p>
<p>ie könne jederzeit wieder geöffnet werden.&nbsp;</p>
<p>Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein. Ich drücke auf die grün leuchtende Taste.&nbsp;</p>
<p>Ich drücke noch mal, ich drücke noch einmal, dann drücke ich noch zweimal und warte. Dann schleicht sie sich endlich! </p>
<p>Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel. Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über? Was für eine existentielle Frage! Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit kann sich Sitzen auch mal lohnen. Ich will nicht mit gebeugten Knien dastehen, um nicht alles vollzumachen. Für mich ist Pinkeln weder Reviermarkieren noch eine regressive Kachelbewässerung. </p>
<p>Aber da ist die Hose schon unten. Ich setze mich mit stiller Vorfreude. Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik. Und lass es fließen. Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei und mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer. Da weckt mich die sanfte Stimme von eben. 15 Minuten Zeit gibt sie mir. Sehr großzügig, da kann man ja drei Geschäfte machen. Aber was, wenn jeder die 15 Minuten nutzt, auch wenn er nur klein muss? Schließlich hat man einen Euro bezahlt, die Zeit steht einem doch zu! </p>
<p>So siniere ich, während die Erkenntnis auf mich zuströmt, dass auch eine leere Blase einen unguten Draht zum Verstand haben muss. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich hier immer noch sitze. Also stehe ich jetzt auf, hole die Hose zurück, da wo sie hingehört und nehme Abstand von der Schüssel, wer weiss, wann und wie wild sie reinigt.</p>
<p>Ah, der Waschautomat, auch der hat hochwertige Tasten, rundum beleuchtet, aber er spricht nicht mit mir. Ich drücke auf Wasser und spare mir die Seife, den Trockner lasse ich ruhen. </p>
<p>Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung typisch dümmlichen Gesichtsausdruck schaue ich in den Spiegel und wende mich gleich wieder ab. Da sehe ich beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber. </p>
<p>Das ist doch niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen: Gut geschissen zum Beispiel oder: Abzocker, wir kriegen Euch! </p>
<p>Bewertung ignoriere ich. So wie Insta, X und Zuckerbook. Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi namens „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.</p>
<h3>Die Bühnenversion:</h3>
<p><strong>Eine Hochglanz-Notdurft</strong><br><br>Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken.&nbsp;</p>
<p>Spontan wie sie ist, meldet sie schon mal Drangstufe Rot an.&nbsp;</p>
<p>In meiner Not nimmt meine Sehkraft um gut 1 Dioptrin zu und ich sehe in der Ferne einen Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. –&nbsp;Und jeder Stechschritt fühlt sich an wie eine Blasenbelebung.</p>
<p>Dort angekommen, starre ich proaktiv grimmig auf das putzige Display, auf dem Besetzt steht. Nach gefühlt 12,5 Minuten qualvollen Bittens, Quängelns und Drängens, öffnet sich die Tür.&nbsp;</p>
<p>Langsam, sehr langsam.&nbsp;</p>
<p>Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert.&nbsp;</p>
<p>Langsam, sehr langsam –&nbsp;schließt die Tür auch wieder, während ich den Impuls unterbinde, sie mit blossen Händen aufzuhalten.&nbsp;<br><br>Mit einem  mir spöttisch vorkommenden Seufzerton erreicht sie das Ende ihres Weges. Und das putzige Display? Behauptet steif und fest: Besetzt.</p>
<p>Und während ich mich auf die Verkrampfung meines Beckenbodens konzentriere, steht da plötzlich: Reinigung.&nbsp;</p>
<p>Sekunden später fechten gebeultete Willenskraft, verkrampfte Oberschenkel und schwindende Impulskontrolle: <br>Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung!&nbsp;</p>
<p>Ich will schon austreten, da leuchtet es charmant: Besetzt.&nbsp;</p>
<p>Aber zahlen darf ich schon.&nbsp;</p>
<p>Zitternd halte ich die Karte vor. Boah, ging das schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu.&nbsp;</p>
<p>Zum Glück falle ich kurz in eine Art Schockstarre und erwache rechtzeitig, als die Tür sich gütig schleicht.</p>
<p>Sanfte, schwebende Klänge, wie aus der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats, empfangen mich. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen.&nbsp;</p>
<p>Sie könne jederzeit wieder geöffnet werden.&nbsp;</p>
<p>Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein.&nbsp;</p>
<p>Ich drücke auf die grün leuchtende Taste. Ich drücke noch mal. Ich drücke noch einmal. Dann drücke ich noch zweimal mit zwei Daumen jetzt, und warte mit zusammengebissenen Schenkeln.&nbsp;</p>
<p>Dann schleicht sie sich endlich!&nbsp;</p>
<p>Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel.&nbsp;</p>
<p>Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über?&nbsp;</p>
<p>Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit – und ich meine hier nicht den Rhein – kann sich Sitzen auch mal lohnen.&nbsp;</p>
<p>So vermeide ich nicht nur die allseits bekannte Reviermarkierung, auch die so beliebte&nbsp;Kachelbewässerung wird buchstäblich – aber da ist die Hose schon unten.&nbsp;</p>
<p>Ich setze mich mit stiller Vorfreude.&nbsp;</p>
<p>Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik.&nbsp;</p>
<p>Und lass es fließen.&nbsp;</p>
<p>Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei.&nbsp;</p>
<p>Mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer.&nbsp;</p>
<p>Da weckt mich die sanfte Stimme von eben.&nbsp;</p>
<p>15 Minuten Zeit gibt sie mir.&nbsp;</p>
<p>Wie großzügig, da kann hier sogar eine Großfamilie gemütlich pinkeln.&nbsp;</p>
<p>So siniere ich, und beschließe nun doch schon aufzustehen. Dabei mache ich unwillkürlich einen Sprung noch vorn, wer weiß, ob nicht vorher schon spritzig gereinigt wird.</p>
<p>Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung leicht dümmlichen Gesichtsausdruck drücke ich die edelstahlgefasste Taste für Wasser und schaue mich um. Da sehe ich erneut beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber.&nbsp;</p>
<p>Das ist niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen:&nbsp;</p>
<p>Gut gekackt zum Beispiel.&nbsp;</p>
<p>Oder: Abzocker, wir kriegen Euch!&nbsp;</p>
<p>Bewertung ignoriere ich. Auch auf das laue Lüftchen des WC-Trockners verzichte ich. Ich&nbsp;reibe meine Hände an den so schön&nbsp;trocken gebliebenen Hosenbeinen.&nbsp;</p>

<p>Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.<br></p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[N,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-03-07T11:27:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Spritzwasser mit Würde]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/spritzwasser-mit-wuerde</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/spritzwasser-mit-wuerde#When:14:20:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p>Letztens in der Küche.</p>
<p>Ich will mir einen Kaffee machen und wärme zuvor das edle Expressoglas auf.</p>
<p>Nicht wundern, ich sage immer Expresso, das ist ein Straf… nein, kein Straffehler, sondern ein Sprachfehler von mir. Sie können beides nun als freudsche Versprecher interpretieren, aber das geht mich dann&nbsp;nichts mehr&nbsp;an. Denn sowas im Zusammenhang mit der Küche, nee, da bin raus.</p> <p>Also, ich vor dem Aufwärmen des Expressoglases. Klug mit der Siebträgermaschine. Modernes schlankes Teil übrigens. Ich drücke auf die freundlich mir zuleuchtende Taste.</p>
<p>Und vergesse den Siebträger reinzutun.</p>
<p>Alles, wirklich alles spritzt voll.</p>
<p>Maschine.</p>
<p>Möbel.</p>
<p>Menschenwürde.</p>
<p><br></p>
<p>So wie ich früher auf sowas reagiert habe, das kennen Sie sicher nicht aus eigener Erfahrung.</p>
<p>Aber ich erzähl’s Ihnen trotzdem.</p>
<p>„Fuck. Scheißdreck. Meine Fresse.“</p>
<p>Oder etwas energetischer:</p>
<p>„FUCK! SCHEIßDRECK! MEINE FRESSE!“</p>
<p>Spüren Sie auch die Wut da drin?</p>
<p>Aber zum Glück kann man die Gefühle einer Maschine nicht verletzen.</p>
<p>Ich war wohl nicht zufällig die meiste Zeit Single.</p>
<p><br></p>
<p>Und nun die gute Nachricht.</p>
<p>Ich bin immer noch Single,</p>
<p>aber ich habe mich verändert.</p>
<p>Heute bin ich&nbsp;so:</p>
<p>Unheimlich ruhig.</p>
<p>Mit lockerer Eleganz nehme ich den Siebträger,</p>
<p>drehe mich tänzerisch um die eigene Achse</p>
<p>– und meine kleine Küche ist wirklich&nbsp;klein –</p>
<p>und drehe das sattschwer in der Hand liegende Teil souverän ein,</p>
<p>während das Wasser schon spritzt.</p>
<p>Und das mit einer Grazie,</p>
<p>die mir zeigt,</p>
<p>was für ein feiner Mensch ich bin.</p>
<p>Dann nehme ich meinen wunderbaren Spüllappen,</p>
<p>der nur für Wasser zuständig ist</p>
<p>und wische mit Würde das Spritzwasser weg.</p>
<p>Tiefenentspannt wie ein Zen-Meister.</p>
<p>Manchmal pfeife ich sogar eine Klaviermelodie</p>
<p>von Satie</p>
<p>Ungefähr so … aber das lassen wir lieber</p>
<p><br></p>
<p>Jetzt fragen Sie sich bestimmt,</p>
<p>und ich muss dafür nicht ihre Gesichter schauen:</p>
<p>Wie kann man sich so ändern?</p>
<p>Sie wissen ja selbst, wie schwer das ist.</p>
<p>Waren schon auf zig Yoga-Retreats.</p>
<p>Nicht nur Yoga, auch Meditationskurse en masse.</p>
<p>Haben viele, sehr viele Achtsamkeitsanleitungen</p>
<p>über sich ergehen lassen.</p>
<p>Mindestens eine Psychoanalyse</p>
<p>Drei bis vier Körpertherapien.</p>
<p>Aber reichte es?</p>
<p>Man bleibt doch immer der Alte oder eben die Alte.</p>
<p>Oder?</p>
<p>Man ändert sich doch nur widerwillig.</p>
<p>Nicht wahr?</p>
<p>Man ändert sich so schwer.</p>
<p><br></p>
<p>Tja, wie habe ICH das nur gemacht?</p>
<p>Die Frage wird hier immer dringlicher.</p>
<p>Das spüre ich grad im Hier und Jetzt.</p>
<p>Soll ich es Ihnen verraten, wie ich das geschafft habe, mich so fundamental zu verändern?</p>
<p>Okeh, Sie haben’s so gewollt.</p>
<p>Tief durchatmen, ausatmen nicht vergessen, die Augen leicht geschlossen.&nbsp;</p>
<p>Und jetzt kommt sie. Die Wahrheit. Die bittere:</p>
<p><br></p>
<p>Gar nicht – ich habe das gar nicht geschafft.</p>
<p>Das war nur ein kleiner Bühnentraum.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[S,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-02-28T14:20:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Melancholie – Versöhnung]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/versoehnung</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/versoehnung#When:19:50:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p>Auf einmal ist der Abend da. Ockerfarbenes Licht liegt über der hügeligen Landschaft. Weit hinten eine Wiese, die in einer sanften Mulde liegt. Die Kühe darauf wirken, als wären sie nur aufgestellt. Auf der langen geraden Straße glänzen rote Lichtflecken hier und dort. Kein Auto aus der Gegenrichtung, keines drängt zur Geschwindigkeit. Carl legt auch die andere Hand auf das Lenkrad und beugt sich leicht nach vorn. Spürt er das Sirren vor einer Versöhnung, als locke das Licht da draussen Erinnerungen? Was ist da federleicht statt schwer, was dazwischen – Schmerz?</p> <p>Er sieht sich mit dem Rad unterwegs, noch gar nicht lange her, am frühen Abend auf einem schmalen Weg. Neben sich ein gelbes Feld reifen Getreides und auf der anderen Seite der Kanal. Großväterlich fließt er dahin, gesäumt von jungen Birken, die mit hängenden Blätterfäden ein Brisenkind einfangen. Das Kitzeln der Tränen, als trösteten sie die Haut, als beweine der Verlust sich selbst. Er steigt vom Rad und schaut auf die ockerfarbenen Baumwolken hinter dem Getreidefeld. Als warte er auf die Frau, die ihm diesen Weg einmal zeigte und die er liebte, und doch nicht lieben konnte. Fragil das Versprechen, füreinander da zu sein. Schweigend hinterfragten sie das Vertrauen oder tönten falsche Worte – ohne es zu wollen? Und alles war vergessen, wenn sie ausgelassen alberten, sich im eifrigen Planen fast selbst vergaßen oder unterwegs – sofort begeistert – seltenen Vogelstimmen lauschten. Und immer wieder die Abweisung, die alles in Frage stellte, unwirklich und unnachgiebig.</p>
<p>Carl lehnt sich wieder zurück und folgt dem Licht in seinem Inneren. Weit hinein in alte Zeiten, zwanzig Jahre zurück vielleicht, als die Liebe einmal frei war. Als vieles gelang und sie sich unverletzlich fühlten. Mitten in der Nacht fuhren sie nach getaner Arbeit in ein katalanisches Dorf am Mittelmeer. Sie tauchten ein in die gelassene Lebensweise mit frischem Fisch in kleinen Restaurants, nahmen Bier und Tapas unter den Einheimischen und erkundeten mit der Vespa das Umland. Und als sie nach einer Woche in der Frühe zurückfuhren, ihre Lieblingsmusik hörten und auf der schlängelnden Straße mit geschärften Sinnen die Gerüche und das ockerfarbene Licht der Landschaft wahrnahmen, da weinten sie still, jeder für sich.</p>
<p>Carl sieht jetzt eine wilde Wiese mit hohen Gräsern. Die Halme pendeln, angestubst von einem unsichtbaren Spielkameraden. Zwischen ihnen blinzelt die Sonne. Er liegt im hohen Gras, einfach so, fast für sich allein. Von weitem hört er die Freunde. Er dämmert weg, in seinem Bett aus Licht und Wärme, eins mit den Gerüchen, dem plötzlichen Summen und einem Rauschen – der Bäume? </p>
<p>Dieser seltene Spaziergang, den er nicht vergisst. Als der kleine Carl über das Moos und die Wurzeln der Bäume lief, mit einem Stock in der Hand. Er lief und lief und immer wieder sprang er hoch, um die kleinen Äste zu treffen. Und weiter im Wald, die Blätter winkten ihm zu, erschien ihm plötzlich das helle Licht dahinten wie ein altes Versprechen. </p>
<p>Vielleicht war Carl vier oder fünf Jahre, als er seine Großeltern einmal an einem Sommermorgen in den Garten begleiten durfte. Sie gingen einen Weg durch kleine Straßen mit dunklen Bergarbeiterhäuschen. Die Bäume leuchteten gelb und munter und Carl hielt die warme, etwas raue Hand der Oma. Im Garten angekommen, durfte er eine Handvoll Erdbeeren pflücken, die im Licht auf einmal glänzten. Auch beobachtete er wieder die Ameisen. Carl weiß nicht mehr, warum, aber er hat&nbsp;die Ermahnung der Oma immer noch im Ohr, dass man sie nicht töten dürfe.</p>
<p>Die Straße wird wieder kurviger. Zwischen immergleichen Fichten zählt jetzt das Licht der Scheinwerfer. Etwas scheint zu bleiben, das nicht bleiben kann. Carl lacht. Da ist sie wieder, die Sonne, und grüßt noch einmal zwischen den Bäumen.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[V,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-01-28T19:50:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Ob man dann schon tot ist]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/ob-man-dann-schon-tot-ist</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/ob-man-dann-schon-tot-ist#When:09:25:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p>Am Fensterrahmen knibbelte er Lack vom schartigen Holz und pulte losen Kitt heraus, den er gleich wieder einsetzte. Wie ertappt schaute er sich um, und lauschte, als wären gleich die gewohnten Stimmen wieder da. Aber wie alles, was hier einmal wohnte, waren auch sie verschwunden. Das Doppelstockbett aus Eisen, in dem er mit zwei seiner Geschwister schlief. Der rote Schrank mit den klappernden Türen. Die dunkelgrüne Pflanze, die immer nur störte.</p> <p>Das Fenster. Kleine und große Tropfen hingen daran, als wüssten sie nicht weiter. Einige liefen ganz von selbst und schufen eine Bahn auf dem vom Wasser getrübten Glas. Der eine da, der wird schneller. Springt er zu den Steinen? Nein, er zerfällt am furchigen Holz in Millionen Tropfen. – Wann werden sie ihn abholen?&nbsp;</p>
<p>Erneut fing es an zu regnen und der Wind fegte Schwälle von Wasser an die Scheibe. Er ging weg vom Fenster, zögerlich, als dürfe er sein Kinderzimmer nicht verlassen. Er schaute zur halboffenen Tür, die zum Küchenraum führte. Vielleicht wartete da der Hund der Nachbarin von unten, ein böser Collie, der ihn einmal biss, als wollte er sein Schienbein fressen. Aber er weinte nicht. Er war tapfer. Der Arzt sagte das auch. Aber die Mutter war ganz ruhig. Sie saß nur neben ihm, still die ganze Zeit. &nbsp; &nbsp;</p>
<p>Nun ging er doch mit einem Ruck und trat auf die Schwelle. Der Raum war dunkler, er hatte keine Fenster, nur weitere Türen. Eine davon führte zum Hausflur, zur Treppe, die bei jedem Schritt knarzte und eng und steil nach unten ging. Es war nicht lange her, da flog er sie fast hinab – auf der Flucht vor den Schlägen der Mutter. Unten knallte er gegen die Holztür mit dem blinden, runden Fenster. Mit beiden Händen zog er die Tür auf und rutschte beinahe weg. Die Mutter blieb oben stehen und drohte müde mit dem Vater. Dann schrie er und schwor Rache. Bevor er auf den Bürgersteig sprang, hörte er noch die leiser gewordene Stimme der Mutter. Wie stark er da war, und doch verlor sich der Schwung seiner Flucht, als er kurz darauf die Wiese erreichte und stehen blieb. Er war ja noch in Strümpfen.&nbsp;</p>
<p>Wurde es schon dunkler? Haben sie ihn vergessen? Er ging durch eine weitere Tür in das Wohnzimmer. Auch so leer. Aber das große Fenster war geblieben. Mit Blick auf die zauselige Wiese, auf der in der Mitte tatsächlich dieser tote Baum stand.&nbsp;Karg, mit spitzen Ästen wie Hexenfinger. Alles umzingelt von befahrenen Straßen, die Autos dampften, sie rauschten auch. Jetzt polterte ein großer Lastwagen über das Kopfsteinpflaster. Er spürte das Vibrieren unter seinen Füßen, aber es klirrten keine Gläser mehr im Schrank. Was war denn das dazwischen? Ein Bellen? Wie gebannt stand er und drehte den Kopf zum Fenster. Da war nichts! Und doch hörte er es, wie ein Klagen, immerzu und immerfort. Jetzt kribbelte es über seinen Rücken. Er zog die Schultern nach oben und ließ sie wieder fallen. Er rieb sich mit der Hand einen Arm und schaute nach unten. Der Boden war sauber wie immer. Die stumpfen Dielen glänzten, als wären sie etwas Besseres. Er hob ein Bein und schaute unter den Schuh. Auch der andere war sauber. Plötzlich fiel ihm an der Wand eine kleine schwarze Zahl auf. Ein Kalender hing noch da. Ohne Zögern ging er nah heran und hob die Fersen und den Kopf. Riesig war die Zahl auf einmal. Er ging einen Schritt zurück und fuhr mit dem Zeigefinger zuerst entlang der Zwei und dann sogleich entlang der Fünf, so langsam, als würde er sie malen. Er wiederholte das, nur schneller, immer schneller. Die Zahlen waren jetzt eine Rennbahn mit scharfen Kurven. Als er die quietschenden Reifen im leeren Raum hörte, ließ er den Arm fallen.&nbsp;</p>
<p>Wann kommen sie denn endlich? Wenn er doch schon groß wäre. Zwanzig Jahre! Dann könnte er immer einfach gehen. Aber in neun Jahren erst! Und mit Dreißig dann? Dann wäre er richtig groß, so groß wie der Onkel, der ihn dann nicht mehr so feste kitzeln oder zur Pommesbude schicken würde. Wieder ging er ganz nah an den Kalender, las den Tag, den Monat und das Jahr. Und vierzig Jahre dann? Er murmelte Zahlen. Zweitausendfünf, rief er plötzlich, sodass es hallte. Gebannt von der großen 25 überkam ihn ein Flirren, als sei er in einem unendlichen Raum mit einem kleinen Punkt darin, der nicht zu erreichen war und zugleich so nahe schien. Sechzig! Ob man dann schon tot ist?&nbsp;</p>
<p>***</p>
<p>Er lag im Bett. Wie ein Stein mit Extremitäten. Er stöhnte und brachte sich nur mit Mühe auf die Seite. Dann war auch die Gänsehaut wieder da. Immer wenn im Hirn rot-schwarzes Chaos blitzte. Aber Knöllchen gab’s keine dafür. Der freche Spruch zuckte im Mundwinkel und lockerte etwas in der Brust. Plötzlich hörte er Lärm da draußen, nicht schon wieder dieses dumme Hämmern! Das machte seine schöne Angst kaputt.&nbsp;</p>
<p>Er saß noch eine Weile auf der Bettkante. Wenn nichts Neues käme, wäre es in zwei Monaten vorbei. Er rechnete das, was sicher war, im Kopf zusammen. Selbst das war nicht sicher. Und wer weiß, was in zwei Monaten war. Immer dieses Fürchten auf Vorrat! Trotzig hob er den Fuß, aber es wurde nur ein halbes Stampfen. Er stellte sich vor, dass das alte Parkett darüber lachte. Wieder hoben sich seine Mundwinkel, doch das kleine Lachen verlor sich in einem Stöhnen, das noch nachklang, als er mit einem Ruck aufstand. Etwas drückte auf seinen Schultern und fiel dann in die Beine hinab. Aber Gehen ging doch.</p>
<p>Im Badezimmer suchte Rolf nach der Ringelblumensalbe, einer kleinen Tube aus der Apotheke. Es kribbelte an den Lippen. Nicht schon wieder Herpes. Er zog an der Schublade des kleinen Schranks, der in dem Schlauch gerade noch einen Platz fand. Sie klemmte schon wieder. Er zog ungeduldig, dass sie ihm fast entgegenkam. Eine vorlaute Zahnbürste sprang heraus und fiel auf den Boden. Er bückte sich, griff danach, erhob sich, doch sie fiel erneut herunter. Meine Fresse, hörte er hart in seinem Kopf. Und während er das störrische Ding in die Schublade legte und die kleine Tube herauskramte, sagte er laut: Meine Fresse. Meine Fresse. Meine Fresse! Er variierte die Betonung, zuletzt dehnte er das Meine, während er schon lachte.&nbsp;</p>
<p>Selbstironie, die schnellste Intervention, die er kannte. Was nützten auch viele Worte? Gegen uralte Momente der Beschämung, die längst nicht mehr auszumachen an Erinnerungen. Oder diese seltsame Schwäche in den Gliedern, als dürfe er keinen Schritt mehr tun, ohne anderen zu schaden. Meine Fresse, darauf schnell einen Kaffee. Er ging in die Küche, schob ungeduldig das Geschirr von gestern beiseite und wartete auf die Bereitschaft der kleinen Maschine. Als fiele es ihm jetzt erst ein, öffnete er eine rote, reich verzierte Dose, füllte den Siebträger mit Kaffeepulver und drehte ihn ein. Er freute sich auf einen starken Gepressten, der jetzt ratternd aus der Maschine lief. Den Siebträger legte er danach in den Spülstein. Er hob das Glas und nickte zufrieden. Die Crema war schön hoch und oben mit braunen Schattierungen. Dann ging er an den kleinen Tisch und setzte sich. Vorsichtig nahm er einen kleinen Schluck. Nicht zu heiß und nicht zu kalt, genau richtig für den kleinen Trost, den er zu brauchen schien. Mit dem zweiten Schluck schaute er aus dem Fenster, das recht groß war für die kleine Küche. Er brauchte solche Fenster. Weiß nur der Teufel, woher das kam.&nbsp;</p>
<p>Draußen gab der Herbst mit seinen Farben an. Schönes Licht, ohne Zweifel. Die schimmernden Blätter der Birken und Buchen waren still, als schliefen sie noch. Die mächtige Platane warf jetzt einige Blätter ab, sie segelten ohne Eile ins feuchte Gras. Buche und Birke machten das jetzt auch. Wie sie loslassen können. Das Trio des Trostes. Warum denn? Weil sie schön sind? – Weil sie einfach da sind.&nbsp;</p>
<p>Das Gezweig schaute fast überheblich auf die Dachfirste der Reihenhäuser, in denen ein Menschengemisch wohnte, das erstaunlich friedlich war. Einigen Eichelhähern kam das gerade recht, sie versteckten Vorräte oder taten so, um die anderen zu täuschen. Die Dohlen waren auch wieder da, sie kamen wohl nur im Herbst. Jetzt wackelten sie wie eine Krähenhorde über das vermooste Schrägdach und suchten unter den braunen Blättern nach den Resten des Sommers. Wie schnell das Jahr wieder verging. – Zeit. Endlich und doch ewig. Er hob sein Glas in Richtung des Fensters und murmelte Prost, bevor er den nächsten Schluck nahm. Die sanfte Bitterkeit entlockte ihm ein Hm, das warm aus der Kehle kam, als hätte der Kaffee dort einen Schalter gefunden – oder besser, einen Trigger, ha ha.</p>
<p>Das Kind von nebenan, das fehlte ihm noch. Der kleine Junge, der manchmal gekitzelt wurde, dass sein Lachen zu ersticken drohte. Jetzt schrie er einen Kanon aus aufheulender Sirene und gelber Quietscheente. Dann ging sein Weinen über in ein schluckendes Gackern, während er immer wieder stehen blieb. Der Vater, ein schlaksiger Kerl mit volltätowierten Armen und ewiger Baseballkappe, schob ihn mit seinen Beinen weiter und hörte der Mutter zu, die einen schlaffen, eisgrauen Mantel trug. Der Vater nickte nur und schaute auf sein Smartphone, während er den Jungen mit den Knien ans Auto drängte. Von hier oben war das kleine Kind jetzt kaum noch zu hören. Für die unten schien es nicht zu existieren, aber die Mutter schob es nun sachte ins Auto.&nbsp;</p>
<p>Rolf nahm jetzt den letzten Schluck und vermisste den Genuss des ersten. Bedauerlich. Wie soll er sich so aufraffen, gleich einen neuen zu machen? Ach, er bleibt einfach sitzen und suhlt sich in seiner Lustlosigkeit. Aber darunter lag noch etwas anderes. Etwas aus der letzten Nacht? Er atmete tief ein, blähte dann die Wangen und ließ langsam die Luft entweichen. Das Foto an der Wand gegenüber. Sein Sohn, da war er acht. Feinfühlig lächelte er, Liebe in den Augen. Und dann schien alles zu schweben, und darin lag ein Trost ohne Trost. Wie viele schöne Tage sie hatten, wenn Ben am Wochenende bei ihm war. Mit Papa ging er gerne spazieren. Manchmal schlichen sie querfeldein durch einen alten Buchenpark. Häufig suchten sie auch Vögel und schrieben die Namen auf. Dreiundzwanzig verschiedene erkannten sie einmal. Den Zettel hatte er noch irgendwo. – Unwiderruflich vorbei.&nbsp;</p>
<p>Wenn er noch zehn Jahre hätte, wäre sein Junge fünfundzwanzig. Hätte er noch zwanzig Jahre, wäre Ben fünfunddreißig (wie gut er rechnen kann). – Noch zwanzig Jahre leben. Irgendwie kaum vorstellbar. Vielleicht weil es gerade so dumpf drohte, als wäre gleich schon alles vorbei. </p>
<p>Das kam noch aus der Nacht. Er sah und spürte deutlich, als wäre ein Hologramm in seinem Hirn, die 25 auf dem Kalender und die kleine&nbsp;Hand, die über die Zahlen fuhr. Er war angekommen, und die Zeit summte in den Ohren. Wie schön es leuchtet da draußen.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[T,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-01-11T09:25:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Romanfragment: Sonnenburg]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/sonnenburg-erzaehlung</link>
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      <description><![CDATA[<p><strong>Die erste Fassung von Sonnenburg entstand 2021. Seither habe ich den Text immer wieder überarbeitet. Die Version von 2025 erzählt in einer neuen Tonlage, mit einem Rhythmus ohne Kommentierung und wurde um mehrere Szenen ergänzt. Alle kommentierende&nbsp;Absätze und&nbsp;Abschnitte wurden dagegen gelöscht.</strong></p> <p>Als wir 1972 an einem der letzten Wintertage plötzlich in die Siedlung zogen, stand meine Mutter hochschwanger mit ihren vier Kindern in der leeren Küche und schaute aus dem trüben Fenster. Der Umzugswagen war noch nicht da.</p>
<p>In der Siedlung standen vier lange Blöcke aus rotem Backstein und Beton, begrenzt durch Sträucher und einen Maschendrahtzaun, umgeben von einem Bauernfeld, einer Steinfabrik und geduckten Mietshäusern. Die Blöcke hatten zwei offene Aufgänge, durch die manchmal der Wind pfiff, über drei Etagen das Weite suchend. Über die balkonartigen Gänge ging man an stumpfen Eisentüren vorbei und in den Türen gab es Klappen mit Briefschlitzen. Darüber fanden sich mechanische Schellen, die trocken ratterten, wenn man sie drehte.</p>
<p>Vor dem Umzug malte die Mutter die Siedlung schön und entzündete unsere leicht entflammbare Neugier. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, als sich der versprochene Abenteuerspielplatz und die Kettcars als unauffindbar herausstellten. Gleich am ersten Tag aber war Abenteuerlust geweckt. Vom dritten Stock schaute ich über die Landschaft, die mir an diesem Winternachmittag ein Versprechen war. Dort hinten Bahngleise mit einer hohen Brücke, auch Schrebergärten, begrenzt von verklumpten Feldern. Weiter hinten ein Teich, das schlanke Schilf schien zu winken. Unweit davon eine Fabrik mit Rohren und Schloten, von der aus sich ein schleichender Weg in geduckt stehende Häuser mit Gärten verlor. In dieser Fremde lockte die Weite der Landschaft. Ich war bereit, sie zu erforschen. Mein Bruder, ein Jahr jünger als ich, stand neben mir und brummte etwas in sich hinein. Dann ließ er mich stehen.</p>
<p>Anderntags war die Unternehmungslust verflogen und ich bedrängte meine Mutter mit dem Wunsch, in die alte Schule zurückzukehren, als hätte ich etwas geahnt. Ich könne doch mit dem Bus zur Schule fahren, beharrte ich. Das geht nicht, schrie sie, als spürte sie meine Not, ohne sie ertragen zu können.</p>
<p>Schneller als mir lieb war, stand ich am ersten Tag vor der Klasse und schämte mich, ohne genau zu wissen, warum. Nur zögerlich verriet ich den Namen meiner neuen Straße. Auch waren meine Mitschüler viel weiter im Stoff als ich. Und einmal, als alles vergessen schien, was ich schon gewusst hatte, kullerten all die aufgesparten Tränen aus mir heraus. Ungläubig nahm ich das betretene Schweigen wahr, wo ich doch Spott und Häme erwartete. Die Lehrerin tröstete mich mit ruhigen Worten und ein Schüler bot mir gleich seine Hilfe an. Das war mir neu. So wurden die letzten Monate in der vierten Klasse erträglich, und ich schaffte es, keine Fünf im Zeugnis zu bekommen.</p>
<p>In der Siedlung ließen die großen und kleinen Gruppen der Kinder keine Gelegenheit aus, meine Geschwister und mich herauszufordern. Meinen kleinsten Bruder, sechs Jahre alt, traf es zuerst. Eine Horde Dötze kam plötzlich angerannt und alle riefen erwartungsvoll, mein Bruder würde verkloppt. Ich zögerte kurz, dann ging ich doch, ohne zu wissen, was auf mich zukam. Schneller als mir lieb war, sah ich drei Halbstarke mit bestickten Jeanskutten. Sie hielten meinen Bruder kopfüber und reichten ihn herum wie einen Thunfisch. Mit einem Sicherheitsabstand schrie ich, das ist mein Bruder, hört doch auf! Sie ignorierten mich. Ich schrie weiter und ballte die Fäuste. Einer sah mich spöttisch an, ein anderer drohte: Ich solle mich vom Acker machen, sonst würde es was setzen. Ich ging einen Schritt nach vorne. Alle drei sahen mich plötzlich an, einer lachte auf, ein anderer nickte, während der dritte meinen Bruder auf die Wiese neben dem Plattenweg fast fallen ließ. Nicht dass der große Bruder uns noch verprügelt, sagte er. Sie lachten und gingen, als wäre nichts gewesen. Ich sprang zu meinem Bruder und zog ihn hoch, aber seine Beine zitterten so stark, dass er kaum gehen konnte.</p>
<p>Mein Auftritt hatte sich herumgesprochen und einer wollte es genauer wissen. Ein verächtlich blickender Junge versperrte mir mit verschränkten Armen den Weg und behauptete, hier gäbe es für mich keinen Durchgang. Seine Kumpels nickten und sahen mich erwartungsvoll an. Als ich weiterging, schubste er mich weg und ehe ich mich versah, war die Klopperei im Gange. Beide versuchten wir, den jeweils anderen in den Schwitzkasten zu bringen. Wütend warf ich ihn auf den Rücken und sogleich zerrte seine Schwester an meinem Arm. Während ich mich wehrte, traf mich sein Fußballschuh mit den Stollen ins Gesicht. Ich hielt mir das Auge, während mein Gegner schnell aufstand und eine etwas geduckte Abwehrhaltung einnahm. So ließen wir voneinander ab. Die anfeuernde Meute verstummte und schnell war allen klar: Unentschieden! Und da der Ritter, wie er gerufen wurde, als einer der Stärkeren angesehen und etwas älter war als ich, hatten wir fortan Ruhe vor unaufgeforderten Demütigungen. Mein blaues Auge galt als Zeuge meiner Wehrhaftigkeit. Und keine Träne nirgendwo, wohl von der Angst.</p>
<p>Nicht lange danach entdeckte ich den Affenkäfig. Das war ein kleiner eingezäunter Aschenplatz mit Toren, wie man sie vom Handball kennt, nur dass sie aus Eisen und nicht aus Holz waren. Aus Eisen war auch der hohe Gitterzaun, an dem manchmal Kinder hingen. Manche waren fast oben und brachten den Zaun zum Schwingen, um den lästigen Kletterkonkurrenten am Aufstieg zu hindern. Auf waghalsige Sprünge folgten nicht selten blutige Schrammen. Einmal führte der Übermut sogar zu einem gebrochenen Arm. </p>
<p>Im Affenkäfig wurde oft Fußball gespielt. Sehr beliebt war <em>Einmal berühren</em>, das meistens zu zweit gespielt wurde, wenn nicht genügend Spieler für ein Fummelspiel auf dem Platz waren. Im Spielfeld durfte der Fußball abwechselnd nur einmal berührt werden. Zuerst wurde der Ball, meistens eine abgeranzte Lederpocke, von einem Spieler nah an seinem Tor abgelegt, um mit einem direkten Schuss das Tor des Gegners zu treffen. Dieser durfte den Ball abwehren, Hände und Arme aber waren tabu. Hatte der Erste zu feste und auch noch daneben geschossen, prallte der Ball vom Zaun ab und rollte zurück, sodass der Zweite ihm so schnell wie möglich hinterherlief, um nah am Tor seines Gegners einen Bombenschuss abzufeuern. Oft wurde gezetert und geschimpft und an trockenen Tagen wirbelte der Staub auf und machte graue Arme und Beine. Wehe, der im Tor kam zu weit heraus aus seinem Kasten oder verstellte beim Zurücklaufen den Weg des Gegners! Das war alles nicht erlaubt, außer man war zufällig der weitaus Stärkere.</p>
<p>Wirkliche Freunde fand ich keine in der Siedlung, im Gegenteil, ich war oft auf der Hut. Nach ein paar Monaten, der Sommer war im vollen Gange, war ich einmal mit einer Gruppe von Jungen unterwegs, die mich mitnahmen zum nahegelegenen Teich, der fast ganz mit Schilf umwuchert war. Sie wollten mir etwas zeigen. Einen davon riefen sie Bierwitz. Und wenn sie riefen, kam er. Er schien wirklich fast alles zu machen, was die anderen verlangten, außer vielleicht Scheisse zu fressen. Besonders geschickt war er darin, Stichlinge zu fangen. Es dauerte nicht lange, da hatte er einen in der Hand. Dann suchte er einen dünnen Halm, schob ihn in den Rachen des zappelnden Tieres, bis er hinten wieder rauskam. Er lachte und seine Glotzaugen leuchteten vor Glück.</p>
<p>Später sprang Bierwitz sogar in die Köttelbecke, nicht weit vom Teich gelegen. Man versprach ihm ein silbernes Fünfzigpfennigstück, das er natürlich nie bekam (wer hatte schon so viel abzugeben). Ertrunken wäre er fast. Was ihn nicht davon abhielt, ein weiteres Mal für irgendein Versprechen hineinzuspringen. Die Tiefe und Strömung der Kloakenflüsse wurde unterschätzt. Wenn man einmal drin war, kam man schlecht wieder heraus. Das Betonbett war steil und glitschig. </p>
<p>   Eine Zeit lang war ich mit Detlef unterwegs. Er hatte vierzehn Geschwister. Vielleicht hatte ich Langeweile und lungerte deshalb am beuligen Maschendrahtzaun herum, als suche ich etwas auf dem kleinen Bauernfeld, über das wir oft gingen, um Wege abzukürzen. Detlef kam hinzu, und wir gingen zum Affenkäfig. Wir hätten wohl gerne eine Runde gepöhlt, aber es war niemand da und einen Ball hatten wir auch nicht. Aber <em>Einmal berühren</em> hätte ich nicht mit ihm gespielt. Wenn er am Verlieren war, schummelte er, blockierte den Weg zum Tor und trat mir auf die Füße, wenn ich kurz vor dem Schuss war. Jetzt fragte er mich, ob ich Lust auf Erdbeeren hätte, er wüsste, wo es welche gäbe. Er zeigte mit dem Kopf die Richtung an und ich ahnte schon, dass er die Schrebergärten meinte. Wir gingen durch ein hochgewachsenes Weizenfeld und enterten nach einigen Umwegen einen krüppeligen Jägerzaun. Viele Erdbeeren waren nicht mehr zu holen. Plötzlich sprang er über den Zaun zurück und schrie: Ein Dieb! Polizei! Schnell! – und zeigte auf mich. Ich erschrak und wollte auch über den Zaun klettern, um schnell Kniegas zu geben. Ich hatte noch im Ohr, dass hier einer wohne, der eine Schrotflinte habe. Doch Detlef schubste mich zurück. Ich nahm eine Handvoll Erde und warf nach ihm, aber er wich den stobenden Klumpen aus und lief dann lachend ins Weizenfeld.  </p>
<p>Ein noch anderes Kaliber als Detlef war Günna. Ich traf ihn zufällig auf dem Spielplatz neben der Sonderschule. Ich kannte ihn nur vom Sehen und er war mir nie geheuer. Er stand mit zwei weiteren Jungen an einem großen Schaukelpferd aus Holz. Ein Dritter schaukelte das ächzende Pferd so heftig, dass es vor eine Sperre stieß und er mit den Füßen abhob. Auch beim Rückschwung hielt er sich an den Griffen des Kopfes gut fest, um nicht herunterzufallen. Man schlug sich hier auch einmal zwei Vorderzähne aus. Als ich dazu kam, fragte Günna mit verschlagenen Augen, ob ich auch in seine Bande wolle. Bevor ich eine Antwort geben konnte, sagte er, dass ich eine Mutprobe machen müsse. Dann schrie er den auf dem Pferd an, der immer noch nicht genug hatte. Runter da! Der Junge, den sie Peule nannten, sprang mit einem weiten Satz von Pferd und landete im verdreckten Sand. Dann befahl Günna mir, mich vor das Pferd zu stellen und die Arme auseinander zu nehmen. Ohne zu wissen, warum, tat ich das und ehe ich mich versah, warf er ein Messer, das zwischen meiner Hüfte und einem Arm landete. Ich hörte es dumpf vibrieren.</p>
<p>Einige Jahre später musste Günna untertauchen. Er habe die Biege gemacht, hörte ich, anstatt die Strafe anzutreten. In der Zwischenzeit übte er sich an Brüchen in Kellern und Trinkhallen. Wirklich keine ausgezogene Autoantenne war sicher vor ihm. Bis er auf die Idee kam, dass Autoradios Kohle brachten.  </p>
<p>Zwischendurch machte er von sich reden, als er einem Jungen aus nächster Nähe einen selbstgeschnitzten Pfeil in den Oberschenkel schoss. Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Günna aber sprach nur selten und grinste umso häufiger, ohne dass man wusste, worüber denn. Wenn er sich schlug, war er gemein und man musste aufpassen vor Steinen in seiner Nähe. So wunderte es niemanden, dass an einem harmlosen Tag die Polizei wegen Günna die Siedlung umstellte. Man erwartete eine Verfolgungsjagd. Familien standen auf den Gängen und sahen Polizisten mit gezogenen Pistolen. Während die Polizei einige Wohnungen und Keller im vierten Bau durchsuchte, wurden die kleinen Kinder von den Eltern und Geschwistern grob in die Wohnungen gescheucht. Aus einem Polizeiauto drang bellend die Aufforderung, von den Gängen zu verschwinden und die Polizei nicht zu behindern. Man ignorierte das und sprach über Polizeischikanen an den Treffpunkten der Jugendlichen und Schläge auf der Wache. Jemand klagte über die schlechte Behandlung, sobald man die Siedlung einen Schritt verlassen habe. Zwischendurch überbot man sich mit Vermutungen darüber, was der Gesuchte noch alles verbrochen habe. Günna genoss einen gewissen Respekt, weil er mit der Polizei Katz und Maus spielte. Doch nicht jeder fand seine Taten gut. Dann ging das Gerücht, er habe eine Knarre. Da beschlich mich etwas wie Unruhe und Verachtung. Ich ging zum offenen Treppenhaus. Meine Mutter rief mir nach, ob ich verrückt sei, ich solle sofort zurückkommen. Ich hörte nicht auf sie, ich hörte gar nicht mehr auf sie. Die Bullen machen die Biege, rief jemand. Es kam von oben, vom dritten Gang. Mit Erleichterung und Bedauern blieb ich stehen und ging zum Gang zurück. Günna schien eine weitere Flucht gelungen zu sein. Tatsächlich trat die Polizei den Rückzug an und vereinzelt gab es Pfiffe und hämische Sprüche von den oberen Gängen.</p>
<p>Als ich in die Hauptschule kam, dauerte es nicht lange, da zeigte ein Junge aus einer Gruppe auf mich und rief: Der ist aus der Sonnenburg! Danach beachteten sie mich nicht mehr. Später wollte ich der Gruppe angehören, weil sie sich so lustig über die Filme vom Vortag unterhielten. Doch sie taten, als wäre ich gar nicht da. Als ich einfach stehen blieb, trat ein Blonder mit Sommersprossen auf mich zu und drohte: Ich solle verschwinden, Asoziale hätten hier nichts zu suchen. Zornig trat ich einen Schritt vor und er ging ohne ein Wort&nbsp;zur Gruppe zurück. Im Sportunterricht aber konnte ich mich rächen, vor allem beim Fußballspielen. Ich ließ sie alle stehen, locker. Auch war ich der Schnellste in der Klasse. Einige Mädchen nannten mich Speedy Gonzales.</p>
<p>In der Siedlung war unsere Küche zugleich das Wohnzimmer. Ich sehe die große Couch mit dem Küchentisch davor. Ich sehe die tiefe Fensterbank mit den ewig gleichen Pflanzen und der Flasche Bier des Vaters, die dort meistens stand. Die Flachmänner wusste er zu verstecken. Unter der Fensterbank war ein Schrank, dessen Türen klemmten, was zu manchem Tobsuchtsanfall führte. Darüber das große Fenster mit den weißen Gardinen. Eine Gardine auch vor der Balkontür daneben. Immer sauber und akkurat, als gäbe es kein anderes Lebensziel. Lange Zeit schrie die Mutter auf, wenn wir den dünnen Stoff achtlos beiseite schoben, um freie Sicht auf den Bau gegenüber und die Wiese davor zu haben, in der Hoffnung, dass sich da draußen etwas tut. Von der Küche ging auch eine Tür zum Kinderzimmer ab, das später das Schlafzimmer der Eltern wurde. Was nicht ganz stimmt. Der Vater schlief meistens auf der Couch, die Mutter mit den beiden Kleinen im Ehebett. Die drei ersten, im Abstand von genau 3 Jahren und 3 Wochen auf die Welt gepresst, teilten sich das Kinderzimmer. Zwölf Quadratmeter. Das Doppelstockbett war zweimal ein kleines Reich für sich. In der Anfangszeit teilte ich mit dem Bruder, der nach mir kam, das untere Bett. Manchmal sah ich, dass er mit Strümpfen ins Bett ging. Nicht, weil er fror, sondern weil er als erster angezogen sein wollte. Das war morgens, vor dem Weg zur Schule, ein erbitterter Wettstreit zwischen uns. Triumphgefühl für den, der zuerst Erster! rief, um dann im engen Schlauch der Toilette mit Duschkabine und Waschmaschine zu verschwinden, als sei erst dann der Sieg gesichert.</p>
<p>Die Küche war der größte Raum der ganzen Wohnung. Sie hatte eine Therme, darunter der wuchtige Spülstein aus Keramik. Einen Säugling hätte man darin baden können. Vielleicht hatte die kleine Schwester einmal das Vergnügen. Daneben stand anfangs ein Kohleofen, ohne den lange nichts ging. Bis später ein Herd den Ofen ersetzte. So viel weniger Staub auf einmal. Neben dem Staub waren für die Mutter auch die Fingerabdrücke der Kinder wie Benzin auf die glimmende Flamme ihrer Wut.</p>
<p>Neben dem Kühlschrank stand die Couch, die später durch eine Eckbank ersetzt wurde, als die ersten Kinder die enge Wohnung verließen. Auf der Couch lag immer eine Decke, ordentlich und stets glatt nachgezogen. Einmal aber war die Decke auch der Mutter egal und es gab kein lautes Schreien oder müdes Zetern. Das war 1974. Ich hatte Geburtstag, es lief das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Wir hielten es vor Spannung kaum aus. Ständig waren wir in Bewegung, konnten einfach nicht ruhig sitzen. Beim Spiel gegen die Schweden zuvor waren wir schon fast ausgerastet. Es stand 2:2. Der Vater war auf der Toilette. Dann fiel das 3:2 für Deutschland. Er hatte den Hosenschlitz noch offen, als er zurückkam und sich mit einem Satz vor dem Fernseher aufbaute. Wir schrien, lachten und umarmten uns. Beim Schlusspfiff lag die Decke dann auf dem Boden. Sie wurde sogar in die Luft geworfen, dass sogar die Mutter lachte.</p>
<p>Einmal stand ich an der großen Fensterbank und das Schnellgericht aus Vater und Mutter klagte mich als Unruhestifter an, als der Streitsüchtige, der immer das letzte Wort haben müsse. Sie drohten mir mit dem Heim. Zuletzt forderte der Vater mich auf, aus ihrem Leben zu verschwinden. Er schlug mich mit Worten, das machte er selten, aber dann mit aller Wucht. Zuvor schon litt meine Verteidigung unter Atemnot. Die Sätze fielen auseinander, bevor ich sie aussprechen konnte. Ich wusste nicht mehr, wie ich alles wieder geraderücken könnte und fand nur Worte ohne Trost.</p>
<p>Wenn in der Küche das Schreien meiner Mutter gegen das Chaos unberechenbarer Kinder keinen Widerhall mehr fand, fiel sie in eine erschöpfte Ohnmacht und stellte sich tot. Mit angewinkelten Beinen  lag sie im ärmellosen Kittel auf dem PVC-Boden, ihr Gesicht verborgen unter einem Arm. Manchmal lachten wir und stiegen über sie hinweg. Sie markiert doch nur! Einer meiner Brüder lachte, während der Kleinste im Türrahmen stand und vergessen weinte.</p>
<p>Seltene Stille gab es auch. Wenn niemand in der Küche war. Die welligen Gardinen, das Ticken der Wanduhr und das vertraute Zünden der Flamme im Boiler. Aber das war am Ende kein Versprechen, als würde doch noch alles gut. </p>
<p>Einmal gab es eine Nachzahlung, vielleicht war es auch ein Gewinn. Der Vater kommt mit einem Lächeln in die Küche und wirft lauter Geldscheine in die Höhe, die raschelnd und flatternd Reichtum versprechen. Spinner, sagt die Mutter grinsend und versucht noch einige Scheine zu packen. Wir betteln und erinnern die Eltern an ihre Versprechen. Später, sagt der Vater nur und die Mutter, lasst mich in Ruhe. Die Scheine verschwinden in ihrer Kitteltasche. Wir drängen, bis jeder schneller als erwartet fünfzig Pfennig für die Bude hat. Das war doch ein Vermögen, ein kleiner Schatz in der Hand, der ein wohliges, fast stolzes Gefühl auslöste. </p>
<p>An einem Tag hatte ich sogar zwei Markstücke dabei. Ich wusste noch nicht, was ich mir dafür kaufen wollte. Auf dem Weg zur Bude fragte mich ein Bruder von Detlef, ob ich Geld hätte und eine Runde mit Gallern wollte. Uli hatte diesmal nicht seinen Spitz dabei, was mir ganz recht war, da er nicht selten damit drohte, ihn von der Leine zu lassen. Um fünfzig Pfennig rief er, wenn schon denn schon. Er wechselte mir eine Mark und dann ging es los. Zu viert warfen wir die Münzen Richtung Bordstein. Uli war am nächsten dran und durfte als erster die vier Münzen hochwerfen. Er schüttelte sie lange in den gehöhlten Händen, spuckte auf den Handrücken und rief dann Zahl, bevor er sie in die Höhe warf. Dreimal Zahl. Gierig nahm er die drei Geldstücke und sah uns verächtlich an. Kaiser war als nächster dran. Er schnippte das Fünfzigpfennigstück mit dem Daumen nach oben und gewann mit Kopf. Ich verlor an dem Tag das ganze Geld und war wochenlang im Hader mit mir.</p>
<p>Aber Geld war nicht alles. Wenn es keinen Strom gab, abgestellt von den Stadtwerken, gab es Kerzen und vielleicht einen Spieleabend, der das Streiten der Geschwister leichter machte, weniger laut und verbissen. Und die Nachbarn halfen mit heißem Wasser oder einer Decke. Nach einigen Tagen aber vermisste ich den Fernseher. Meine Lieblingsserie war Bonanza und ich wollte keine Folge verpassen. Und ich weiss nicht mehr warum, aber eine Folge konnte ich ohne die Geschwister sehen. Der jüngste Cartwright war in der Schusslinie der Gangster. Er schaffte es nicht weg, rutschte immer wieder ab. Er war verzweifelt. Bis seine Rettung mich erlöste, kamen mir doch fast die Tränen. Verstohlen schaute ich zur Mutter, die auf ihrem Platz saß und mit geneigtem Kopf die Strümpfe der Kinder stopfte.</p>
<p>Ein Schock für mich war Aktenzeichen XY. Leichenteile in der Landschaft als attraktives Abendprogramm. Jemand findet einen Torso, später wird ein abgetrennter Arm gezeigt. Die stillen Wege konnte ich danach nicht mehr gehen, ohne zu zögern und dann zu rennen. </p>
<p>Lange Zeit sahen wir auch die Hitparade. Dazu passend das alberne Gekicher, wenn wir den Dieter-Thomas Heck parodierten. Bescheuerte Blagen, rief die Mutter, hört endlich auf! Mit vierzehn war dann Schluss mit Schlager. Ich entdeckte Discomusik, Hardrock und später den Blues. Ich war der Erste in der Familie, der eine LP kaufte. Led Zeppelin. Ich war enttäuscht, weil es darauf keine harten Gitarrensolis gab. Die Platte war fast zu schade für den Plattenspieler, ein roter Koffer mit einem Deckel, in dem ein kleiner Lautsprecher steckte. Später bastelte ich das Teil als Verstärker für meine erste E-Gitarre um, die so billig war, dass sie sich nicht wirklich stimmen ließ. Als ich das erste Mal die schrägen verzerrten Töne hörte, sprang ich vor Freude in die Luft und aus der Küche hörte ich meine Mutter schreien. Das war schon Hardrock vom Feinsten.</p>
<p>Die Musik und auch die Langeweile halfen mir, endlich auch außerhalb der Siedlung akzeptiert zu werden. Im Jugendheim machte mein Musikgeschmack von sich reden. Auch hatte ich Ideen, die ich als solche gar nicht wahrnahm. So lief ich mit einem Kassettenrekorder herum und nahm Gespräche auf. Das war oft lustig, das unterhielt, etwa die Interviews mit witzigen Fragen und lauter Albernheiten. Ich spürte, dass meine Straße nicht nur Makel war.</p>
<p>Als ich mich 1977 auf eine Stelle als Elektroinstallateur bewarb, eingestielt durch meinen Stiefopa, der am anderen Ende der Stadt wohnte, war mir bange ums Herz, während ich an die unausweichliche Frage nach meinem Wohnort dachte. Sonnenburg war keine Option.<br></p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[]]></dc:subject>
      <dc:date>2025-06-25T10:25:00+00:00</dc:date>
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