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    <title><![CDATA[wandelkern.de worte]]></title>
    <link>https://wandelkern.de/wort</link>
    <description></description>
    <dc:language>deutsch</dc:language>
    <dc:rights>Copyright 2026 Wandelkern</dc:rights>
    <dc:date>2026-04-22T10:15:00+00:00</dc:date>
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    <item>
      <title><![CDATA[Satire: Stadtangst ]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/stadtangst</link>
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      <description><![CDATA[<p>Meine eigene Schreibtätigkeit hat in der Zwischenzeit eine kleine Bestätigung erfahren. Beim 6. Literaturwettbewerb der <a href="https://ruhrpoeten.org/preisverleihung-buchpraesentation/" target="_blank">Ruhrpoeten</a> in Gelsenkirchen habe ich einen dritten Platz mit der Satire „Stadtangst“ erreicht.&nbsp;Die Preisverleihung findet am Donnerstag, den 23.04.2026, im <a href="https://hieristnichtda.de/literatur/ruhrpoeten-zwischen-uns-preisverleihung-und-buchveroeffentlichung-des-literaturwettbewerbs/" target="_blank">Hier ist nicht da</a> in Gelsenkirchen&nbsp;statt. Die ausgewählten Texte sind zudem in der <a href="https://klartext-verlag.de/buecher/belletristik/6702/zwischen-uns" target="_blank">Anthologie „Zwischen uns“</a> veröffentlicht worden und bereits erhältlich.</p> <h3>Stadtangst</h3>
<p></p>
<p>Unbekannte Nummer! Er schaute auf das Display, als wäre er mit einer Anmaßung konfrontiert. Sein bereits ausgestreckter und etwas schief geratener Zeigefinger zögerte. Aber die Neugier siegte. Das hatte er vorher schon gewusst.</p>
<p>„Ja?”</p>
<p>„Ja?”</p>
<p>„Ähm ja, Martin Tanner mein Name.”</p>
<p>„Ich interessiere mich für den Tageskurs gegen Stadtangst, diese vier Level”, sagte der Anrufer in einer Tonlage zwischen Hoffnung und Skepsis.</p>
<p>„Was?”, fragte Tanner in einer Tonlage, als würde er gerade aus einem Traum erwachen.</p>
<p>„Bin ich denn nicht richtig bei Stadtangst ade? Wie hieß die Seite denn noch? Ah, Moment – therapie-gegen-stadtangst.de.” </p>
<p>„Ähm, ah ja, ja genau. Wie haben Sie <em>die</em> denn gefunden?”</p>
<p>„Über Bing.”</p>
<p>„Über Bing?”</p>
<p>„Ja, Bing, kennen Sie nicht?”</p>
<p>„Dochdochdoch, Bing, genau, habe ich schon mal gesehen.” </p>
<p>Tanner hörte ein Schnaufen auf der anderen Seite der Gesprächs, dessen Ende wohl nun in seiner Hand lag. Er beeilte sich zu fragen, was er denn für den Anrufer tun könne, und war unzufrieden mit der Hast seiner Frage.</p>
<p>„Ich würde Sie gerne buchen, und ob Sie noch Termine frei haben?”</p>
<p>„Ah, Termine, die lieben Termine, die machen einem so oft einen Strich durch die Rechnung.”</p>
<p>„Keinen mehr frei?” – und in dem Schnaufen des Anrufers war deutlich die Enttäuschung zu hören.</p>
<p>„Dochdochdoch, ich meinte nur so. Aber diese Woche nicht mehr.” – Schließlich brauchte Tanner eine Denkpause; diese Gelegenheit kam einfach zu unerwartet<em>.</em></p>
<p>„Schön, kein Problem, so dringend ist es nicht – ich muss auch erst in gut drei Wochen nach Gelsenkirchen. Ich komme ja etwas von außerhalb. Aber bieten Sie Gelsenkirchen denn überhaupt an?”</p>
<p>„Zufällig wohne ich hier, Gelsenkirchen ist sozusagen meine Spezialstadt.” Wäre es nur ein einsamer Gedanke gewesen und kein Teilnehmergespräch, Tanner hätte sofort gelacht. Zugleich fiel es ihm leicht, den Impuls zu unterdrücken; dafür war die Situation eben viel zu ernst.</p>
<p>„Was für ein Glück für mich”, sagte der Mann, und eilig schob er hinterher: „Ginge es denn nächste Woche schon?”</p>
<p>In letzter Sekunde verschluckte er ein Ja und betonte die Suche nach seinem Kalender, der, papiertreu wie Tanner eben war, noch aus Baumresten bestand und natürlich nicht dort lag, wo er liegen sollte.</p>
<p>„Einen Moment bitte.”</p>
<p>„Kein Problem, das kenne ich.”</p>
<p>Tanner verbreitete in den nächsten Sekunden hörbare Suchanstrengungen. Den Kalender vor Augen, raschelte er mit einem Blatt, schob an einer Espressotasse, deren Cremareste ihn an dunkle Schuhcreme erinnerten, und rief: „Sekunde, bitte”, während der potenzielle Teilnehmer hörbar wohlwollend „kein Problem“ versprach.&nbsp; </p>
<p>„Und Sie möchten …”</p>
<p>„… alle vier Level buchen!”</p>
<p>„Ah, ähm, ja, alle vier Level. Gerne.” </p>
<p>Tanner blätterte noch eine Runde in seinem Kalender.</p>
<p>„Ähm, ja, ginge es am Mittwoch um 10 Uhr?”</p>
<p>„Perfekt”, war die Antwort, und der Anrufer schob hinterher, dass er in dieser Woche Urlaub habe und wie gut es das Universum mit ihm meinte, dass Urlaub und Termin so gut zusammenfielen.</p>
<p>„Ja, das ist prima”, bekräftigte Tanner, während er überrascht den metallenen Drehbleistift auf das Papier setzte und fragte:</p>
<p>„Wen kann ich denn eintragen?”</p>
<p>„Ach so, na klar. Walter Walther. Aber der Nachname mit TH, und der Vorname ohne H.” Herr Walther schien angestrengt zu pausieren, bevor er ausatmend hinzufügte: „Immerhin.”</p>
<p>„Sehr schön, also Walter nur mit T, Herr Walther?”</p>
<p>„Ganz genau.”</p>
<p>Tanner hätte nicht sagen können, was ihn zu der folgenden Idee verführt hatte, aber er hörte sich mit ungewöhnlich sachter Stimme Sätze sagen, die ihrer Zufälligkeit entsprechend leicht holprig daherkamen.</p>
<p>„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber bevor ich” – er stockte, und wie Symbole eines Spielautomaten liefen die Wörter <em>Patient, Klient, Kunde</em> durch sein altes Hirn – „Teilnehmer annehme, stelle ich immer” – er fühlte sich mit diesem <em>Immer</em> deutlich unwohler, aber zum Glück nur für einige Millisekunden – „eine Frage, die auf den ersten Blick mit dem Thema nichts zu tun hat.”</p>
<p>„Nur zu, ich bin auf alles gefasst. Wenn ich schon jemanden anrufe, der mir bei der Entsorgung” – der Anrufer grunzte einen Lacher an – „meiner Stadtangst helfen könnte,” – er betonte das „könnte“, indem er das „ö“ ziemlich dehnte, vielleicht war es auch ein Sprachfehler – „dann muss ich wohl sowieso auf einiges gefasst sein.”</p>
<p>„Natürlich im positiven Sinne”, sagte Tanner.</p>
<p>„Genau, genau. – Gut, dann raus damit!”, rief der Mann etwas zu gut gelaunt.</p>
<p>„Was denken Sie über die Bezieher von Bürgergeld?”</p>
<p>Schweigen, nicht laut, aber deutlich. Zwei Sekunden vielleicht, und die können lang sein. Tanner dachte schon, Herr Walther würde auflegen, was ihm recht gewesen wäre, aber zwei Sekunden reichten nicht aus, um das zu erkennen.</p>
<p>„Ich lese keine BLÖD, wenn Sie das meinen.” Es klang leicht beleidigt, doch auf dem „Blöd“ lag auch ein Hauch Amüsement.</p>
<p>„Sie sind aber schnell im Kopf!”, sagte Tanner, und der Respekt, der mitklang, war nun wirklich echt.</p>
<p>„Danke sehr.”</p>
<p>„Ohne eine gewisse Durchlässigkeit im Denken kann ich eben nicht helfen.”</p>
<p>„Bingo.” Dieser Ausruf schien gar nicht zu Herrn Walther zu passen. Aber gut, Tanner war nun fest entschlossen, seinem ersten Teilnehmer zu helfen, während eine Level-Idee in ihm aufkeimte.</p>
<p></p>
<p>Herr Walther kam tatsächlich. Tanner hatte ihm versichert, dass er in einem ruhigen Stadtteil wohne und das Level 1 in einer Wohnung stattfinden würde. Das Leben draußen warte auf sie, sie würden es beobachten. Bei Kaffee und Tee, Herr Walther bevorzugte Kräutertee, saßen sie an einem Tisch und schauten aus dem großen Fenster, während Tanner erzählte, wer hier alles wohnte und wie divers und friedlich es hier sei. Wie zur Bestätigung erschienen manche der Nachbarn, als wollten sie Tanners Erzählungen zuvorkommen. Sie kamen aus den Haustüren oder traten auf die Balkone des schräg gegenüberliegenden zweistöckigen Reihenhauses, das zu den zahlreichen gleichförmigen Bauten einer Wohnungsbaugesellschaft gehörte. Wie die dickliche Frau mit dem Kopftuch, die sehr gründlich den Flur putzte und am Eingang zwei kleine Pflanzen setzte. Wie der Junge, der heute sehr spät von dem Kleinbus mit Behindertenzeichen abgeholt wurde. Zuletzt kam sogar noch die alleinerziehende Frau eilig um die Ecke, den schweren Maxi-Cosi in der Armbeuge (die Beine des Kindes baumelten lang heraus), beladen mit einer Umhängetasche und einer prallen Plastiktüte. Schwer zu tragen habe sie, sagte Tanner, während Herr Walther das Interesse zu verlieren schien und auf einmal die Ruhe lobte, die hier herrsche. Und die vielen großen Bäume, die seien ihm schon bei der Ankunft aufgefallen. Tanner freute sich, denn an den Bäumen hatte er jeden Tag seine Freude und die Ruhe wunderte ihn auch immer wieder.</p>
<p>„Aber wir wollen jetzt auch nicht zu sehr idealisieren”, sagte Tanner, und Herr Walther bemühte leicht betroffen seine Stirnfalte.</p>
<p>„Letztens hat ein älterer Mann hier seinen gewienerten Wagen hingestellt und sehr lange mit einem sehr lauten, sehr hochfrequenten Staubsauger gesaugt. Der war wohl dem Feinstaub auf der Spur. Und dann ist der Nachbar von oben runtergekommen und hat angefangen, auf den mit dem Staubsauger einzureden, weil der Nachbar es nicht einsah, dass man gerade hier im ruhigen Hof sein Auto so laut saugen müsse. Der ältere Mann ignorierte ihn mehr stur als stoisch, bis der Nachbar einfach ging, weil er nach einiger Fuchtelei einsah, dass er auch mit dem Staubsauger hätte schimpfen können.”</p>
<p>„Und sonst ist nichts passiert?”</p>
<p>„Jedenfalls habe ich nichts gehört. Keine Schlägerei, und auch niemand, der gleich einen Angriff fantasiert hätte.”</p>
<p>„Ja, haha, man muss es auch nicht übertreiben”, sagte Herr Walther etwas pikiert.</p>
<p>„Eben. – Was meinen Sie, sind Sie bereit für Level 2?”</p>
<p>„Bingo!”</p>
<p></p>
<p>Auf dem Weg in einen Biergarten, vorbei an einem See und kleinen Wiesen, gesäumt von alten und jungen Bäumen, fragte Herr Walther, wie er auf die Idee gekommen sei, diesen Tageskurs anzubieten.</p>
<p>„Auf einer Wanderung behauptete eine Frau, sie würde auch im Hellen nie allein durch Duisburg gehen. Ich fragte, ob sie Marxloh meine, aber sie verdächtigte ganz Duisburg. Mit einer Ehrenrettung der Stadt hatte ich keinen Erfolg, sie beharrte auf ihrer Duisburgpanik.”</p>
<p>„Verrückt”, murmelte Tanners Teilnehmer und fragte, ob er auch Duisburg im Programm habe.</p>
<p>„Ja, Duisburg, Herne auch …”</p>
<p>„Herne auch?”</p>
<p>„Genau, teilweise, genauso wie Dortmund.”</p>
<p>„Und auch ausländische Städte sogar?”</p>
<p>„Ausländische? Hm, ja, gute Idee. Aber ohne Partner vor Ort ginge das wohl nicht.”</p>
<p>Tanner schien selbst nicht daran zu glauben, denn das&nbsp;Wort Partner entkam in einer Art gedankenverlorenem Duktus, bis der Folgesatz&nbsp;beglaubigte, wie schnell man sich in&nbsp;Tanner täuschen konnte.</p>
<p>"Aber Gaza oder Moskau wären nicht meine Liga."</p>
<p></p>
<p>Im Biergarten, der viele Sitzgelegenheiten unter alten Platanen und sogar direkt an einem Teich mit Wasserfontäne bot, gingen beide auf die Ausgabestelle zu, die in einem alten Häuschen mit gekachelten Fenstern untergebracht war. Sie kamen gleichzeitig mit einem robust gebauten Mann mit schwarzem Dreitagebart an, der ihnen mit ausgestreckter Hand bedeutete, dass er sie vorlasse. Tanner bedankte sich mit einem Lächeln. Es kam zu einem kurzen Austausch über die Kunst des Wartens, während Herr Walther etwas linkisch auf Abstand blieb. Und kaum saßen sie mit ihren Getränken auf den schweren Klappstühlen aus Eisen und Holz, da hörte Tanner:</p>
<p>„Was wollte der mediterrane Kollege denn?”</p>
<p>„Wie bitte?”</p>
<p>„Ähm … ja … der Mann gerade”.</p>
<p>„Ich glaube … nur freundlich sein. Was vermuten Sie?”</p>
<p>„Hm … irgendwie schien’s mir … scheinheilig?”</p>
<p>„Wegen der dunklen Haut?”</p>
<p>„Hm, nee …,” haspelte Herr Walther, während er abrupt fortfuhr: „Er sprach auch perfekt Deutsch.”</p>
<p>„Dritte Generation wohl”, sagte Tanner, während er ein wenig grimmig in seinen Kaffeepott schaute. „Ohne alle drei wäre Gelsenkirchen aber richtig arm.”</p>
<p>„Vermutlich”, sagte Herr Walther etwas gedehnt und schaute noch einmal zur Ausgabe herüber.</p>
<p>„Der Kaffee ist hier nicht der beste”, sagte Tanner und rührte ungehalten das Kakaopulver aus dem Schaum. „Unsitte”, murmelte er.</p>
<p>„Aber gut, wenn Sie wollen, können wir gleich Level 3 entern”, sagte Tanner, während er mit einem letzten Kopfschütteln den Cappuccino im Pott betrachtete. Herr Walther, der mit seinem Tee offensichtlich zufrieden war, nickte aufmunternd und sagte, wenn drei auch so leicht sei, folge er gerne.</p>
<p>„Innenstadt”, sagte Tanner und wartete auf eine Reaktion, doch Herr Walther sah ihn nur ungerührt an. Da habe sich einiges getan, fuhr Tanner fort, und dort gebe es echt guten italienischen Kaffee, auch wenn man von Gelsenkirchen eher so eine Plörre wie hier erwarten würde.</p>
<p>„Und wirklich interessante Teesorten”, fügte er schnell hinzu. </p>
<p>„Umso besser”, sagte Herr Walther.</p>
<p>„Gut, dann fahren wir mit der Straßenbahn, die Haltestelle ist nicht weit”, sagte Tanner.</p>
<p>„Straßenbahn? – Wir können auch gerne mein Auto nehmen.”</p>
<p>„Den ganzen Weg wieder zurücklaufen? Die Haltestelle ist nicht weit. Außerdem parkt es sich auch in der ärmsten Stadt der Republik nicht gut.”</p>
<p>„Vielleicht gerade deswegen?”</p>
<p>„Das kann auch sein. Es sind nur sieben Haltestellen. Wir fahren auch an der Arena vorbei, die lebt und lebt gegen jedes Vorurteil.”</p>
<p>„Kenne ich! Schönes Stadion”, sagte Herr Walther. „Trat dort nicht im letzten Jahr diese Popikone auf?”</p>
<p>„Ja, genau. Sie hat’s überlebt.”</p>
<p>Beide lachten.</p>
<p>Als sie später an der Haltestelle standen, wollte Herr Walther doch nicht mitfahren, da er sich schon recht geheilt fühle. Tanner ließ es sich aber nicht nehmen, den Cafébesuch in der City und den lockeren Kontakt zu einem beliebigen Bettler als Elemente von Level 3 anzusprechen.</p>
<p>„Und Level 4?”, sagte Herr Walther.</p>
<p>„Bahnhof!”</p>
<p>Sie schwiegen.</p>
<p>Was er denn für seine Dienste bekäme, fragte Herr Walther, als sie gemeinsam zu seinem Auto gingen. Tanner zögerte, räusperte sich, ja schien verlegen.</p>
<p>„Gar nichts”, sagte er. „Stadtangst&nbsp;ade … ist nur ein Spaß gewesen."</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-04-22T10:15:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Eine Hochglanz-Notdurft]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/eine-hochglanz-notdurft</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/eine-hochglanz-notdurft#When:11:27:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p><strong>Im Februar 2026 habe ich „Eine Hochglanz-Notdurft“ im <a href="https://www.wohnzimmer-ge.de/" target="_blank">Wohnzimmer GE</a>&nbsp;in Gelsenkirchen gelesen. Sie kam insgesamt gut an.&nbsp;Dabei habe ich jedoch gemerkt, an welchen Stellen es Längen gibt, die für eine Bühnenfassung weniger geeignet sind.&nbsp;Deshalb gibt es hier zwei Versionen der Satire: zuerst die Langfassung, anschließend die Bühnenfassung, die sich auch für einen Poetry Slam eignet.</strong></p>
<p><strong>°.°</strong></p> <p>Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken. Drangstufe Rot kündigt sie schon mal an. Aber ich werde kein Männeken-Piss am Rhein sein. Wenn ich schon Wildpinkeln muss, dann lieber versteckt. Also suche ich ein einsames Pinkeleckchen. Aber das einsamste, was ich entdecke, sind Gassigassen zwischen parkenden Autos.</p>
<p>Dahinten steht ein Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. Dort angekommen, starre ich äusserst grimmig auf das kleine Display, auf dem Besetzt steht. War ja klar, denke ich. Und warte.</p>
<p>Endlich öffnet sich die Tür. Unendlich langsam. Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert. Unendlich langsam schließt die Tür auch wieder, dazwischen mit Verschnaufpausen. Endlich zu! Und ich verbeuge mich.</p>
<p>Das Display aber meldet immer noch besetzt. Ich grolle. Das wirkt. Jetzt steht da nämlich: Reinigung. Ich lausche. Seltsame Geräusche kommen aus dem Häuschen. Die Reinigung muss sehr gründlich sein. Wenig später fechten ungeahnter Harndrang und schwindende Impulskontrolle: Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung! Um mich abzulenken, wische ich mit der EC-Karte am Terminal herum. Derweil heißt es weiterhin: Reinigung. Ich will schon austreten, da leuchtet es: Besetzt. </p>
<p>Bevor ich das begreife, darf ich endlich zahlen. Ich halte die Karte ohne Zittern. Ja, Zahlen geht natürlich schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu. Entgeistert schaue ich sie an. Will sie jetzt mit Blicken zwingen. Dann schleicht sie auf. Ich drücke mich hinein und noch so eben unterlasse ich das Treten. </p>
<p>Sanfte, schwebende Klänge empfangen mich. Als sei ich in der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen. S</p>
<p>ie könne jederzeit wieder geöffnet werden.&nbsp;</p>
<p>Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein. Ich drücke auf die grün leuchtende Taste.&nbsp;</p>
<p>Ich drücke noch mal, ich drücke noch einmal, dann drücke ich noch zweimal und warte. Dann schleicht sie sich endlich! </p>
<p>Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel. Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über? Was für eine existentielle Frage! Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit kann sich Sitzen auch mal lohnen. Ich will nicht mit gebeugten Knien dastehen, um nicht alles vollzumachen. Für mich ist Pinkeln weder Reviermarkieren noch eine regressive Kachelbewässerung. </p>
<p>Aber da ist die Hose schon unten. Ich setze mich mit stiller Vorfreude. Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik. Und lass es fließen. Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei und mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer. Da weckt mich die sanfte Stimme von eben. 15 Minuten Zeit gibt sie mir. Sehr großzügig, da kann man ja drei Geschäfte machen. Aber was, wenn jeder die 15 Minuten nutzt, auch wenn er nur klein muss? Schließlich hat man einen Euro bezahlt, die Zeit steht einem doch zu! </p>
<p>So siniere ich, während die Erkenntnis auf mich zuströmt, dass auch eine leere Blase einen unguten Draht zum Verstand haben muss. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich hier immer noch sitze. Also stehe ich jetzt auf, hole die Hose zurück, da wo sie hingehört und nehme Abstand von der Schüssel, wer weiss, wann und wie wild sie reinigt.</p>
<p>Ah, der Waschautomat, auch der hat hochwertige Tasten, rundum beleuchtet, aber er spricht nicht mit mir. Ich drücke auf Wasser und spare mir die Seife, den Trockner lasse ich ruhen. </p>
<p>Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung typisch dümmlichen Gesichtsausdruck schaue ich in den Spiegel und wende mich gleich wieder ab. Da sehe ich beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber. </p>
<p>Das ist doch niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen: Gut geschissen zum Beispiel oder: Abzocker, wir kriegen Euch! </p>
<p>Bewertung ignoriere ich. So wie Insta, X und Zuckerbook. Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi namens „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.</p>
<h3>Die Bühnenversion:</h3>
<p><strong>Eine Hochglanz-Notdurft</strong><br><br>Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken.&nbsp;</p>
<p>Spontan wie sie ist, meldet sie schon mal Drangstufe Rot an.&nbsp;</p>
<p>In meiner Not nimmt meine Sehkraft um gut 1 Dioptrin zu und ich sehe in der Ferne einen Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. –&nbsp;Und jeder Stechschritt fühlt sich an wie eine Blasenbelebung.</p>
<p>Dort angekommen, starre ich proaktiv grimmig auf das putzige Display, auf dem Besetzt steht. Nach gefühlt 12,5 Minuten qualvollen Bittens, Quängelns und Drängens, öffnet sich die Tür.&nbsp;</p>
<p>Langsam, sehr langsam.&nbsp;</p>
<p>Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert.&nbsp;</p>
<p>Langsam, sehr langsam –&nbsp;schließt die Tür auch wieder, während ich den Impuls unterbinde, sie mit blossen Händen aufzuhalten.&nbsp;<br><br>Mit einem  mir spöttisch vorkommenden Seufzerton erreicht sie das Ende ihres Weges. Und das putzige Display? Behauptet steif und fest: Besetzt.</p>
<p>Und während ich mich auf die Verkrampfung meines Beckenbodens konzentriere, steht da plötzlich: Reinigung.&nbsp;</p>
<p>Sekunden später fechten gebeultete Willenskraft, verkrampfte Oberschenkel und schwindende Impulskontrolle: <br>Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung!&nbsp;</p>
<p>Ich will schon austreten, da leuchtet es charmant: Besetzt.&nbsp;</p>
<p>Aber zahlen darf ich schon.&nbsp;</p>
<p>Zitternd halte ich die Karte vor. Boah, ging das schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu.&nbsp;</p>
<p>Zum Glück falle ich kurz in eine Art Schockstarre und erwache rechtzeitig, als die Tür sich gütig schleicht.</p>
<p>Sanfte, schwebende Klänge, wie aus der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats, empfangen mich. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen.&nbsp;</p>
<p>Sie könne jederzeit wieder geöffnet werden.&nbsp;</p>
<p>Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein.&nbsp;</p>
<p>Ich drücke auf die grün leuchtende Taste. Ich drücke noch mal. Ich drücke noch einmal. Dann drücke ich noch zweimal mit zwei Daumen jetzt, und warte mit zusammengebissenen Schenkeln.&nbsp;</p>
<p>Dann schleicht sie sich endlich!&nbsp;</p>
<p>Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel.&nbsp;</p>
<p>Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über?&nbsp;</p>
<p>Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit – und ich meine hier nicht den Rhein – kann sich Sitzen auch mal lohnen.&nbsp;</p>
<p>So vermeide ich nicht nur die allseits bekannte Reviermarkierung, auch die so beliebte&nbsp;Kachelbewässerung wird buchstäblich – aber da ist die Hose schon unten.&nbsp;</p>
<p>Ich setze mich mit stiller Vorfreude.&nbsp;</p>
<p>Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik.&nbsp;</p>
<p>Und lass es fließen.&nbsp;</p>
<p>Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei.&nbsp;</p>
<p>Mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer.&nbsp;</p>
<p>Da weckt mich die sanfte Stimme von eben.&nbsp;</p>
<p>15 Minuten Zeit gibt sie mir.&nbsp;</p>
<p>Wie großzügig, da kann hier sogar eine Großfamilie gemütlich pinkeln.&nbsp;</p>
<p>So siniere ich, und beschließe nun doch schon aufzustehen. Dabei mache ich unwillkürlich einen Sprung noch vorn, wer weiß, ob nicht vorher schon spritzig gereinigt wird.</p>
<p>Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung leicht dümmlichen Gesichtsausdruck drücke ich die edelstahlgefasste Taste für Wasser und schaue mich um. Da sehe ich erneut beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber.&nbsp;</p>
<p>Das ist niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen:&nbsp;</p>
<p>Gut gekackt zum Beispiel.&nbsp;</p>
<p>Oder: Abzocker, wir kriegen Euch!&nbsp;</p>
<p>Bewertung ignoriere ich. Auch auf das laue Lüftchen des WC-Trockners verzichte ich. Ich&nbsp;reibe meine Hände an den so schön&nbsp;trocken gebliebenen Hosenbeinen.&nbsp;</p>
<p>Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.<br></p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[N,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-03-07T11:27:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Spritzwasser mit Würde]]></title>
      <link>https://wandelkern.de/wort/spritzwasser-mit-wuerde</link>
      <guid>https://wandelkern.de/wort/spritzwasser-mit-wuerde#When:14:20:00Z</guid>
      <description><![CDATA[<p>Letztens in der Küche.</p>
<p>Ich will mir einen Kaffee machen und wärme zuvor das edle Expressoglas auf.</p>
<p>Nicht wundern, ich sage immer Expresso, das ist ein Straf… nein, kein Straffehler, sondern ein Sprachfehler von mir. Sie können beides nun als freudsche Versprecher interpretieren, aber das geht mich dann&nbsp;nichts mehr&nbsp;an. Denn sowas im Zusammenhang mit der Küche, nee, da bin raus.</p> <p>Also, ich vor dem Aufwärmen des Expressoglases. Klug mit der Siebträgermaschine. Modernes schlankes Teil übrigens. Ich drücke auf die freundlich mir zuleuchtende Taste.</p>
<p>Und vergesse den Siebträger reinzutun.</p>
<p>Alles, wirklich alles spritzt voll.</p>
<p>Maschine.</p>
<p>Möbel.</p>
<p>Menschenwürde.</p>
<p><br></p>
<p>So wie ich früher auf sowas reagiert habe, das kennen Sie sicher nicht aus eigener Erfahrung.</p>
<p>Aber ich erzähl’s Ihnen trotzdem.</p>
<p>„Fuck. Scheißdreck. Meine Fresse.“</p>
<p>Oder etwas energetischer:</p>
<p>„FUCK! SCHEIßDRECK! MEINE FRESSE!“</p>
<p>Spüren Sie auch die Wut da drin?</p>
<p>Aber zum Glück kann man die Gefühle einer Maschine nicht verletzen.</p>
<p>Ich war wohl nicht zufällig die meiste Zeit Single.</p>
<p><br></p>
<p>Und nun die gute Nachricht.</p>
<p>Ich bin immer noch Single,</p>
<p>aber ich habe mich verändert.</p>
<p>Heute bin ich&nbsp;so:</p>
<p>Unheimlich ruhig.</p>
<p>Mit lockerer Eleganz nehme ich den Siebträger,</p>
<p>drehe mich tänzerisch um die eigene Achse</p>
<p>– und meine kleine Küche ist wirklich&nbsp;klein –</p>
<p>und drehe das sattschwer in der Hand liegende Teil souverän ein,</p>
<p>während das Wasser schon spritzt.</p>
<p>Und das mit einer Grazie,</p>
<p>die mir zeigt,</p>
<p>was für ein feiner Mensch ich bin.</p>
<p>Dann nehme ich meinen wunderbaren Spüllappen,</p>
<p>der nur für Wasser zuständig ist</p>
<p>und wische mit Würde das Spritzwasser weg.</p>
<p>Tiefenentspannt wie ein Zen-Meister.</p>
<p>Manchmal pfeife ich sogar eine Klaviermelodie</p>
<p>von Satie</p>
<p>Ungefähr so … aber das lassen wir lieber</p>
<p><br></p>
<p>Jetzt fragen Sie sich bestimmt,</p>
<p>und ich muss dafür nicht ihre Gesichter schauen:</p>
<p>Wie kann man sich so ändern?</p>
<p>Sie wissen ja selbst, wie schwer das ist.</p>
<p>Waren schon auf zig Yoga-Retreats.</p>
<p>Nicht nur Yoga, auch Meditationskurse en masse.</p>
<p>Haben viele, sehr viele Achtsamkeitsanleitungen</p>
<p>über sich ergehen lassen.</p>
<p>Mindestens eine Psychoanalyse</p>
<p>Drei bis vier Körpertherapien.</p>
<p>Aber reichte es?</p>
<p>Man bleibt doch immer der Alte oder eben die Alte.</p>
<p>Oder?</p>
<p>Man ändert sich doch nur widerwillig.</p>
<p>Nicht wahr?</p>
<p>Man ändert sich so schwer.</p>
<p><br></p>
<p>Tja, wie habe ICH das nur gemacht?</p>
<p>Die Frage wird hier immer dringlicher.</p>
<p>Das spüre ich grad im Hier und Jetzt.</p>
<p>Soll ich es Ihnen verraten, wie ich das geschafft habe, mich so fundamental zu verändern?</p>
<p>Okeh, Sie haben’s so gewollt.</p>
<p>Tief durchatmen, ausatmen nicht vergessen, die Augen leicht geschlossen.&nbsp;</p>
<p>Und jetzt kommt sie. Die Wahrheit. Die bittere:</p>
<p><br></p>
<p>Gar nicht – ich habe das gar nicht geschafft.</p>
<p>Das war nur ein kleiner Bühnentraum.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[S,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-02-28T14:20:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Melancholie – Versöhnung]]></title>
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      <description><![CDATA[<p>Auf einmal ist der Abend da. Ockerfarbenes Licht liegt über der hügeligen Landschaft. Weit hinten eine Wiese, die in einer sanften Mulde liegt. Die Kühe darauf wirken, als wären sie nur aufgestellt. Auf der langen geraden Straße glänzen rote Lichtflecken hier und dort. Kein Auto aus der Gegenrichtung, keines drängt zur Geschwindigkeit. Carl legt auch die andere Hand auf das Lenkrad und beugt sich leicht nach vorn. Spürt er das Sirren vor einer Versöhnung, als locke das Licht da draussen Erinnerungen? Was ist da federleicht statt schwer, was dazwischen – Schmerz?</p> <p>Er sieht sich mit dem Rad unterwegs, noch gar nicht lange her, am frühen Abend auf einem schmalen Weg. Neben sich ein gelbes Feld reifen Getreides und auf der anderen Seite der Kanal. Großväterlich fließt er dahin, gesäumt von jungen Birken, die mit hängenden Blätterfäden ein Brisenkind einfangen. Das Kitzeln der Tränen, als trösteten sie die Haut, als beweine der Verlust sich selbst. Er steigt vom Rad und schaut auf die ockerfarbenen Baumwolken hinter dem Getreidefeld. Als warte er auf die Frau, die ihm diesen Weg einmal zeigte und die er liebte, und doch nicht lieben konnte. Fragil das Versprechen, füreinander da zu sein. Schweigend hinterfragten sie das Vertrauen oder tönten falsche Worte – ohne es zu wollen? Und alles war vergessen, wenn sie ausgelassen alberten, sich im eifrigen Planen fast selbst vergaßen oder unterwegs – sofort begeistert – seltenen Vogelstimmen lauschten. Und immer wieder die Abweisung, die alles in Frage stellte, unwirklich und unnachgiebig.</p>
<p>Carl lehnt sich wieder zurück und folgt dem Licht in seinem Inneren. Weit hinein in alte Zeiten, zwanzig Jahre zurück vielleicht, als die Liebe einmal frei war. Als vieles gelang und sie sich unverletzlich fühlten. Mitten in der Nacht fuhren sie nach getaner Arbeit in ein katalanisches Dorf am Mittelmeer. Sie tauchten ein in die gelassene Lebensweise mit frischem Fisch in kleinen Restaurants, nahmen Bier und Tapas unter den Einheimischen und erkundeten mit der Vespa das Umland. Und als sie nach einer Woche in der Frühe zurückfuhren, ihre Lieblingsmusik hörten und auf der schlängelnden Straße mit geschärften Sinnen die Gerüche und das ockerfarbene Licht der Landschaft wahrnahmen, da weinten sie still, jeder für sich.</p>
<p>Carl sieht jetzt eine wilde Wiese mit hohen Gräsern. Die Halme pendeln, angestubst von einem unsichtbaren Spielkameraden. Zwischen ihnen blinzelt die Sonne. Er liegt im hohen Gras, einfach so, fast für sich allein. Von weitem hört er die Freunde. Er dämmert weg, in seinem Bett aus Licht und Wärme, eins mit den Gerüchen, dem plötzlichen Summen und einem Rauschen – der Bäume? </p>
<p>Dieser seltene Spaziergang, den er nicht vergisst. Als der kleine Carl über das Moos und die Wurzeln der Bäume lief, mit einem Stock in der Hand. Er lief und lief und immer wieder sprang er hoch, um die kleinen Äste zu treffen. Und weiter im Wald, die Blätter winkten ihm zu, erschien ihm plötzlich das helle Licht dahinten wie ein altes Versprechen. </p>
<p>Vielleicht war Carl vier oder fünf Jahre, als er seine Großeltern einmal an einem Sommermorgen in den Garten begleiten durfte. Sie gingen einen Weg durch kleine Straßen mit dunklen Bergarbeiterhäuschen. Die Bäume leuchteten gelb und munter und Carl hielt die warme, etwas raue Hand der Oma. Im Garten angekommen, durfte er eine Handvoll Erdbeeren pflücken, die im Licht auf einmal glänzten. Auch beobachtete er wieder die Ameisen. Carl weiß nicht mehr, warum, aber er hat&nbsp;die Ermahnung der Oma immer noch im Ohr, dass man sie nicht töten dürfe.</p>
<p>Die Straße wird wieder kurviger. Zwischen immergleichen Fichten zählt jetzt das Licht der Scheinwerfer. Etwas scheint zu bleiben, das nicht bleiben kann. Carl lacht. Da ist sie wieder, die Sonne, und grüßt noch einmal zwischen den Bäumen.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[V,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-01-28T19:50:00+00:00</dc:date>
    </item>

    <item>
      <title><![CDATA[Ob man dann schon tot ist]]></title>
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      <description><![CDATA[<p>Am Fensterrahmen knibbelte er Lack vom schartigen Holz und pulte losen Kitt heraus, den er gleich wieder einsetzte. Wie ertappt schaute er sich um, und lauschte, als wären gleich die gewohnten Stimmen wieder da. Aber wie alles, was hier einmal wohnte, waren auch sie verschwunden. Das Doppelstockbett aus Eisen, in dem er mit zwei seiner Geschwister schlief. Der rote Schrank mit den klappernden Türen. Die dunkelgrüne Pflanze, die immer nur störte.</p> <p>Das Fenster. Kleine und große Tropfen hingen daran, als wüssten sie nicht weiter. Einige liefen ganz von selbst und schufen eine Bahn auf dem vom Wasser getrübten Glas. Der eine da, der wird schneller. Springt er zu den Steinen? Nein, er zerfällt am furchigen Holz in Millionen Tropfen. – Wann werden sie ihn abholen?&nbsp;</p>
<p>Erneut fing es an zu regnen und der Wind fegte Schwälle von Wasser an die Scheibe. Er ging weg vom Fenster, zögerlich, als dürfe er sein Kinderzimmer nicht verlassen. Er schaute zur halboffenen Tür, die zum Küchenraum führte. Vielleicht wartete da der Hund der Nachbarin von unten, ein böser Collie, der ihn einmal biss, als wollte er sein Schienbein fressen. Aber er weinte nicht. Er war tapfer. Der Arzt sagte das auch. Aber die Mutter war ganz ruhig. Sie saß nur neben ihm, still die ganze Zeit. &nbsp; &nbsp;</p>
<p>Nun ging er doch mit einem Ruck und trat auf die Schwelle. Der Raum war dunkler, er hatte keine Fenster, nur weitere Türen. Eine davon führte zum Hausflur, zur Treppe, die bei jedem Schritt knarzte und eng und steil nach unten ging. Es war nicht lange her, da flog er sie fast hinab – auf der Flucht vor den Schlägen der Mutter. Unten knallte er gegen die Holztür mit dem blinden, runden Fenster. Mit beiden Händen zog er die Tür auf und rutschte beinahe weg. Die Mutter blieb oben stehen und drohte müde mit dem Vater. Dann schrie er und schwor Rache. Bevor er auf den Bürgersteig sprang, hörte er noch die leiser gewordene Stimme der Mutter. Wie stark er da war, und doch verlor sich der Schwung seiner Flucht, als er kurz darauf die Wiese erreichte und stehen blieb. Er war ja noch in Strümpfen.&nbsp;</p>
<p>Wurde es schon dunkler? Haben sie ihn vergessen? Er ging durch eine weitere Tür in das Wohnzimmer. Auch so leer. Aber das große Fenster war geblieben. Mit Blick auf die zauselige Wiese, auf der in der Mitte tatsächlich dieser tote Baum stand.&nbsp;Karg, mit spitzen Ästen wie Hexenfinger. Alles umzingelt von befahrenen Straßen, die Autos dampften, sie rauschten auch. Jetzt polterte ein großer Lastwagen über das Kopfsteinpflaster. Er spürte das Vibrieren unter seinen Füßen, aber es klirrten keine Gläser mehr im Schrank. Was war denn das dazwischen? Ein Bellen? Wie gebannt stand er und drehte den Kopf zum Fenster. Da war nichts! Und doch hörte er es, wie ein Klagen, immerzu und immerfort. Jetzt kribbelte es über seinen Rücken. Er zog die Schultern nach oben und ließ sie wieder fallen. Er rieb sich mit der Hand einen Arm und schaute nach unten. Der Boden war sauber wie immer. Die stumpfen Dielen glänzten, als wären sie etwas Besseres. Er hob ein Bein und schaute unter den Schuh. Auch der andere war sauber. Plötzlich fiel ihm an der Wand eine kleine schwarze Zahl auf. Ein Kalender hing noch da. Ohne Zögern ging er nah heran und hob die Fersen und den Kopf. Riesig war die Zahl auf einmal. Er ging einen Schritt zurück und fuhr mit dem Zeigefinger zuerst entlang der Zwei und dann sogleich entlang der Fünf, so langsam, als würde er sie malen. Er wiederholte das, nur schneller, immer schneller. Die Zahlen waren jetzt eine Rennbahn mit scharfen Kurven. Als er die quietschenden Reifen im leeren Raum hörte, ließ er den Arm fallen.&nbsp;</p>
<p>Wann kommen sie denn endlich? Wenn er doch schon groß wäre. Zwanzig Jahre! Dann könnte er immer einfach gehen. Aber in neun Jahren erst! Und mit Dreißig dann? Dann wäre er richtig groß, so groß wie der Onkel, der ihn dann nicht mehr so feste kitzeln oder zur Pommesbude schicken würde. Wieder ging er ganz nah an den Kalender, las den Tag, den Monat und das Jahr. Und vierzig Jahre dann? Er murmelte Zahlen. Zweitausendfünf, rief er plötzlich, sodass es hallte. Gebannt von der großen 25 überkam ihn ein Flirren, als sei er in einem unendlichen Raum mit einem kleinen Punkt darin, der nicht zu erreichen war und zugleich so nahe schien. Sechzig! Ob man dann schon tot ist?&nbsp;</p>
<p>***</p>
<p>Er lag im Bett. Wie ein Stein mit Extremitäten. Er stöhnte und brachte sich nur mit Mühe auf die Seite. Dann war auch die Gänsehaut wieder da. Immer wenn im Hirn rot-schwarzes Chaos blitzte. Aber Knöllchen gab’s keine dafür. Der freche Spruch zuckte im Mundwinkel und lockerte etwas in der Brust. Plötzlich hörte er Lärm da draußen, nicht schon wieder dieses dumme Hämmern! Das machte seine schöne Angst kaputt.&nbsp;</p>
<p>Er saß noch eine Weile auf der Bettkante. Wenn nichts Neues käme, wäre es in zwei Monaten vorbei. Er rechnete das, was sicher war, im Kopf zusammen. Selbst das war nicht sicher. Und wer weiß, was in zwei Monaten war. Immer dieses Fürchten auf Vorrat! Trotzig hob er den Fuß, aber es wurde nur ein halbes Stampfen. Er stellte sich vor, dass das alte Parkett darüber lachte. Wieder hoben sich seine Mundwinkel, doch das kleine Lachen verlor sich in einem Stöhnen, das noch nachklang, als er mit einem Ruck aufstand. Etwas drückte auf seinen Schultern und fiel dann in die Beine hinab. Aber Gehen ging doch.</p>
<p>Im Badezimmer suchte Rolf nach der Ringelblumensalbe, einer kleinen Tube aus der Apotheke. Es kribbelte an den Lippen. Nicht schon wieder Herpes. Er zog an der Schublade des kleinen Schranks, der in dem Schlauch gerade noch einen Platz fand. Sie klemmte schon wieder. Er zog ungeduldig, dass sie ihm fast entgegenkam. Eine vorlaute Zahnbürste sprang heraus und fiel auf den Boden. Er bückte sich, griff danach, erhob sich, doch sie fiel erneut herunter. Meine Fresse, hörte er hart in seinem Kopf. Und während er das störrische Ding in die Schublade legte und die kleine Tube herauskramte, sagte er laut: Meine Fresse. Meine Fresse. Meine Fresse! Er variierte die Betonung, zuletzt dehnte er das Meine, während er schon lachte.&nbsp;</p>
<p>Selbstironie, die schnellste Intervention, die er kannte. Was nützten auch viele Worte? Gegen uralte Momente der Beschämung, die längst nicht mehr auszumachen an Erinnerungen. Oder diese seltsame Schwäche in den Gliedern, als dürfe er keinen Schritt mehr tun, ohne anderen zu schaden. Meine Fresse, darauf schnell einen Kaffee. Er ging in die Küche, schob ungeduldig das Geschirr von gestern beiseite und wartete auf die Bereitschaft der kleinen Maschine. Als fiele es ihm jetzt erst ein, öffnete er eine rote, reich verzierte Dose, füllte den Siebträger mit Kaffeepulver und drehte ihn ein. Er freute sich auf einen starken Gepressten, der jetzt ratternd aus der Maschine lief. Den Siebträger legte er danach in den Spülstein. Er hob das Glas und nickte zufrieden. Die Crema war schön hoch und oben mit braunen Schattierungen. Dann ging er an den kleinen Tisch und setzte sich. Vorsichtig nahm er einen kleinen Schluck. Nicht zu heiß und nicht zu kalt, genau richtig für den kleinen Trost, den er zu brauchen schien. Mit dem zweiten Schluck schaute er aus dem Fenster, das recht groß war für die kleine Küche. Er brauchte solche Fenster. Weiß nur der Teufel, woher das kam.&nbsp;</p>
<p>Draußen gab der Herbst mit seinen Farben an. Schönes Licht, ohne Zweifel. Die schimmernden Blätter der Birken und Buchen waren still, als schliefen sie noch. Die mächtige Platane warf jetzt einige Blätter ab, sie segelten ohne Eile ins feuchte Gras. Buche und Birke machten das jetzt auch. Wie sie loslassen können. Das Trio des Trostes. Warum denn? Weil sie schön sind? – Weil sie einfach da sind.&nbsp;</p>
<p>Das Gezweig schaute fast überheblich auf die Dachfirste der Reihenhäuser, in denen ein Menschengemisch wohnte, das erstaunlich friedlich war. Einigen Eichelhähern kam das gerade recht, sie versteckten Vorräte oder taten so, um die anderen zu täuschen. Die Dohlen waren auch wieder da, sie kamen wohl nur im Herbst. Jetzt wackelten sie wie eine Krähenhorde über das vermooste Schrägdach und suchten unter den braunen Blättern nach den Resten des Sommers. Wie schnell das Jahr wieder verging. – Zeit. Endlich und doch ewig. Er hob sein Glas in Richtung des Fensters und murmelte Prost, bevor er den nächsten Schluck nahm. Die sanfte Bitterkeit entlockte ihm ein Hm, das warm aus der Kehle kam, als hätte der Kaffee dort einen Schalter gefunden – oder besser, einen Trigger, ha ha.</p>
<p>Das Kind von nebenan, das fehlte ihm noch. Der kleine Junge, der manchmal gekitzelt wurde, dass sein Lachen zu ersticken drohte. Jetzt schrie er einen Kanon aus aufheulender Sirene und gelber Quietscheente. Dann ging sein Weinen über in ein schluckendes Gackern, während er immer wieder stehen blieb. Der Vater, ein schlaksiger Kerl mit volltätowierten Armen und ewiger Baseballkappe, schob ihn mit seinen Beinen weiter und hörte der Mutter zu, die einen schlaffen, eisgrauen Mantel trug. Der Vater nickte nur und schaute auf sein Smartphone, während er den Jungen mit den Knien ans Auto drängte. Von hier oben war das kleine Kind jetzt kaum noch zu hören. Für die unten schien es nicht zu existieren, aber die Mutter schob es nun sachte ins Auto.&nbsp;</p>
<p>Rolf nahm jetzt den letzten Schluck und vermisste den Genuss des ersten. Bedauerlich. Wie soll er sich so aufraffen, gleich einen neuen zu machen? Ach, er bleibt einfach sitzen und suhlt sich in seiner Lustlosigkeit. Aber darunter lag noch etwas anderes. Etwas aus der letzten Nacht? Er atmete tief ein, blähte dann die Wangen und ließ langsam die Luft entweichen. Das Foto an der Wand gegenüber. Sein Sohn, da war er acht. Feinfühlig lächelte er, Liebe in den Augen. Und dann schien alles zu schweben, und darin lag ein Trost ohne Trost. Wie viele schöne Tage sie hatten, wenn Ben am Wochenende bei ihm war. Mit Papa ging er gerne spazieren. Manchmal schlichen sie querfeldein durch einen alten Buchenpark. Häufig suchten sie auch Vögel und schrieben die Namen auf. Dreiundzwanzig verschiedene erkannten sie einmal. Den Zettel hatte er noch irgendwo. – Unwiderruflich vorbei.&nbsp;</p>
<p>Wenn er noch zehn Jahre hätte, wäre sein Junge fünfundzwanzig. Hätte er noch zwanzig Jahre, wäre Ben fünfunddreißig (wie gut er rechnen kann). – Noch zwanzig Jahre leben. Irgendwie kaum vorstellbar. Vielleicht weil es gerade so dumpf drohte, als wäre gleich schon alles vorbei. </p>
<p>Das kam noch aus der Nacht. Er sah und spürte deutlich, als wäre ein Hologramm in seinem Hirn, die 25 auf dem Kalender und die kleine&nbsp;Hand, die über die Zahlen fuhr. Er war angekommen, und die Zeit summte in den Ohren. Wie schön es leuchtet da draußen.</p>]]></description>
      <dc:subject><![CDATA[T,]]></dc:subject>
      <dc:date>2026-01-11T09:25:00+00:00</dc:date>
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