Wut

Aufwachen mit Phantasien. Die gurrende Taube würde ich gerne erschiessen. Ich stelle mir das vor, obwohl ich nie ein Gewehr in der Hand, auch nie eins wollte. Das läuft von selbst ab im Kopf: Paff! Federn fliegen. Tot ist das Gurren. Aber die Nachbarn, protestiert die Scham. Hitze kontert: Die Nachbarn? Die können sich erst recht auf Rache gefasst machen! Bei nächster Gelegenheit würde ich ihnen den Krach in dieser Frühe heimzahlen. Scheiße, denke ich. Was ist das, frage ich. Ich will das nicht, bettle ich. Den Schlaf noch in den Augen.

Ich horche innerwärts. Wut? Ja, Wut! Eine Riesenwut lauert da! Eine Urwut, die mit Seelenlarva in der Nacht nach oben gedrückt. Aus der Tiefe des Bauches ist sie in die Enden jeder Nervenfaser geschossen. Nicht ohne in der Brust erstarrtes Magma zu hinterlassen, das jede weitere Atmung ersticken würde, würde sie wachsen immer weiter (tut sie aber nicht).

Mit übertriebenem Elan schwinge ich mich aus dem Bett. Auf dem Weg zum Bad knalle ich eine Tür zu. Zeichensprache. Ein deutlicher Laut gegen die an mir ausgelebte Rücksichtslosigkeit. Den Gedanken, dass das affig sei, vertreibe ich mit einem Kopfschütteln. Grob schütte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Ich stöhne und klage in den Spiegel, dass der Tag gut anfinge. In der Küche spüle ich herrisch den Rest vom Abend weg. Es klirrt im Becken, ein Topf macht Rabatz. Vergeblich suche ich die Vorfreude auf den ersten Kaffee, einen Cortado meiner Art mit einem Spritzer kalter Milch. Zum Glück muss ich heute nicht ins Auto, denke ich und gönne mir ein  höhnisches Lächeln. Versöhnung also in weiter Ferne.

Trotzig trinke ich meinen Kaffee, schmecke dunkle Schokolade aus der Crema. Ich stehe dabei oft angelehnt an dem kleinen Küchenboard, so auch heute. Ich schaue nach draussen, auf das wohlige Nass der vergangenen Nacht, das auf explodiertem Grün liegt. Ich höre auch das geliebte Gurren einer Turteltaube. Die können nichts dafür, schlage ich vor und unterdrücke den Impuls, ein Fenster aufzureissen, um drohend mit einem Trockentuch zu winken, in der Hoffnung, dass das liebeskranke Tier auf seinen geilen Schwingen das Weite suche. Und kaum ist der letzte Schluck des bitteren Gesöffs im schwelenden Vulkan verschwunden, hänge ich im Fenster. Ein Schwall junger Luft macht mir ein Friedensangebot. Post-Corona-Verkehr rauscht dagegen an. Vögel singen darauf ihre Melodien und unerwartet fliegt ein Gurgeltäubchen aus der Eberesche. Zu schnell, denke ich enttäuscht. Fällen, denke ich hinterher. Fällen, diesen Baum? Diese futtersatte Eberesche, die ich rettete? Ich bekniete damals den Nachbarn, meinte voller Überzeugung, dass beschneiden reiche. Argumentierte leidenschaftlich, den kleinen Meisen und mutigen Amseln würden Futter und Schutz fehlen und erinnerte an das Mikroklima für den Garten und so weiter. Mit Erfolg.  

Fällen! Was für ein Gedanke! Ein ehrlicher? Ein ehrlicher. Paradoxe Sekunden im Leben eines Wütenden.

Ich schliesse das Fenster, setze mich und warte. Passive Forschungsarbeit. Das Beste bei temporärer Missstimmung im untersten Minusbereich: Warten. Nichts tun. Das Denken beobachten mit fremdem Auge. Besser noch, irgendetwas anschauen, betrachten, beobachten. Bewegungen, scheinbar einfachster Art, oft gesehen, aber nicht wahrgenommen: Das Tänzeln der Baumkronen, durch die Luft hüpfende Vögelein, Wanderungen zerfetzter Wolkenbüschel, die gleichmütig ziehen: vorbei an blauen Pinselstrichen und weissen Wattetürmen, bedroht von Wanderriesen aus dem Hinterhalt, die von einem Grau ins andere treiben. Der Eichelhäher warnt. Erste Tropfen fallen. Die Baumkronen, manche fein und rank, andere breit und rund, winken ihnen zu. Jeder Tropfen ein Halleluja.

Dann ruft mein Kopf dazwischen und fordert Kaffee. Typisch, kontere ich und bleibe sitzen. Ein Hauch der Versöhnung huscht mir durch das Gemüt und umschleicht die Brocken in meiner Brust. Und Bilder bringt er mit, Bilder der Ohnmacht, leider. Bilder eines fernen Körpers, der um Liebe bettelt. Erinnerungen bringt er mit zudem – was ein Hauch so kann! Erinnerungen an Vergeblichkeiten, die in den Jahren zur kalten Wut wurden, eingesperrt in Konventionen und Verboten; mit Ausbrüchen manchmal, die sinnlos zerstörten: Dinge und das, was man Liebe nennt.

Wut. Aufbewahrt in Verachtung. Konserviert in Alkohol. Bestärkt durch schleichende Gewalt am eigenen Körper.

All das habe ich bereits durchschaut, nicht selten besprochen im freundschaftlichen Gespräch und beleuchtet im Vertrauen auf Stift und Papier. Bis ich begriff, wirklich begriff, bis in den Bauch, mehr noch, bis in die kleinsten Fasern meines Körpers: Sie ist ein Teil von mir! Wie die Traurigkeit dahinter. Ich kann sie nicht besiegen. Annehmen hilft, Annehmen lindert. Immer. Früher oder später.

Ich stehe auf und gehe in meine Kaffeeecke. Die Kosmetiktücher in der Nähe. Die sind praktisch (einfach eins rausziehen) und auch für Rotz und Wasser gut. Die Kaffeemühle mahlt. Wie leise sie ist! Darüber staune ich häufig noch. Sie hat ihr Sümmchen gekostet. Ich rieche am Pulver und drücke es an. Den zweiten Kaffee werde ich geniessen können.

© April 2020 by Wandelkern   Lesermail

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