Wut

Aufwachen mit Phantasien. Die gurrende Taube würde er gerne erschiessen. Das läuft von selbst ab in seinem Kopf: Paff! Federn fliegen. Weg ist das Gurren. Aber die Nachbarn, protestiert die Scham. Seine Hitze kontert: Die Nachbarn? Bei nächster Gelegenheit würde er ihnen ihren Krach heimzahlen. Scheiße, denkt er. Was ist das, fragt er. Er will das nicht, bettelt er. Den Schlaf noch in den Augen.

Er horcht innerwärts. Wut? Ja, Wut! Wut belagert ihn! Eine Urwut, die mit Seelenlarva in der Nacht nach oben gedrückt. Aus der Tiefe des Bauches ist sie in die Enden jeder Nervenfaser geschossen. Nicht ohne in der Brust erstarrtes Magma zu hinterlassen.

Mit übertriebenem Elan schwingt er sich aus dem Bett. Auf dem Weg zum Bad knallt er die Tür zu. Zeichensprache. Ein deutlicher Laut gegen die an ihm ausgelebte Rücksichtslosigkeit. Den Gedanken, dass das affig sei, vertreibt er mit einem Kopfschütteln. Grob schüttet er sich kaltes Wasser ins Gesicht. Er stöhnt und klagt in den Spiegel, dass der Tag gut anfinge. In der Küche spült er herrisch den Rest vom Abend weg. Es klirrt im Becken, ein Topf macht Rabatz. Vergeblich sucht er die übliche Vorfreude auf den ersten Kaffee, einen Cortado seiner Art mit einem Spritzer kalter Milch. Zum Glück muss er heute nicht ins Auto, denkt er höhnisch. Versöhnung also in weiter Ferne.

Trotzig trinkt er seinen Kaffee, schmeckt nicht wie sonst die dunkle Schokolade aus der Crema. Er steht dabei oft angelehnt an dem kleinen Küchenboard, so auch heute. Er schaut nach draussen, auf das wohlige Nass der vergangenen Nacht, das auf explodiertem Grün liegt. Er hört auch wieder das hysterische Gurren einer Ringeltaube. Die können nichts dafür, schlägt er vor und unterdrückt den Impuls, ein Fenster aufzureissen, um grenzverrückt mit einem Trockentuch zu winken, in der Hoffnung, dass das liebeskranke Tier auf seinen steilen Schwingen das Weite suche. Und kaum ist der letzte Schluck des bitteren Gesöffs im schwelenden Vulkan verschwunden, hängt er im Fenster. Ein Schwall junger Luft macht ihm ein Friedensangebot. Post-Corona-Verkehr rauscht dagegen an. Vögel singen darauf ihre Melodien und unerwartet fliegt eine Taube aus der Eberesche. Zu schnell, denkt er enttäuscht. Er hätte sie gerne mit Genuss verjagt. 

Paradoxe Sekunden im Leben eines Wütenden.

Er schliesst das Fenster, setzt sich und wartet. Passive Forschungsarbeit. Das Beste bei temporärer Missstimmung im untersten Minusbereich: Warten. Nichts tun. Das Denken beobachten mit einem fremden Auge. Besser noch: Irgendetwas anschauen, betrachten, beobachten, Bewegungen, scheinbar einfachster Art, oft gesehen, aber nicht wahrgenommen: Das Tänzeln der Baumkronen, durch die Luft hüpfende Vögel, Wanderungen zerfetzter Wolkenbüschel, die gleichmütig ziehen: vorbei an blauen Pinselstrichen und weissen Wattetürmen, bedroht von Wanderriesen aus dem Hinterhalt, die von einem Grau ins andere treiben. Der Eichelhäher warnt. Erste Tropfen fallen. Die Baumkronen, manche fein und rank, andere breit und rund, winken ihnen zu. Jeder Tropfen ein Halleluja.

Dann ruft sein Kopf und fordert Kaffee. Typisch, kontert er und bleibt sitzen. Ein Hauch der Versöhnung huscht ihm durch das Gemüt und umschleicht das Magma in seiner Brust. Bilder kommen, Bilder der Ohnmacht. Bilder eines fernen Körpers, der sich nach Liebe sehnt. Erinnerungen bringt er mit zudem – was ein Hauch der Versöhnung so kann! Erinnerungen an Vergeblichkeiten, die in den Jahren zur kalten Wut wurden, eingesperrt in Konventionen und Verboten; mit Ausbrüchen manchmal, die sinnlos zerstörten: Belangslose Dinge und das, was man Liebe nennt oder hätte werden können.

Wut. Aufbewahrt in Verachtung. Konserviert in Alkohol. Bestärkt durch schleichende Gewalt am eigenen Körper.

All das hat er durchschaut, nicht selten besprochen im freundschaftlichen Gespräch und beleuchtet im Vertrauen auf Stift und Papier. Bis er verstand, verstand bis in den Bauch hinein, mehr noch, bis in die kleinsten Fasern seines Körpers: Sie ist ein Teil von ihm! Wie die Traurigkeit dahinter. Er kann sie nicht besiegen. Annehmen hilft, Annehmen lindert. Immer. Früher oder später.

All das will geliebt werden.

Er steht auf und geht in seine Kaffeeecke. Die Kosmetiktücher in der Nähe. Die sind praktisch (einfach eins rausziehen) und auch für Rotz und Wasser gut. Die Kaffeemühle mahlt. Wie leise sie ist! Darüber staunt er häufig noch. Sie hat ihr Sümmchen gekostet. Er riecht am Pulver und drückt es an. Den zweiten Kaffee wird er geniessen können.

© Mai 2020 by Wandelkern   Lesermail

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