Siedlung

Im Winter 1972 zogen wir Hals über Kopf in einen verrufenen Stadtteil. Dort standen vier lange Wohnblöcke aus rotem Backstein und Beton, die von ihren Bewohnern die Siedlung genannt wurden. Sie standen hintereinander gereiht, begrenzt durch kleine Bauernfelder, eine Steinfabrik und die Ausläufer von Straßenzügen mit unscheinbaren Mietshäusern. Jeder Block hatte zwei offene Aufgänge, durch die manchmal der Wind pfiff und die zu drei Etagen führten. Jede Etage hatte einen langen offenen Gang, der zu den mausgrauen Eisentüren führten. Außenstehende nannten die Siedlung Sonnenburg und häufiger noch Asozialenasyl. Für die Stadtverwaltung war das eine städtische Wohnunterkunft für kinderreiche Familien, die keine Wohnung auf dem freien Markt fanden.

Treffpunkt der vielen Kinder war der Affenkäfig. Das war ein kleiner eingezäunter Aschenplatz mit Handballtoren und einem hohen Eisenzaun, an dem nicht selten Kinder hangen und herunter spuckten. Manche zerrten auch wie irre, um den Zaun in größtmögliche Schwingungen zu versetzen. Auf waghalsige Sprünge folgten blutige Schrammen und mancher Übermut führte zu einer Gehirnerschütterung oder einem gebrochenen Arm. Ständig wurde dort Fussball gespielt und dabei wurde ein ordentlicher Schuss in den Bauch genauso begrüßt wie der ins Tor. Fussball-Lust und Fussball-Leid allein hielten die Kinder und Jugendlichen nur zeitweise davon ab, in bandengleichen Gruppen die Gegend zu erkunden und dabei manchmal etwas mitgehen zu lassen, waren es nun Erdbeeren aus Gärten oder brauchbare bis nutzlose Dinge aus Kellern. Die Hartgesottenen probierten es auch mit Autoradios oder Brüchen in Trinkhallen und Geschäften. Entsprechend hielt sich die Beliebtheit der Siedlung unter den Arbeitern und einfachen Angestellten in Grenzen. Weit über den Stadtteil hinaus. Ich wusste ziemlich schnell, wohin ich gehörte.

Als wir in die Siedlung zogen, war mein Sorgenkonto am Limit. Ich hatte meinen besten Freund verloren und die letzten Pflichtmonate in der neuen Grundschule begannen mit haltlosen Tränen, da die neue Klasse im Stoff viel weiter war als ich. Tröstend war, dass sich kein Spott über mich ergoß. Stattdessen wurde mir Hilfe angeboten. Ich kann mich an das betretende Schweigen in der Klasse erinnern und dass mich ihr Mitgefühl wie ein warmer Wind auf fernen Inseln umgab, zu denen ich häufig mit freundlicher Unterstützung meiner Phantasie und einer unbestimmten Sehnsucht hinsegelte, um Abenteuer zu bestehen und freundliche Menschen zu finden. So wurde ich unerwartet getröstet. Das war so wohltuend, dass mir die warmen Tränen in meinem Gesicht unvergessen bleiben.

Vielleicht half mir diese Erfahrung auch, die Zuversicht nicht zu verlieren, weil ich spürte, dass im Unglück auch das Glück zu liegen vermag. Das Glück, dass mir meine Eltern versprochen hatten, um uns Kindern den Umzug schmackhaft zu machen, fand ich dort jedenfalls nicht. Wie groß war die Enttäuschung, als sich die Angebote vom Kettcar bis Abenteuerspielplatz als Lug und Trug herausstellten! Doch unerwartet war Abenteuerlust geweckt. Ich stand auf der dritten Etage und schaute über die Landschaft, die mir an einem kalten Winternachmittag wie ein Versprechen vorkam. Dort hinten die Bahngleise mit der schäbigen Brücke. Schrebergärten, begrenzt von gepflügten braunen Feldern. Weiter hinten ein Teich mit Schilf. Unweit davon eine Fabrik mit Rohren und kleinen Schlotten sowie Straßen und Wege, die sich in Ansammlungen von Häusern verliefen. In dieser Fremde lockten neue Abenteuer und ich war bereit, sie zu bestehen. Mein Bruder, ein Jahr jünger als ich, stand neben mir, schaute gelangweilt und brummte etwas in sich hinein. Er konnte mit meinen begeisterten Vorschlägen nichts anfangen und ließ mich stehen.

Anderntags war die Unternehmungslust verflogen und ich bedrängte meine Mutter mit dem Wunsch, in die alte Schule zurück zu wollen, ich könne doch mit dem Bus dorthin fahren. Das geht nicht, schrie sie nach einer Weile genervt, als spüre sie meine Not, ohne sie ertragen zu können. Derweil blieb für Verzweiflung nicht viel Zeit. Denn mein kleinster Bruder, damals zarte sechs Jahre alt, neben mir der Dritte im Bunde, wurde verkloppt. Ich weiss noch, wie eine Horde Dötze aufgeregt auf mich zu rannte. Sie riefen aufgeregt und erwartungsvoll, mein Bruder stecke in der Klemme. Ich fand den Mut, mich schnell auf dem Weg zu machen, ohne zu wissen, was mich erwartete. Die Kinder führten mich zu drei Halbstarken mit bestickten Jeanskutten. Im sicheren Abstand baute ich mich vor ihnen auf, um sie aufzufordern, von meinem Bruder zu lassen, bereit, bei drohender Gefahr meine Beine in die Hand zu nehmen. Sie lachten nur. Den weinenden Bruder hielten sie kopfüber an den Füßen und reichten ihn wie einen großen Fisch herum. Dann liessen sie ihn grob ab und verschwanden, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.

Mein Mut sprach sich herum und die Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. Nichts war einfacher, als Streit zu suchen. So traf bei meiner Premierenklopperei ein Fussballschuh mit dicken Stollen mein Auge, das kurze Zeit später blau anlief. Das galt als Auszeichnung, wenn man ohne zu heulen den Schmerz ertrug. Das blaue Auge wäre mir vielleicht nicht passiert, wenn eine Schwester des Herausforderers, den alle Ritter riefen, mich nicht festgehalten hätte, um ihrem Bruder zu helfen. Der nutzte die Gelegenheit zielsicher aus. Der kräftige Tritt wirkte wie das Signal einer Grenzüberschreitung und markierte das plötzliche Ende der Unterhaltung. Wir ließen voneinander ab. Die anfeuernde Meute verstummte und schnell war allen klar: Unentschieden. Und da der Ritter als einer der Stärkeren angesehen und etwas älter war als ich, hatten wir fortan Ruhe vor unfreiwilligen Kopfständen und unverschämten Hänseleien.

Wir wohnten übrigens im zweiten Block, was nicht ganz unerheblich war. Der zweite Bau  schien etwas besseres sein, denn hier lebte nicht nur der städtisch angestellte Verwalter mit seiner Familie, auch der Kinderhort war darin untergebracht. Und tatsächlich empfanden sich manche Bewohner im zweiten Bau als etwas Besseres. Für meine Mutter war vor allem der vierte Bau ein Ärgernis. Voller Zigeuner und Verbrecher und Läuse. Vor allem voller Läuse, die unverzeihlich waren, die schlimmer waren als die Polizei, die manchmal den vierten Bau umstellte. Manche Verfolgungsjagd nahm so ihren Anfang. Zur Unterhaltung der ganzen Siedlung.

© Februar 2020 by Wandelkern   Lesermail

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