Angst in Arial #8

Unerwartet wird ein Mann aufgefordert, seine Angst zu erforschen. Er taucht immer tiefer in die 80er Jahre ab. Er erinnert sich an eine ungewöhnliche Liebe und an die Zeit als arbeitsloser Punk, in der er seine Suche nach Bildung und Anerkennung auf eigene Füße stellte.
Update: 25.09.2021 – Lesezeit: 37 Minuten – Link: 8. Teil – Twitter: #AngstInArial

Inhalt

  • Eins
    Der Protagonist bekommt von einem Fremden einen Brief zugesteckt und staunt über den Inhalt. —>
  • Zwei
    Der Protagonist trinkt erst einmal Kaffee und erfreut sich einer Gewissheit. —>
  • Drei
    Dem Protagonisten fällt die Kindheitserfahrung ein, zu sterben, ohne zu wissen, was der Tod ist. —>
  • Vier
    Der Protagonist taucht noch etwas tiefer in seine Kindheit ein, spürt der harten Hand der Mutter und der Beständigkeit mancher Träume nach. —>
  • Fünf
    Der Protagonist exkurst über Twitter und virtuelle Liebe im Zeitalter der Apps und Messenger. —>
  • Sechs
    Der Protagonist erinnert sich an zwei Unfälle, die bisher nicht in seinem Portfolio der Angsturgründe waren. —>
  • Sieben
    Der Protagonist führt seine erste Liebe ein. Das ungleiche Paar macht Urlaub in Großbritannien und wird sich nicht wieder los. —>
  • Acht
    Der Protagonist taucht in das Vorspiel seiner ersten Therapie ein: Er wird nicht glücklich mit den Anforderungen der abhängigen Arbeit und entdeckt den Punk. —>

 

1 

Plötzlich steht ein Mann vor mir. Einer wie aus der Zeit gefallen! Kariertes dunkles Hemd, die Hose Richtung Achseln, reichlich Stoff. Ein Jacket wie eines für Arme aus Babylon Berlin, der Schnäuzer ein Relikt. Er fragt, ob ich eine Sekunde Zeit habe. Ich bin nicht bester Laune, denke, ob man nicht wenigstens im Stadtpark seine Ruhe haben könne. Höflich bejahe ich. Unvermittelt holt er aus der Innentasche seines Jackets einen weissen Umschlag heraus. Ich schaue ihn fragend an.

„Das ist für sie!”

„Für mich?”

„Das kommt etwas überraschend, in der Tat.”

„Kann man wohl sagen.”

„Nehmen Sie ihn bitte und öffnen sie ihn, wenn ich wieder weg bin.”

„Wenn sie weg sind?”

„In vier Wochen komme ich wieder. Um die gleiche Uhrzeit. Um 11 Uhr.”

„In vier Wochen?”

„Ich erwarte Sie. Bei jedem Wetter.”

„Hoffentlich schüttet es nicht!”

„Bitte bringen Sie eine Antwort auf meinen Brief mit.”

„Antwort?”

„Ich weiss, das alles klinkt verrückt. Aber bitte keine Fragen heute. Das ist das Spiel.”

„Welches Spiel?”

„Nehmen Sie ihn? Sie müssen ja nicht.”

Das war schon fast frech! Baff sitze ich auf der Bank. Er steht vor mir und streckt mir beharrlich den Brief entgegen. Sein flattriges Hemd erinnert mich an meinen Opa. Wenn der Schnäuzer nicht wäre, wäre die Ähnlichkeit erstaunlich, das sehe ich jetzt: Die gegerbte Haut, die Halbglatze, der runde Kopf und breite Mund. Der freche Fremde lächelt nicht mehr, um seinen Mund legt sich flüchtig Einsamkeit, die etwas auslöst in mir, etwas vertrautes. Ich schaue oft auf Münder, länger als in Augen, als wollte ich die Worte beim Ausströmen beobachten und die Stimme in Gestalt. Ich sehe mich den Brief nehmen. Der Mann nickt zufrieden, als habe er nie an mir gezweifelt. Er würde sich ausserordentlich freuen, mich in vier Wochen wiederzusehen. Ausserordentlich! Zackig hebt er die Hand zum Gruß und geht zügig ohne ein weiteres Wort fort. Irritiert und mit angespannter Stirn schaue ich ihm nach.

Ich sehe mir den Briefumschlag an: Centware, dünn als sei er leer. Sehr sauber zugeklebt. Geld? Glaube ich nicht. Ich drehe und wende ihn, kein Wort weit und breit. Endlich stehe ich auf. Ich schaue nach dem seltsamen Mann, der jetzt schon anfängt, mir unwirklich vorzukommen. Wie vom Erdboden verschluckt! Oben auf der Anhöhe ein Paar, darüber gerupfte Baumkronen, gefolgt von mattem Blau. In der anderen Richtung des Weges, auf dem der Fremde verschwand, ein Jogger, der gleich vorbeitraben wird. Lakai der Schwerkraft! Ich setze mich, stehe wieder auf und gehe ein paar Schritte. Kies knirscht. Wieder bleibe ich stehen und fixiere den Mülleimer, gleich neben der Eisenbank. Ich schaue hinein, als sei ich ein einsamer Sammler. Plastikflasche, Rotztücher und eine zerknüllte Zigarettenschachtel.

Impuls: Rein damit!

Kontrolle: Keine Hektik.

Im Auto schaue ich mich um, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Ich beobachte den Verkehr in der Hoffnung, dass der fremde Mann hier vorbeifährt. Ich könnte auch den Brief öffnen, aber anscheinend will ich mich auf die Folter spannen. Der kleine Finger passt schon einmal nicht in den Spalt. Nicht die kleinste Lücke! Dann eben Taschenmesser. Habe ich am Schlüsselbund. Daumenlang, mit Kronkorkenkiller, den ich nur noch selten brauche. Dazu eine putzige Pinzette und eine kleine scharfe Klinge. Letztere optimal für Briefe, die nervtötend verklebt sind und trotzig zu häßlichen Läsuren neigen. Ich schneide sauber, das ist heute meine Art. Ich hole ein Blatt heraus und entfalte es, als spielten meine Finger Akkordeon. Wie ich das Blatt auch drehe und wende, da steht nur ein Wort. Oben am Rand, zentriert, schmächtig und klein. 10 Punkt vielleicht? Schriftart Arial. Das Wort: Angst.

Angst?

Wow!

Volltreffer!

Mit Angst kenne ich mich aus, behauptet ein vorlauter Cortex mit Verbindungen zur Unterwelt. Angst essen nicht nur Seele auf. Angst essen auch Körper auf. Angst sind Körper. Ich habe Angst gekaut in allen Garstufen und Konsistenzen: Roh, zäh, hart, weich, schleimig; knusprig sogar, wie Chips, die zwischen den Zähnen in tausend Stücke brechen! Gewürzt mit bitterem Mandelkern und einer Kelle Amygdalasoße. Serviert auf schwarzen Traumgedecken für das Angstschlemmern im Schädelgrab. Die nächste Angstportion dünstet bereits und hebt ihre Dämpfe ins Oberstübchen.

Beklemmung köchelt in meiner Brust. Ich will sie nicht, ist der erste Impuls. Der zweite: Ich lasse sie. Ich weiss, allein das Lassen hilft, dann verzieht sie sich von selbst, hadernd vielleicht, mürrisch oft, aber sie verzieht sich. Ankämpfen ist eine Spielart der Flucht, ein Beharren auf Selbstverlust. Meine Empfindsamkeit spielt da nicht mehr mit, so! Seit ich sie wieder fühle. Toll!, höre ich Straßenjunge spötteln, ein Kumpel aus alten Zeiten. Besonderheit: Unverblümte Sprache ohne Kinderstube, manchmal etwas platt.

Der Mund des Fremden. Dieses kurze bittere Pressen der Lippen, als sei Leid darin verdichtet. Fest steht, der Fremde ist nicht mein Opa (das ist ja schon einmal beruhigend). Der Opa meiner Kindheit war gut zu mir. Der Opa meiner Kindheit ist lange tot. Wie lange eigentlich? Dreißig Jahre? Eher vierzig. Ich weiss es nicht genau, ich habe die Jahre nie gezählt. Er war immer nur ein Opa meiner Kindheit und als er tot war, so kommt es mir, war nur meine Oma traurig. Was war mit meinen Eltern? Deren Verlogenheit musste meine Oma nun ohne ihren Mann ertragen. Auf meinen Vater, Omas einziger Sohn, war kein Verlass. Auf seine Frau, meine Mutter, auch nicht.

Meine Mutter. Eine haltlose Frau, über die meine Oma kein gutes Wort verlor. Die nur fürs Putzen und Kinderkriegen gut sei. Nicht einmal schreiben könne sie! Katholikin noch dazu! Falsch und verlogen, wie alle Katholiken. Eingedrungen sei sie in den Frieden der Familie! So schimpfte meine Oma, die sich oft genug betrogen sah. Geliehenes Geld sah sie nie zurück. Ich erinnere ihre bitteren Lippen, und ihre dunkelbraunen Augen, Rettungsinseln meiner Kindheit. Ich schaue hoch und sehe es mich tun: Brief wegstecken, Auto starten und losfahren mit Angst in Arial.

 

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Ich bin unschlüssig, weiss nicht, ob ich stehen oder sitzen, ob ich Wasser oder Kaffee trinken will, ob ich einfach weitermache wie bisher oder endlich einen Stift in die Hand nehme. Vertraute Unschlüssigkeit. Immer mit der Ruhe, denke ich und mache mir einen doppelten Espresso. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf die Crema, die süffig über die Zunge läuft. Sekundenmeditation mit versöhnlichen Bitterstoffen aus dunkler Schokolade, mich beruhigen und mit dem warmen Gesöff meine Zweifel schlucken. Noch bevor ich es weiss, ist die Entscheidung gefallen. Ich werde das Spiel mitspielen. Der Typ wird seinen Text bekommen und beim nächsten Treffen werde ich vorbereitet sein und hartnäckig meine Fragen stellen. Schwungvoll drehe ich das Glas mit dem Rest Espresso, damit sich die Crema von der Glaswand löst und sich versöhnlich auf das Schwarz des Kaffees legt. Endlich setze ich mich, schaue nach Draußen. Ich habe drei Fenster, die die Breite des Raums markieren, in dem ich esse, wohne und arbeite. Ein seltsamer Himmel heute, grauweiss, nur auf dem ersten Blick wie Milch, die sich weit ergossen hat, als wäre Gott ungeschickt gewesen. Ich sehe kaum wahrnehmbare Verläufe und hoch oben zwei Rotmilane. Erstaunlich schnell entfernen sie sich in gleitenden Spiralen von mir weg und verschwinden im Himmel, der wieder ein anderer ist: Ein vergossener Milchshake aus grauen Früchten. Ich schaue auf den Briefumschlag, der bereits leicht verknittert ist und nach wie vor keinen weiteren Hinweis enthält. Nicht einmal einen Kaffeefleck, denke ich und lache.

Ich lache, weil ich eine Gewissheit habe. Ich habe sonst keine Gewissheiten, aber eine habe ich: Die Angst vor dem Tod aus heiterem Himmel, wie ein Schnappmesser im Hirn, kann mir nichts mehr anhaben. Angst vor dem Sterben, ok! Angst vor plötzlichem Mannstod, nicht mehr!

Suche dir eine aus, eine Nacht, sage ich dem Angstkalmar, schiesse auf aus Tiefseeträumen, bringe Chaoswirbel zum seekranken Kopf und ziehe ihn ins Wasserdunkel ohne Luft, komm, hau rein, zerre, ziehe kräftig an Gliedern, an Haut, an Muskeln — sensationiere den Körper nach allen Regeln der Panikkunst!

Tobe nur ruhig!

°_° : Sie hat verloren. Angst mit Arschkarte.

Nein, heute nicht ins Weinebad und Wellness machen für die Seele.

°_° : Ha, auch der Schmerz zieht ab und zu den Kürzeren.

Ach, Straßenjunge!

 

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Die Kindheitserfahrung zu sterben, ohne zu wissen, was der Tod ist, behauptet ihr Eigenleben. Früher empfand ich das als monströs, heute liegt das Kind von damals in meinen Armen und weiss sich — was? Den besten Freund der Angst, die Einsamkeit, habe ich besänftigt. Die Einsamkeit des Kindes, die in Kellern und Winkeln Ungeheuer, im Dämmerlicht und unter Betten Monster schuf, habe ich gebettet. Die Einsamkeit der langen Jahre, die böse Gestalten und vage Bedrohungen lebendig werden und über Nacht und Tagtraum hinaus weiterleben ließ, habe ich in Worte gebannt.

Bravo! Wurde aber auch Zeit (Straßenjunge wieder!). Die Zeit des Bullemanns und Schornsteinfegers, die dich holen und bestrafen sollten, ist schließlich längst vorbei. Der Gewalt der Sprache kannst du dich entziehen. Von einer großkotzigen Sprachlosigkeit einer staub- und tumbfühlenden Generation, die ihre Traumata nicht im Ansatz zu be!greifen in der Lage war, bist du so weit entfernt wie von den alten Geschichten und Lebensmythen. Lass sie ruhen. Rest in Peace.

Der Lieblingsonkel, der Freizeitsadist, der auch schon lange tot, da spukt er wieder im dösigen Kopf herum. Uns Neffen kitzelte er gerne, bis uns die Luft wegblieb und danach die Tränen kamen und sein Spott. Er spendierte so manche Mark, auf die wir stets hofften! Er gab die Münze nicht, er warf sie, wie man Futter ins Gehege wirft.

Gehege? Das Wort zusammen mit Onkel tickert was an! Wo? Im Hirn! Was? Neuronen, die Synapsen ritzen. Aua! Im Nacken und den Schultern machen die Muskeln einen auf ganz hart. Der Körper gibt alles, so nachtragend wie er ist. Die Versöhnung sieht schwarz. Na und! Haue dem Körper ein paar Worte vor dem Latz, dann beruhigt er sich wieder. Der Kopf ist für was gut!

Ausflug im Wildpark, du warst zarte Fünf oder schon gehärtete Sechs, du warst unterwegs mit Onkel, Tante, Eltern und drei Geschwistern. An dem Tag trafen sich das seltene Ereignis eines Ausflugs und gesellschaftsfähiger Sadismus. Vielleicht warst du etwas vorlaut, vielleicht verlangtest du ein Eis, vielleicht standest du auch nur da und wolltest über den Zaun schauen, verlangtest Teilhabe, ne Frühform der Inklusion, haha. Dein schlaksiger Onkel nahm dich unter die Arme, hielt dich über den Abgrund, der mit krachender Tiefe drohte. Er lachte dir an den Hinterkopf und drehte dich riskant, um dein erschrockenes Gesicht zu geniessen. Er liess dich nicht fallen, aber du fielst, tief im Kopf, lange noch danach. Deine Mutter sagte, jetzt ists gut, dein Vater war schon weiter, Richtung Erfrischungsbude, ein Bier war fällig. Zur Kühlung des Schocks gabs Eis. Deine verhaltene Freude war ihnen auch nicht recht. Undankbares Kind! — Das war die Zeit.

Wir wohnten damals in einer alten Schule. In einem Klassenzimmer. Die ausgediente Grundschule diente als Notunterkunft für Familien mit vielen Kindern. Wie alle Familien, die dort wohnten, fanden sie keine Wohnung. Mehr als zwei Kinder waren verdächtig. Die Babys boomten und der Wohnraum kam nicht nach. Als wir in die Schule zogen, hatte ich noch vier Monate bis zur Einschulung. Langweilig wurde mir nicht. Ich war immer draußen. Alles um mich herum war ein riesiger Abenteuerspielplatz. Die größeren Kinder, wild, gemein und mit dreckigen Gesichtern, führten mich ein. Wenn sie aufbrachen, um was zu unternehmen oder Mist zu bauen, ging ich einfach mit, auch wenn sie mich anfangs loswerden wollten. Sie erzählten gefährliche Geschichten, die in meiner Welt zu fatalen wurden. Auf einer Müllkippe in der Nähe überfielen sie einen Berg Elektroschrott und ein Junge zeigte auf eine große Platine, auf dem Kondensatoren sassen so fett wie kleine Bomben. Es roch nach verstaubten Röhrenradios und kaltem Brand. Der große Junge sagte, pass auf, die explodieren! Als ich erschrocken zurückwich, freuten sie sich über die gelungene Verarschung.

In der Nähe gab es einen Schrebergarten. Dort trieb ich mich oft herum. Ich spielte auf einem Platz, von dem die Wege zu den Parzellen abgingen. Plötzlich steuerte eine Libelle auf mich zu. Ich hörte ihre Flügel brummen. Ich war nicht fähig, einen Schritt zu gehen. Ich erstarrte. Lots Ehefrau läßt grüßen. Blitzschnell bog die Libelle ab und umkreiste mich. Wenn sie mich sticht, bin ich tot. Sie flog unberechenbar in langen Sekunden. Als sie endlich verschwand, lief ich zur Straße und sah mich immer wieder um. Ausser Atem erreichte ich das große Treppenhaus der Schule, in das eine schmale Tür führte. Wie paralysiert stand ich in dem großen kühlen Raum. Von oben hallten Stimmen herunter. Einer der großen Jungen hatte behauptet, Libellen stechen. Dann stirbt man! Wirklich! Frag ruhig die Anderen. Ich wagte es nicht.

 

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Ich war grad erst eingeschult worden, als ich das erste Mal die Schule wechseln durfte. Müllkippen und Schrebergärten, Keller und Dachböden waren plötzlich verschwunden. Die neue Wohnung lag an einer viel befahrenen Straße, schräg gegenüber ein Parkplatz für LKWs, die schwere Ringe aus Stahl abholten. Neben dem verrußten Backsteinhaus, in das wir einzogen, eine große Wiese, auf der mittig ein verdorrter Baum stand, grau und kahl. Die wilde Wiese wurde für ein paar Jahre unser Spielplatz für zwischendurch. Einen Plastikball mit Picke vor sich her treten, bis er auf die Straße rollte und kaputtgefahren wurde. Ameisen mit Steinen in den Staub drücken und hoffen, dass Gott das nicht sieht. Um die Wette laufen, wer zuerst den Baum erreicht.

Die Schule mochte mich nicht. Ich stand mit verschränkten Armen und schaute trotzig mit leicht geneigtem Kopf dem Geschehen entgegen. Einem Tier von Kind, zwei Schultern breiter und einen Kopf höher als ich, gefiel das nicht und es begann, mich zu hänseln, bis ich meine Wut auspackte. Ich rammte meinen Kopf in seinen Bauch. Da hatte er einen Heizkörper im Rücken und rang erstaunt nach Luft. Danach ließ er mich in Ruhe. Freunde gewann ich keine auf dieser Schule. Stattdessen kam noch ein Bruder dazu, so dass ich plötzlich drei davon hatte. Zum Glück war in der Wohnung mehr Platz als im Klassenzimmer der alten Schule. Wir hatten wieder ein Wohnzimmer, dass mir in guter Erinnerung bleiben sollte. Dort bekam ich zur Weihnachtszeit eine Ohrfeige, die knallt noch heute in meinem Kopf. Kein Wunder, lag darin doch die ganze Wut der Mutter. Mein Bruder, ein Jahr nach mir gekommen, Liebling der Mutter und der Mutter meiner Mutter (die süssen schwarzen Locken!), hatte das Geschenk bekommen, das ich mir sehnlich gewünscht: Eine Loopingbahn für jene kleinen Metallautos, die viele Jahre auf der Jagd nach Bösewichten und auf der Flucht vor Familienzwist meine Retter waren, wenn ich mich, den Kopf auf den Arm, am Boden verkrümelt hatte und leise scharfe Kurven fuhr. Ich konnte nicht anders, als gegen das gebrochene Versprechen zu protestieren und wollte partout mein Geschenk nicht anrühren. So blieb mir in der Folge auch das Schlafzimmer in lebendiger Erinnerung. Dort wurde ich nach der betäubenden Ohrfeige hingezerrt, hinein geschubst und eingesperrt. Das Zimmer war kalt und nur erhellt vom Laternenlicht der Straße. Das war ein Heiliger Abend, der mich prägte, niemals mehr habe ich schmerzhafter Verstoßung erleben müssen.

Auch die Küche war ein besonderer Raum. Nicht nur badeten wir dort fast jedes Wochenende in einer Zinkwanne, vier Kinder in einem Rutsch. Wir Geschwister stritten dort auch so laut, bis meine Mutter verläßlich die Nerven verlor und mich als Erstgeborenen grundsätzlich zum Schuldigen machte. Dann schrie sie wütend auf und drosch ein mit Kochlöffel, Gürtel oder flacher Hand. Als ich auf die Neun zuging, fing ich an, Fluchtwege vorauszudenken. Als ich auf die Zehn zuging, entwischte ich einmal flink ihren Schlägen. Ich tauchte ab unter dem Küchentisch, um von dort zur Tür kommen zu können, die zum rettenden Treppenhaus führte. Meine Mutter griff verzweifelt in eine offen stehende Schublade, holte eine Handvoll Frühstücksmesser heraus und warf sie mit Karacho. Einige schlugen gegen meine Schienbeine, andere irrten wie Springteufel durch den Raum. Ich riss die Tür auf und rannte die steile Treppe herunter. Die Haustür unten war aus schwerem Holz und hatte ein blindes Fenster mit einem Metallgitter davor. Ich zog sie mit Kraft auf und drehte mich noch einmal um. Oben stand meine Mutter und drohte lächerlich mit dem Vater. Ich schrie plötzlich zu ihr hoch, dass ich mich rächen werde, dass sie alles zurückkriegen würde. Ich holte Gift aus meinen Tränen. Dann sprang ich behende über zwei Steintreppen ins Lärmen des Verkehrs und überließ mich ganz dem Vorhaben, irgendwohin abzuhauen. Das war der Tag der letzten Dresche. Die Mutter hatte meine Wut und meine Kraft gespürt. Kurz bevor wir aus dem Haus mussten, es sollte abgerissen werden, bekamen wir den ersten Fernseher. Er sedierte die Familie. Streit und Neid im Geschwisterleben wurden weniger und schneller vergessen. Vor dem Fernseher waren alle gleich.

In diesen Jahren träumte ich viel. Ich war kurz vor dem Ertrinken. Ich stürzte tief, ohne zu zerschmettern. Ich landete sanft wie durch ein Wunder. Immer. Ich erinnere diese Träume deutlicher und schärfer als Erinnerungen, die lange sehr präsent waren, dann aber verblassten, sich abnutzten, zu privaten Klischees wurden oder ins Vergessen fielen. Eine Handvoll Träume aber nicht. Sie bleiben wie Höhlenmalereien, wie Skulpturen indigener Völker, die in einem plastischen Irgendwo die Veränderungen überstehen. Wie oft schwebte ich über Landschaften! Aus eigener Kraft überwand ich die Schwerkraft! Ich bewegte die Arme beharrlich auf und ab, hochkonzentriert, bis ich langsam abhob. Zentimeter für Zentimeter. Und wenn ich den Baumkronen und Laternen nah und über niedrige Häuser und Stromleitungen schwebte und allein der Glaube mich oben hielt, ohne Gewissheit zu haben, dass es auch so bleibt, dann staunte ich im Traum darüber und fühlte mich frei und stark. Nach dem Aufwachen nahm ich mir vor, das werde ich draussen allen zeigen, aber schnell fiel mir ein, dass mir das nur in der Nacht gelingt. Manchmal flog ich auch schnell und gefährlich nah der Bürgersteige und Straßen. In Landschaften hinein, über Wiesen und Teiche, durch Schilf und Gebüsch, durch die Lichtgewebe zwischen den Bäumen. Da waren die Träume meine Freunde, auch wenn mir manchmal die Luft wegblieb. Über die Jahre wurden die Träume dunkler, unterwandert von heiloser Angst. Steigendes Wasser, immer höher, bis zum Hals, Flucht bis aufs Dach auf einem Haus, das an die Bonanza-Ranch erinnerte. Mit dem letzten Atemzug erwachte ich.

Einige Monate vor Abschluss der Grundschule stand mal wieder der Umzugswagen vor unserer Tür. Der Fortschritt duldete keinen Aufschub und wir zogen in eine städtische Wohnunterkunft. Drohende Lohnpfändungen ließen uns keine Wahl.

 

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Schlechte Nacht gehabt. Träume? Fehlanzeige. Dafür Kopfschmerzen, ein harter Nacken zerrt am Hinterkopf. Das ignoriere ich und mache mein Programm: Den Rest von gestern wegspülen, Tee aufsetzen, Dehn- und Kraftgezappel gegen den unaufhaltsamen Rost im Körper. Die Devices, die mich scheinbar aber ständig mit der Welt da draussen verbinden, lasse ich liegen. Ich bin häufig offline. Seit einigen Wochen wieder konsequenter. Ein Kunststück in meinem Beruf. Ich bin aufmerksamer. Ich bin konzentrierter. Nach einigen Tagen vermisse ich nichts mehr. Ich habe mehr Zeit. Die Tage sind wieder länger, vielleicht weil ich mehr wahrnehme von dem um mich herum? Ich bin zufriedener und das soll was heißen. Ab und zu öffne ich Ecosia, wenn ich etwas wissen will. Emails nur Vormittags und zuletzt am frühen Abend. Einmal am Tag schaue ich in die Zeitungsapp. Ich überfliege die Artikel nicht, ich lese sie. Nur für Kunden rufe ich soziale Netzwerke auf. Wenn ich die Trends auf Twitter lese, bekomme ich Schüttelfrost. Jetzt erinnere ich mich an mein exzessives Twittern für Fridays for Future, die jungen Leute wollte ich einfach unterstützen. Eine Wohltat ihr Protest! Nach einigen Wochen spürte ich erneut die Sucht nach dem Wahrgenommenwerden. Weitere Wochen später war ich Bubble und oft im Empörungsmodus, auch wenn ich meistens sachlich und zurückhaltend blieb, was nicht immer einfach war. Ich glitt zunehmend ab in einen Zwang der Meinungsmitteilung, der mein Denken fragmentierte und beschränkte. Das Denken versickerte in Reflexe und Impulse, auch das Lesen endete immer schneller mit ihnen. Meinungen aus anderen Lagern wurden zunehmend zur Gefahr für meine fragile Device-Identität. Ich merkte gar nicht, wie ich mich freiwillig ins Gesinnungsgefängnis einsperrte. Ich spürte das schale Unwohlsein einer selbst gewählten Entwürdigung, immer dann, wenn es mir schwerfiel, mich zu entziehen, wenn ich in der Nacht noch das Tablet holte, um meinem drängenden Belohnungssystem noch einen Schuss zu geben. Blieb der aus, weil keiner mehr reagiert hatte, tat ich so, als ob nichts wäre. Doch mit jedem Abruf ohne Notification wuchs der Frust in meinem Kopf und Zweifelzombies untergruben mein Selbstbewusstsein. Beleidigtsein verbot ich mir, stattdessen erhöhte ich mein Postingtempo. An manchen Tagen konnte ich kaum einen Gedanken ohne Twitter denken. Wenn ich aufblickte, dann mit steifen Hals. Nach vielen Stunden bis in die Nacht fühlte ich mich müde und leer. Ausgesaugt wie ein Wassereis für 50 Cent. Permanentes Meinungsrauschen und unablässige Infohäppchen nahm ich für bare Münze und nicht als Abklatsch vom Abklatsch der Wirklichkeit. Ich verwechselte Tweets und Retweets mit Erfahrung und Wissen. Interaktion, von wegen! Diese Art der Interaktion ist nur ein Witz, wir haben nur noch nicht gelacht. Diese Art der Interaktion ist eindimensional. Alles was vom Display kommt, egal mit welcher Software auch bespielt, ist eindimensional und gibt aus sinnlicher Sicht nur Abwärme ab. Virtualität führt hier zur Verarmung der Erfahrung, verhindert Menschwerdung, die nur in der sinnlichen Nähe zum Menschen gelingen kann. Das alles geschieht schleichend, sehr schleichend, so kommt es mir vor.

Ich habe mehrmals erlebt, wie die Schwestern Virtualität und Selbstsuggestion zusammenspielten und mich narrten. Vor gut 5 Jahren verliebte ich mich über eine Datingsite in eine Frau (dieser Satz allein!). Sie war genauso unterversorgt wie ich. Sie wohnte einige hundert Kilometer südlicher und das erste Treffen war  erst nach gut 3 Wochen möglich. In der letzten Woche vor unserem Date schürten wir unsere Erwartungen und Wünsche von Morgens bis Abends. Einmal machten wir Facetime. Wir waren befangen, aber atmeten beide auf, da wir uns gefielen. Treffender: Nicht abstießen. Wir gestanden uns das Heißsein ein. In meinem Bauch zuckten rattige Wesen, die mir unheimlich wurden. Wir geilten uns im Vorfeld auf. Wir machten erste Pläne für die Zukunft. Dass mir ihre Stimme nicht gefiel, ignorierte ich. Ausserdem hatte sie große Nasenlöcher und ich befürchtete, dort immer hineinschauen zu müssen. Aber anscheinend habe ich die bemerkenswerte Fähigkeit, Nasenlöcher auszublenden. Als wir uns trafen, stichelte uns die Realität. Sie zeigte uns die Macht der Präsenz, der Gesten, der Gewohnheiten, der Erwartungen. Sie zeigte uns die Dynamik des Spiegelns, wenn man als Fremder in den Alltag eines vertrauten Umfelds eindringt und Liebe will. Neunundneunzig Prozent Scheitergarantie. Die Ernüchterung und das Befremden trafen uns hart. Auch wenn wir es sogleich ins Bett schafften, wir konnten uns die gestrafte Illusion nicht eingestehen, stattdessen übten wir double-bind. Wir trafen uns noch über Monate, aber wir blieben uns fremd. Wir sahen uns selten im Anderen, ausser im Begehren. Ihr reichte das, mir nicht.

Als ich täglich auf Twitter war, sah ich keine wirklichen Menschen, sie blieben Fremde, Unsichtbare, nur vorgestellte Wesen, Avatare. Sie sind nur Voraussetzung dafür, dass die Postings immer weiter laufen. Meine Postings waren keine Taten, es waren immer nur Klicks und Tapps, immer nur gehetztes Schreiben mit Worten, die immer nur auf mich selbst verwiesen wie ein Spiegel, der in einen Spiegel schaut. Egal wieviel Leid, Elend, Hass, Dummheit ich sah, es blieben Bilder, entsinnlichte Bilder, körperlose Bilder, es blieben Bilder ohne jede menschliche Ausstrahlung, ohne jede Körperlichkeit. Sicher sind sie wirkmächtig, ich unterschätze sie nicht, aber sie verändern keine Macht und machen auch nicht menschlicher. Sie beschleunigen die Beliebigkeit der Empörung. Das nützt der Macht. Empörung ist längst kein Mitfühlen, im Gegenteil, Empörung verhindert sie. Der Dauerbeschuss der Geräte macht stumpf und am Ende gleichgültig, er entfremdet uns vor dem Mitmenschen, hält uns fern von menschlicher Wärme, die wir dringend brauchen. Stattdessen blüht die Verachtung und der Hass, die uns schneller und schneller beschädigen. Nicht nur deshalb meide, blocke und verachte ich vor allem Facebook. Wer Facebook will, ohne mich. Whatsapp hatte ich nur kurz genutzt. Als Facebook den Messenger geschluckt hatte, zwang ich meinen Clan zu Threema. Entweder ich oder Zuckerberg, beides, nur ohne mich. Es gab Gemecker, aber der Großteil meiner heterogenen Familie wunderte sich, wie einfach und ruckzuck das geht.

Ich nehme mein Smartphone vom Ladekabel und gehe aus dem Flugmodus (haha). Meine drei Messenger schweigen. Keine Enttäuschung. Ich lege den Glasstein weg und freue mich auf den ersten Kaffee. Beim Nippen fällt mir der Brief wieder ein. Am Freitag ist dieser Babylontyp aufgetaucht. Heute ist Dienstag. Vier Tage wie im Flug vorbei, aber ich saß gut. Ich öffne meinen Kalender, um mir den Tag einzutragen, an dem er erscheinen will. Bei jedem Wetter! Ob der mitbekommen hat, dass das Wetter immer toller wird? Wenns wieder richtig schüttet, kann der lange auf mich warten. 11 Uhr. Wie er das gesagt hat!

 

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Der Brief? Wo ist er? Ich suche lustlos und finde ihn nicht, ich suche nachdrücklicher, obwohl ich ganz genau weiss, dass das auch nichts bringt. Vielleicht im Auto? Ach, Scheiss was drauf! Was will ich auch mit ihm! Ausserdem gibt es Arbeit. Schließlich muss ich mich finanzieren. Zudem drängt ein Kunde, ich spüre das, ich bin telepathisch talentiert. Doch ich bewege mich nicht vom Fleck, der Körper verharrt in Trägheit, was der Kopf auch immer beschliesst. Dieser Wandelkopf: Impulsiv wie ein Quasar und genauso unerreichbar! Ich lasse den Schreibtisch links liegen, klebe am Küchentisch und öffne die Kladde. Ich gucke mit dem Hadergefühl der Unlust auf das karierte Papier. Plötzlich empfindet mich etwas an. Traumschnipsel? (Der Kaffee hat sie wach gemacht, haha). Was will da Gedanke werden, weigert sich und bleibt im Vagen? Es ist ein häßliches Huschen aus rotblauem Chaos. Das erinnert mich an Träume, aus denen ich mit stroboskopischen Bildern erwachte, in denen zerfetztes Gewebe aufblitzte. Vor kurzen dachte ich noch, dass diese Träume vielleicht mit meinen Unfällen zu tun hätten. Ich ahne, gleich wird eine Kaskade von Erinnerungen meinen Drehbleistift übers Papier flitzen lassen. Die Unfälle! Als ich sechzehn war, der erste. Knapp zwei Jahre später, der zweite. Die waren nicht ohne!

Die Unfälle sind bis heute nur am Rande in meinem Portfolio vermeintlicher Angsturgründe aufgetaucht. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Der zweite Unfall war mir öfter mal bewusst, immer dann, wenn mich hypochondrische Überzeugungen überfielen, fies angefeuert durch Zucken und Ziehen. Dann schien der Kopf mir plötzlich krank zu werden und ziehende Kopfhaut und pochende Schläfen drängten sich auf als Gedankenboten eines Hirnschlags oder Blutgerinnsels. Zog es nicht bereits im Arm? War nicht schon das Bein irgendwie anders, um mit ironischen Kribbeln den Tod anzukündigen, der noch einmal Spaß haben wollte, bevor Schlottermann unter laufender Dusche oder sonst wo urplötzlich verstarb? Als Spätfolge dieses dummen Unfalls?

Damals kam ich von der Arbeit mit dem Fahrrad. Ich war Auszubildender im zweiten Lehrjahr. Ich arbeitete als angehender Elektroinstallateur bei einer Firma, die mehr Stifte als Gesellen hatte (ich werde darauf zurückkommen). Strippenzieher mit nem Kurzen inna Hose, war das erste, was ich lernte. Viele Lehrlinge arbeiteten auf weit gelegenen Baustellen. Ich blieb keine Ausnahme. So war ich nicht selten erst nach 17 Uhr auf dem Hof zurück. Ich musste danach noch quer durch die Stadt fahren, die nicht gerade klein ist. Auf den Rückweg gab es einige Anstiege. Einen hasste ich besonders. Er zog sich lang hin und zweispurig eilten Autos an mir vorbei. An dem Tag war das Wetter nass, die Luft lag in einer Diesigkeit aus dreißig Prozent schwarz. Wütend beschleunigte ich meinen Tritt, denn ich wusste, gleich kommt die Stelle, auf der Autos in Schüben von einer langgezogenen Autobahnabfahrt kommen. Dann lag ich in der Luft! Sah Grau in Grau und dachte gleichgültig: Das wars, auf Wiedersehen Sonne! Tatsächlich, das weiss ich noch, ich verabschiedete mich von der Sonne. Wie nett. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass ich ihre Dienste dermassen zu schätzen wusste. Obwohl, seit dem Tag, als meine herzensgute Hauptschullehrerin uns mit Beginn des fünften Schuljahrs zur Stadtbücherei des Stadtteils schleppte, interessierte ich mich für Astronomie. Ich entdeckte einen Bildband, der populär postiert war und meldet mich am gleichen Tag an. Das sollte nicht mein Nachteil werden, aber das ist eine andere Geschichte. (Manchmal dreht der Assoziationspapagei mit ihm durch!, höre ich aus dem Off.) In dieser Sekunde, in der ich in der Luft lag, nahm ich Abschied vom Leben und spürte keine Angst dabei. So habe ich die Geschichte bisher immer erzählt. Jetzt grad weiss ich nicht, ob das wirklich so wahr. Es war einfach nur ein Schock! Jedenfalls sagte ich der Sonne Tschüß, bevor ein harter Aufprall mich zurück auf die Erde holte. Ich fiel rücklings auf das Blechbett des Türkenschiffs, das mich abfederte und schlug mit dem Hinterkopf die Windschutzscheibe kaputt. Bruce Lee wäre vor Neid erblasst. Heute noch sehe ich die blinde Beule im Glas. Ich rollte von der Motorhaube, blieb kurz benommen liegen und stand dann wie von der Tarantel gestochen auf, um nach meinem Fahrrad zu sehen. Da lag es, mitten auf der Straße, das Hinterrad geschrottet. Keine Chance mehr, damit weiterzufahren. Ich sah nur das Fahrrad, alles andere nahm ich zuerst nicht wahr. Ich lief hin und hob es auf. Enttäuscht liess ich es wieder fallen. Erst jetzt bemerkte ich das Zittern meiner Beine, das Flattern meines Atems. Autos hielten, Menschen stiegen aus, aber alles schien wie weit entfernt. Dann sah ich den Mann, der mich fast tot gefahren hatte. Er kam zögernd auf mich zu mit hilflosen Gesten. Im feisten Gesicht mit dem dicken Schnäuzer sass Schrecken. Mein Fahrrad, sagte ich nur. Bezahlt Versicherung, bezahlt Versicherung, sagte der Mann und hob seine Arme auf und ab. Eine Frau kam auf mich zu. Blond, das weiss ich noch. Sehr besorgt, das sehe ich noch. Sie legte ihre Hand auf meinen Oberarm und sah mir ins Gesicht, fragte, ob ich in Ordnung sei, sagte, dass sie einen Riesenschreck bekommen habe. Ob ich einen Krankenwagen brauche? Ich schüttelte den Kopf. Ich schien mir unverletzt. Kein Blut nirgends. Irgendwann war auch die Polizei da. Ich wurde befragt, gab meine Adresse und dachte immer nur an mein Fahrrad mit dem zerstörten Hinterrad. Zerstört hätte auch mein Hinterkopf sein können. Die Polizisten fragten mehrere Male, ob ich nicht doch ins Krankenhaus wolle, um mich untersuchen zu lassen, vielleicht habe ich ja eine Gehirnerschütterung, ob mir denn nicht übel sei. Ich schüttelte wie zur Bestätigung den Kopf. Dabei fielen mir Onkel und Tante ein, die in der Nähe wohnten. Dort würde ich hingehen. Ich nahm das Rad über die Schulter, ging schnurstracks über das anliegende Feld und dachte, endlich allein. Was ich mitnahm an diesem Tag, das war der Schock, der Schock, der auf Hals und Nacken lag. Erst jetzt begreife ich, dass er tief ins Hirn gekrochen war und eine Unzahl Tretmienen gelegt hatte, die bei Stress, die bei einem falschen Gedanken, sei er auch noch so unscheinbar, explodierten, immer mal wieder explodierten. Die gute Nachricht: Das ist vorbei. Definitiv! Wurde auch Zeit. Irgendwann im Leben muss man schließlich die Kurve kriegen, will man sein altes Elend nicht noch mit ins Grab nehmen.

Der Unfall zuvor. Ein Unfall, der aufs Ganze ging und mich beinahe Hopps genommen, mich beinahe zurückgeschleudert hätte ins Reich der Atome. Dafür reichte Einer, einer, der mit einem ausgeprägten Archloch-Gen auf die Welt gekommen war und deshalb auch niemals aus seinem Arschloch-Sein herauskam. Einer, der meinte, mit entzogenem Führerschein und mit unangemeldeten Auto in den engen Straßen der Siedlung den Autohelden spielen zu müssen. Kurvenschneidend ohne Übersicht ab in die Stichstraße hinein! Bremsen kann man immer noch! Ich sass zuvor noch auf der Mofa. Von dem langen Zugangsbalkon, die zu den Türen der Wohnungen führten, rief mich meine Mutter zum Essen. Es war Mittags, Sylvester, fast ein Tag wie jeder andere. Und wie an einem Tag wie jeder andere, sagte ich, ich komme gleich und ignorierte das Zetern der Mutter. Ich beugte mich über den schnatternden Motor meiner Herkules, die ich vor Monaten fast ruiniert hatte, weil ich nach einem unendlichen Scharfsinnsanfall meinte, ich könne sie frisieren, wenn ich das Benzin-Zugangsloch zum Luft-Gasgemisch etwas vergrößere, mit dem Ergebnis, dass ich danach bei jedem Stopp den Benzinhebel zudrehen musste, weil sonst dasselbe aus dem Vergaser getröpfelt wäre. Wahrscheinlich war an diesem Tag einfach zu viel Luftgasgemisch in meinem Kopf, das schlagartig entwich, als ich das Ergebnis meines fachmännischen Denkens sehen musste. Hinzu kam, dass ich dieses Loch nicht mit einem Metallbohrer aufbohrte, sondern grob mit einem kantigen Dorn malträtierte, was zu häßlichen Kerben führte, die jede Dichtung ad absurdum führte. Ich spüre noch heute das Schamgefühl über meine gescheiterte Scharfsinnigkeit. So lag ich des öfteren, sitzend auf der Mofa, über dem laufenden Motor, hoffte durch Zaubersprüche Heilwirkungen zu erzeugen und suchte hörbare Zeichen der Besserung, während ich wie ein Besengter am Gas drehte und das Motörchen zum Kreischen brachte. So auch an diesem Tag. Und als ich dann noch eine Versöhnungsrunde um den Häuserblock fahren wollte, erfasste mich das Auto des Arschlochweltmeisters. Das brach mir einen Oberschenkel glatt und den Unterschenkelknochen gleich mit. Nah dem Knöchel. Wenn schon, denn schon. Danach lag ich auf nassem Asphalt, geschleudert bis zur anderen Seite der Straße und blieb liegen nahe der Bordsteinkante, über mir dunkelgrünes Gezweig aus Gebüsch. — Krüppel! Krüppel! Für immer Krüppel, dachte und wimmerte ich, umgeben von neugierigen Blicken und aufgeregtem Getuschel. Ich starrte auf mein zerstörtes Bein, das Bein, das kein Bein mehr war, das willenlos und mit abgeknickten Fuß einfach so da lag. Der Amputation war ich mir sicher. Um mich herum stand bereits die halbe Siedlung. Meine Mutter kam herunter, auch mein Vater, es war Samstag, er war an diesem Tag nicht arbeiten. Mein Vater hielt mir geschockt den Kopf. Viel erinnere ich nicht. Entfernt sehe ich mich im Krankenwagen, neben mir mein Vater. Es fühlte sich zuerst fremd an, wie meine schmale Hand zwischen seinen rauen, dicken Fingern lag. Zugleich war ich froh, dass er bei mir, dass er endlich einmal bei mir war.

Gerne hätte ich mich beim Arschlochchef bedankt. Für die vierstündige Operation, für die einskommafünf Liter Blutverlust, für die zwei langen Stangen, die man mir durchs Knochenmark schlug, für den zerquetschten Beinnerv, für die Lungenentzüdung nach der Operation, für die fünf Tage auf der Intensivstation, für die neun Wochen im Bett mit Gips bis zur Hüfte. Aber er kam nicht! Auf der Intensivstation hörte ich das Feuerwerk der Stadt und sah durch einen Schleier eine Blutkonserve hängen. Ein Traumbild, von dem aus ich schnell wieder in einen fiebrigen Schlaf fiel. Später sah ich mir den langen Raum genauer an, Bett an Bett. Neben mir ein Mann, der auf den Tod wartete. Ich sah einen Schlauch in seinem Kopf. Nur einmal stöhnte er. Er starb in diesen Tagen allein, ohne das ein Besuch gekommen war. Die Lücke zum nächsten Bett, die er hinterliess, erschien mir wie ein Abgrund. Alles war immer so still in diesen fünf Tagen im Winter 1977.

Was jetzt?! Klar ist das traurig! Aber muss ich dreiundvierzig Jahre später darüber heulen? Nein! Aber es ist nie zu spät. Ich habe immer nur unbedarft darüber erzählt, als wärs nicht mir passiert.

Nun gut, dann habe ich das jetzt auch hinter mir.

Regelmäßig musste ich Dämpfe einatmen. Das war eine willkommene Abwechslung. Mein größter Feind war die Uhr vor meinem Bett, gleichgültig dehnte sie die Zeit und die Tage wurden quälend lang. Einmal besuchte mich meine Mutter. Unsicher sass sie da mit gequältem Gesicht, als liege sie hier und nicht ich. Ich mache ja Sachen, sagte sie, ich mache ja Sachen. Hätte ich doch gehört, sagte sie.

Zwei oder drei Jahre später traf in den Arzt, der mich operiert hatte. Zufällig kam ich geradewegs in seine Praxis, die er noch nicht lange hatte. Ich brauchte die berühmte Allergiebescheinigung für die Bundeswehr und hoffte, dass mein durch den Unfall verkürztes Bein die Untauglichkeitschancen erhöhte. Der Arzt erkannte mich sofort wieder. Hocherfreut begrüßte er mich und erzählte mir von der schwierigen Operation. Als atme er erneut auf, lobte er meine gute Konstitution. Ich hätte sie ganz schön auf Trab gehalten. Mein Leben habe am seidenen Faden gehangen. Mein Lebenswille habe sie beeindruckt. Dankbar waren sie mir gewesen, als ich durch war. Vier lange Stunden habe die Operation gedauert. Ob ich überhaupt zum Bund wolle? Ich verneinte und bekam das passende Attest. Und heute, wenn ich an die Operation denke, imaginiere ich ein Massaker auf dem OP-Tisch. Ich sehe Sägen, Hämmer und Blut. Ich sehe pochendes, offenes Fleisch. Wie in manchen Träumen, in denen es wie rotes, blaues, schwarzes Fleisch aufblitzt, das mir aus dem Kopf quillt und noch kurz nach dem Aufwachen mit animalischem Schrecken vor meinen Augen tanzt. Vielleicht habe ich sowas gesehen, als die Betäubung nachliess. Vielleicht war das auch das vermeintliche Trauma, das ich viele Jahre zu begreifen suchte. Vielleicht war ich einfach nur auf dem Holzweg. Vielleicht ist das letztendlich auch Scheißegal, denn es ist vorbei und ist nicht mehr zu ändern. All die Angst im Körper wird mir bis zu meinem Tode bleiben. Doch seit einigen Jahren gibt es einen Unterschied im Umgang damit. Ich mache mir keine Gedanken mehr und lasse sie toben in der Gewissheit, dass sie sich bald wieder erschöpft haben wird. Ganz von allein.

 

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Zeitsprung. Weil: Einfach so. Oder: Meine Angstbeschau verweigert sich der Chronologie. Mehr noch: Ich will Erinnerungen nicht auf ein Ziel einstimmen. Ich will Erfahrungen keine Logik aufzwingen oder sie mit Sinn aufladen. Ich setze keinen Cent auf Narrative, ich misstraue ihnen.

°_° : Reicht! Weiter im Text!

Zeitsprung also. 1983. Urlaub in Großbritannien, gefahren bis ins letzte Kaff des schottischen Nordens, genauer, Betty Hill. Zwei Wochen zelten insgesamt, nur einmal nicht, das kam so: Ich war zusammen mit einer Frau, mit der ich seit einem knappen Jahr die freie Liebe versuchte. Ich nenne sie Betty, aber ohne Hill. Betty also, neun Jahre älter als ich, etabliert im Beruf, selbstbewusst auf den ersten und zweiten Blick, szenebekannt. Ich dagegen war Punk, arbeitslos, schüchtern und touristische Aktivitäten nicht gewohnt. Mein letzter Urlaub war eine Kinderverschickung in die Sommerferien gewesen. Arme Familien durften ihre neun bis zwölfjährige Brut für drei Wochen und unter dreißig Mark nach Österreich verschieben. Die Auszeit mit Betty fing längst nicht so gut an, wie mein Kindertrip ins bergenreiche Zillertal. Ich fand den Urlaub schnell zum Kotzen. Die Überfahrt trug wesentlich dazu bei. Und als ich Brighton sah, fragte ich mich, was an diesem Kaff so besonders sei (wahrscheinlich verwechselte ich den Hafen mit der Promenade, so urlaubsgrün wie ich war). Ich sah hier noch mehr Spießer als im verhassten Deutschland. Überall Touristen. Breit und behäbig strahlten sie das Selbstverständnis eines verfetteten Glücks aus und suchten zwischen XXL-Tüten und Plastikflaschen, zwischen Beachbummel und Tourifraß das Glück der Erholung. (Und das beschissene Unrecht auf der Welt kümmert Euch gar nicht?! Weit weg von Euch toben imperialistische Kriege! Die jahrhundertalte Ausbeutung unterlegener Regionen nährt unseren Reichtum!) Diese ganzen Sprüche, mißmutig und verächtlich vorgetragen, während Betty sich um alles kümmerte, was unter meiner Würde lag.

Neben der vermeintlichen Gleichgültigkeit und Heuchelei meiner Mitmenschen machten mir auch die kleinen Pflichten und Zumutungen des Urlaubsalltags zu schaffen. Betty wurde zusehends anmassend. So sollte ich doch tatsächlich einkaufen gehen! Ich! Mit meinem zweieinhalb Worten Englisch! Im Hinterstübchen war mir das peinlich. Betty verriet ich das nicht. Stattdessen weigerte ich mich mit wortkargen Ausreden. Und als Betty weiter darauf bestand, wurde ich wütend. Ich dachte, sie quäle mich absichtlich. Nicht auch noch sie! Ich schob unwillkürlich meine Oberlippe nach oben (so stelle ich mir das vor). Als mir nichts mehr einfiel auf ihre Argumente, ausser ein freundliches Leckmich oder Kein Bock, kehrte ich ihr den Rücken zu und schwieg die Landschaft an. Das machte Betty ein wenig wütend. Kindskopf, rief sie, wie ein Pascha verhielte ich mich. Pascha und Punk, diese Kombi war in meinen Ohren sehr böse. Pascha war ein Wort, das mich verläßlich reizte und das genauso verläßlich einen Monolog über ihre verlogene Spießigkeit provozierte. Blitzschnell wie ich war im Urteilen, transferierte ich ihre von Macht, Medien und Konsum beherrschten Verhaltensweisen in die großen politischen Zusammenhänge, was sogleich zur moralischen Schuld der Gleichgültigen und Verantwortungslosen führte, die nur und immer nur und nochmals nur: AN SICH DACHTEN! Am Ende trieb Betty nicht nur mein Räsonieren, Schimpfen und Täuschen zum Selbsteinkauf, sondern auch der Hunger. Hunger war ein Zustand, den sie so gut wie gar nicht ertragen konnte, schon bei nahendem Appetit wurde sie nervös. Ich wusste das.

In Verlauf unseres ersten Urlaubs fand ich viel Stoff für kindisches Gezänk, beleidigtes Schweigen und saublöde Kommentare. Betty ließ sich nichts gefallen. Ein ironisches Gesicht war ihre Standardantwort, wenn ich Abwegigkeiten mitteilte. Oft sagte sie wenig, wenn ich politisch räsonierte, was mich still an ihr zweifeln ließ, begleitet von lauten Vorwürfe. Wenn ich sie von meiner hohen Warte verurteilte, konterte sie oft mit einem ironischen Auflachen. Aber wenn es ihr zu bunt wurde, konnte auch sie laut werden. In den Jahren unseres Zusammenseins verdichtete Betty ihre Widerrede mit dem treffenden Wort: Kotzbrocken!

So fuhren wir. Durch ein kaltes England in skrupelloser Thatcherhand. Von Brighton direkt nach London. Sogleich nervte mich der Touri-Trubel. In einem dieser bescheuerten Doppeldeckerbusse wurde mir schlecht, wofür ich Betty verantwortlich machte, weil es ihre Idee gewesen war. Sie musste ja unbedingt darein! Dann kam Wales als wohltuender Abstecher. Nichts als Landschaft und Sonne, aber wenigstens kein Trubel und urige Leute. Uns als wir nah der schottischen Grenzen waren, passierte es. Betty fuhr und ich war still. Ich hatte nach Abbruch des Zeltes keine Lust zu fahren, was mich wunderte und zugleich erleichterte (ich fuhr ziemlich oft ohne Führerschein, mit Bettys Auto). Ich schaute aus dem Fenster und die Landschaft zog plötzlich wie braune Schlieren durch mein Hirn. Ein großes Kraftwerk am Horizont. Kühltürme mit dicken Bäuchen, die mir plötzlich als explodable Bedrohung vorkamen. Dann traf es mich wie ein ungebremstes Senkblei, das durch meinen Kopf schlug und Lunge und Bauch zerfetzte. Hauchend: Mein Kopf! Wimmernd: Mein Herz! Überzeugt: Ich sterbe! Ich brachte das heraus mit stockendem Atem. Ich war in Angst ohne Kompromisse. Aber Betty blieb ruhig. Sie hielt kurz an und fragte, ob ich etwas trinken wolle. Ich verneinte. Wir könnten ein Hotel nehmen, kam fast unwirklich ihre Stimme. Ich nickte. Der Gedanke an ein Hotel tat mir gut. Ein Bett, ein Raum, vier Wände. Wird man mir das Entsetzen ansehen? Werde ich mit panischen Augen und zitterndem Körper sein? Ich muss das überspielen, ich will so nicht gesehen werden! Das geht vorbei. Das muss vorbeigehen! Betty fuhr weiter, während ich mich auszitterte. Manchmal sah sie zu mir herüber: Ob es ginge? Ja, es ging. Es liess nach. Ich wurde ruhiger. Der Schock wechselte die Farbe und mündete in Fragen, auf die ich keine Antwort wusste: Was ist das? Was ist passiert? Woher kommt das? Kommt das wieder? Im Hotel ging es mir besser, ich konnte eine Kleinigkeit essen. An diesem Abend verteilte ich keine spöttischen Blicke an die Gäste im Speisesaal.

Die Reise wurde etwas friedlicher danach. Ich wurde umgänglicher, spürte Dankbarkeit, auch Bewunderung einmal, weil Betty so umsichtig geblieben war. Wir zelteten wieder. Auch der Motzkopf tauchte wieder auf, aber etwas leiser als sonst. In meinem Inneren hatte sich etwas verschoben und in den Tagen nach dem Anfall achtete ich auf kleinste Anzeichen. Ein paar friedliche Tage zwischen rauer Wiesen- und Steinlandschaft mit plötzlich auftauchenden Sanddünenbuchten, in die langsam die Strömungen zweier Meere hineinkrochen, beruhigten mich. Im Dorf begegneten wir einfachen Menschen, an denen ich nichts auszusetzen hatte. Im Gegenteil, ihr verhaltenes Interesse, ihre Einfachheit, ihre gesamte Art gefiel mir. Sie strahlen eine Ruhe aus, die mich fast neidisch machte auf sie. So wollte ich auch werden. Zudem brachte ich es tatsächlich fertig, ganz allein den Dorfpub zu betreten, um einen bräunlichen und halbtransparenten Kanister mit Bier auffüllen zu lassen. Ich war überhaupt nicht aufgeregt! Echt nicht! Ich zeigte lieber auf den Zapfhahn als meine paar Worte herunter zu stottern. Ich kam ohne Schamschaden wieder heraus, aber mit vollen Kanister. Im Zelt feuerten wir mit dem süffigen Bier unsere eh schon kaum auszuhaltende Geilheit an, die verläßlich auch den heftigsten Streit resettete.   

Monate später, als wir uns bereits eine Wohnung teilten, wurde Bettys Kinderwunsch dringlicher. Immerhin, sie ging auf die Zweiunddreißig zu; und sie wollte mehr als ein Kind von mir, wie sie mir erst viel später steckte. Ich war zuerst erschrocken, traute mich aber nicht, meine Bedenken offenzulegen. Ich spielte auf Zeit und blieb unschlüssig. Sie hielt das schlecht aus. Sie sah meine Verstörungen nicht. Ich zog mich zunehmend zurück. Sie wurde zusehends nervöser. Eines Tages fiel ich in eine bis dahin nicht gekannte Kraftlosigkeit, die sich langsam angekündigte hatte und mich dann mit einer Wucht erfasste, die mich an meinen Anfall in England erinnerte. Ich saß im Sessel und kam nicht mehr heraus. Ich saß wie unter einer Glasglocke, stumm, zu keiner Bewegung mehr fähig. Tatsächlich erstarrt! Nicht mehr Herr meines Körpers. Den Arm heben, einfach nur heben? Das ging nicht! Ich hatte weder die Kraft noch den Willen dazu. Von weit her hörte ich Betty, obwohl sie in meiner Nähe war. Ich hörte ihre Bitten, aber sie erreichten mich nicht. Ich sah sie ohne eine Regung von einem Zimmer zum anderen hetzen. Sie war verzweifelt. Ich war ihr vollkommen entglitten. Ungewissheit quälte sie. Nur langsam kam ich an diesem Tag aus meinem Eisblock heraus. Spät in der Nacht kroch auf die Couch in meinem Zimmer. In den Monaten darauf ließ mich ein unbekanntes Bedrohungsgefühl nicht mehr los. In den Nächten ertrank ich in Adrenalinsäuren. Warum? Ich hatte keine Ahnung! Ich fühlte mich im Inneren wie ein Trümmerhaufen, verläßlich war nur der Abgrund.

Einmal rief der Abgrund mitten am Tag. Zuerst war nur ein Unwohlsein gewesen, ein leichter Druck in der Brust und eine beunruhigende Unkonzentriertheit, als wären die Gedanken in klebrige Watte gepackt. Dann zog es am Herzen, die Kopfhaut zog mit. Ich fühlte mich wie ein Kartenhaus, das gleich zusammenbrechen würde. Mein Körper drohte, zu versagen, fiel in die totale Verletzlichkeit. Es reiche ein Hauch und tot! Ich hielt es in der Wohnung nicht mehr aus und ging nach draußen. Die Treppe im Hausflur ging ich noch beherrscht herunter, um nicht aufzufallen. Dann lief ich zu einer großen Wiese, die zur fensterlose Wand einer Turnhalle führte. Das Licht gleißte kalt meine Augen. Die graue Wiese drohte mich zu verschlucken wie ein Schlund! Schlürpp und weg! Für immer tot! Ich fiel auf die Knie, beugte mich zum Stoßgebet, drückte mein verzerrtes Gesicht ins harte Gras und schlug mit der Faust auf den Boden. Er gab nicht nach! Wütend schrie ich auf, wollte in das Dunkel absinken, und wollte es nicht. Ich stöhnte Luft aus meinen Lungen, die aus einer alten, kalten, ekelbehafteten Zeit zu kommen schien. Plötzlich regte sich ein Scheiß-Egal-Trotz. Der gab mir Kraft, wie so oft schon. Ich richtete mich auf. Ein peinliches Gefühl half mir auf die Beine. Ich schaute mich um. Der Boden unter meinen Füßen wurde wieder verläßlich. Ich spürte, es war vorerst vorbei. Doch quälte mich die Frage, ob ich verrückt sei und bald meinen Verstand verlieren würde. Ich schwor mir, alles zu tun, um nicht eingeliefert und ruhig gestellt zu werden. Einsamer stand ich nie mehr auf einer Wiese und blinzelte mit verstörten Augen ins Ungewisse.

Nach diesem Tagalbtraum ging es mir von Tag zu Tag etwas besser. Die Nächte wurden ruhiger. Der Frühling half, seine jungen Blätter, der Vogelgesang, was ich alles zum ersten Mal erstaunt und berührt wahrnahm. Bettys Arzt half, ein Anthroposoph mit Kassenzulassung. Baldrian-Dragees halfen, immer dann, wenn Kopf und Körper mich vorwarnten. Es kamen Phasen der Hochstimmung, die Tiefstimmung in sich trugen. Es kam der Vorschlag des Arztes, eine Therapie zu machen. Zwei hochmotivierte Absolventinnen der Uni würden in seinen Räumen Psychodrama anbieten. Der Arzt schien zu sehen, was ich dachte und sagte, das höre sich schlimmer als es ist. Es sei eine schlichte Gruppentherapie, die durch die Gruppe, wenn es gut liefe, getragen würde. Ich traute mich nicht, nach den Kosten zu fragen, ich quälte mich mit Arbeitslosenschämen. Das schien auf meinem Gesicht zu stehen. Der Arzt verwies gleichmütig darauf, dass die Therapie auch für weniger zahlungskräftige Patienten gedacht sei. Für sechs Monate sollte es alle zwei Wochen eine neunzigminütige Sitzung geben. Trotz der Zweifel sagte ich zu. Wahrscheinlich auch, weil ich so schlecht Nein sagen konnte und unter keinen Umständen undankbar wirken wollte. Auch die Ausstrahlung des Arztes half mir bei der Entscheidung. Der Arzt war groß und schlank, trug einen gepflegten Bart, in seiner Stimme lag eine warme Sachlichkeit, für die ich dankbar war, die mir Sicherheit gab. Auch der Leidensdruck trug dazu bei, mich einer Gruppe von Gleichgestörten zu stellen. Ich sass regelmäßig in den verschütteten Kellern der Depression oder feierte wie ein Ping-Pong-Ball mein großartiges Leben: Großartig vor die Wand gefahren war es, großartig orientierungslos dazu. Großartig verfahren in den Liebesversuchen mit Betty war es. Betty, die ein Kind von mir wollte und die mein Leidensschwimmen mit Schnappatmung beantwortete, die mein Schweigen falsch deutete und allein auf sich bezog, so wie ich immer alles auf mich bezog. Wir sahen nur uns, selten den anderen. Wir waren kongenial neurotisch, aber auf sympathische Art, auf die Art, wie sie nur zwei Leben bieten.

Damals fing ich an zu ahnen, dass alle Menschen ihre Wahrnehmungsbrillen tragen. Sie nennen das Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit war das Anrennen gegen die Ungewissheit und der Versuch, meine Zerrissenheit zu deuten, ohne Worte dafür zu haben. Manchmal fühlte ich eine Vagheit im Kopf, die mich jeden Augenblick zu der Wahrheit führen würde, als läge sie bereits auf der Zunge und müsse nur ausgesprochen werden. Oder wie ein Geruch, der bereits wieder verschwunden ist, bevor das Hirn ein Wort dafür gefunden. So schwand die Hoffnung so schnell wie sie gekommen war. Es gab keine erlösenden Worte, nur ein vorsprachliches Ahnen, nur eine gedankliche Fata Morgana. Ich suchte eine verdrängte Ursache für die gefühlte Minderwertigkeit, für die nächtliche Panik und für die hartnäckigen Gedanken, auf dem Holzweg zu sein, auf der Stelle zu treten und niemals wissen zu werden, was ich wirklich will. Die Bergung einer Ursache sollte meine Rettung sein. Ich fing an zu forschen, in meinem Umfeld. Ich entdeckte bei meinem Arzt die Psychologie Heute, die ich mir regelmäßig kaufte und die mir Hoffnung auf leidenslindernde Erkenntnisse machte. 

Ich stellte meine Mutter zur Rede. Sie wusste nicht, was ich von ihr wollte, als ich verlangte, sie solle mir sofort erzählen, was sie mit mir als Baby und kleines Kind gemacht hätte, sonst würde sie mich nie wieder sehen. Sie saß da auf ihrem angestammten Küchenstuhl, mit den ewigen Kittel am Leib. Sie schaute zuerst empört und sackte dann zusammen. Sie brachte drei Sätze heraus, die mir ihre kindliche Elendserfahrung schlagartig deutlich machte. Auf Landverschickung in Tschechien sei sie gewesen, im Krieg, dort sei sie vergewaltigt worden, und als sie mit elf Jahren zurückmusste, wollte sie ihre Mutter nicht. Sie senkte den Kopf, drückte ein Papiertaschentuch zusammen und verdrückte eine Träne. Schweigen. Dann sagte ich, verstehe, stand auf und ging ohne einen Trost. Hier war nichts zu holen. Alles lag an mir. Nur ich konnte mich retten, das dämmerte mir. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben.

Ich fragte vorsichtig bei Verwandten nach, aber ich spürte schnell, dass ich an falschen Adressen war. Sie gingen entweder nicht auf meine Fragen ein oder erzählten Anekdoten, die ich schon drei Millionen Mal gehört hatte. Später suchte ich eine Haushälterin auf, die vor Jahren für uns fünf Kinder gekocht und gewaschen hatte, als meine Mutter im Krankenhaus war. Sie mochte uns. Aber was sollte sie schon erzählen? Sie liess mich auf ein Glas Wasser in ihre Küche, hörte mir interessiert zu. Es tat ihr leid, dass sie nicht viel erzählen könne. Sie habe uns als tolle Kinder erlebt, hilfsbereit, witzig und intelligent. Ich staunte und begriff zugleich, dass ich auch hier an der falschen Adresse war und wohl nur Bestätigung und Zuspruch suchte, aber keine Antworten auf meine Misere. Sie verabschiedete mich mit einem warmen Lächeln und wünschte mir viel Glück, während ich bereits an meinem Fahrrad stand und mich bedankte.

Je mehr ich forschte, umso schneller drehte ich mich um meine Neurose, die zwischen Selbstabwertung, Selbstmitleid und aggressiven Trotz oszillierte. Mein Humor, der nie ganz versiegte, kam mir nur selten zur Hilfe. In den Jahren hat sich mir gezeigt: Neurosen hassen Humor. Zum genialen Gegenspieler der Neurose wurde mir die Selbstironie. Sie ist eine Art DIY-Therapie mit der schnellsten und kürzesten Intervention, die je eine Therapie erreicht hat. Aber ich brauchte noch ein paar lange Jährchen, um mit meinen Naturhumor stets fix die stets lauernden Triebe des Selbstmitleids zu zupfen, ohne Gift und Bunsenbrenner. Damals hatte ich noch nicht die Mittel. Aber immerhin: Eine Therapie stand an. Und ich wollte sie.

 

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Ich wollte diese Therapie, da bin ich mir sicher. Aber wie kam ich zu diesem Willen? Das ist doch das Interessante und nicht die Therapie selbst, summt mir mein Schreibgespür ins Hinteröhrchen. Ich habe noch etwas weiter in die Jahre davor abzutauchen, hallt ein subtiler Imperativ in meinem Kopf und der Bauch stimmt prompt mit ein. Was bleibt mir anderes übrig, als ihnen zu folgen, ohne zu wissen, wohin sie mich führen werden? Also tauche ich ab in ein dunkles Wasser und wenn es gut läuft, dann ertrinke ich nicht in Belanglosigkeiten, sondern tauche erstaunt mit Sätzen an Sätzen wieder auf, die über meine Erinnerungen hinausgehen.

Nach meiner dritten Kündigung erfand ich die produktive Arbeitslosigkeit. Die wollte ich leben. Tatsache! (°_°: Angeber!) Ich dachte sie mir als Ohrfeige gegen den Kapitalismus. Ich dachte sie mir als Freiraum für einen Weg aus der Abhängigkeit. Sie war ein Vorschuss für die Selbstfindung jenseits der kaltherzigen Ausbeutung meiner Arbeitskraft. Aber den Vorschuss musste ich mir zuerst verdienen. Anderthalb Jahre vor meiner Metamorphose zum Punk und drei Wochen nach der Aufgabe meines ersten Ausbildungsplatzes fing ich bei Opel als Schichtarbeiter an, um endlich genügend Geld zu verdienen. Zudem dachte ich vorsorgend voraus und kalkulierte den vielversprechenden Anspruch auf Arbeitslosengeld mit ein. Selbst die Arbeitslosenhilfe, die mir nach dem Arbeitslosengeld zustand, war noch ordentlich. Mit knapp neunhundert Mark ließen sich gut leben, wie sich später herausstellte: Wenn man bei Plus einkaufen ging, kein Auto fuhr, eine Sozialwohnung bezog und keine Versicherungen abschloss. Für mich vom Vorteil war auch, dass ich die Kommerzwelt zum Kotzen fand. Aber nur bis zu einem gewissen Grad! Gute Technik für meine Cassetten-Fanzines, hm, da war mir der Kommerz auf einmal nicht mehr zuwider, solcher Technik konnte ich schlecht widerstehen. Auch kaufte ich mir, als ich bereits ein paar Monate frei von abhängiger Arbeit war, eine elektrische Schreibmaschine. Zahlbar über sechs Raten, ein großes Versandhaus machte das möglich. Mein ganzer Stolz eine Zeit. Rot war sie und nützlich war sie auch, ein Werkzeug für meine Ideen. Ich wollte schreiben, Fanzines machen und mich weiterbilden. Das war mein ganz eigener Punkanspruch.

Mit dem Schreiben lief es zuerst ganz gut. Ich fing einfach an, so wie ich vieles einfach anfing. Ich schrieb Realsatiren, die sich über Rituale der Punks und die linke Szene lustig machte. Humorbefeuerte Alltagsbeobachtungen, ziemlich spöttisch im Sprachduktus. Ein halbes Jahr später hatte ich auf einer gewerkschaftlichen Kulturveranstaltung meine erste Lesung, neben anderen Autoren. Man hörte mir wohlwollend zu. Man bestätigte mir Talent. Danach erschienen ein paar Texte in lokalen Zeitschriften. Ein linker Verlag aus Hamburg schickte mir gar einen jungen Lektor, nachdem ich ein paar Manuskripte in die Welt verschickt hatte. Jedenfalls, mein Leben fing an, abwechslungsreich zu werden. Ich kroch heraus aus dem einsamen Loch, das manche Ich nennen und in das ich gefallen war, nachdem ich die linkssektiererische Wohngemeinschaft verlassen hatte. Übergangsweise wohnte ich einige Monate bei meinen Eltern. Kaum floss nach zwei Monaten die Arbeitslosenkohle, fand ich eine kleine Wohnung. Glück im richtigen Moment, das ich nicht selten hatte. In der Zeit des Wartens gab ich Kleinanzeigen in Programmzeitschriften auf, um gleichgesinnte Punks zu finden, die mehr wollten, als saufen, stänkern und demonstrativ in den Rinnstein pissen. Ich wollte nicht generell gegen alle sein, die keinen Nietengürtel, keine zerrissene Kleidung, keine verlotterten, kurzen Haare trugen. Ich wollte rechts und links nicht in einen Topf werfen. Ich verachtete die Frauen nicht und ich beschimpfte keine Obdachlosen. Ich sah mich als politischen Punk und die Musik, die ich hörte, gab mir recht: Dead Kennedys, The Clash, Slime, Hass, Crass (°_! : Von wegen Sex Pistols! Das Jammerjaulen von Rotten ging dir auf die Nerven!). Und kaum hatte ich gehärtete Seife für meine Haare und die Lackfarbe im Keller meiner Eltern für meine Lederjacke entdeckt, da lernte die Betty kennen, die mich zuerst im Stich liess und später ein Kind von mir wollte. Ja, diese Betty, mit der ich in Betty Hill war. Ich lernte sie in einer ehemaligen Gaststätte kennen, aus der ein paar geschäftstüchtige Hippies einen Treffpunkt für die linksalternative Szene gemacht hatten. Dass ich Betty überhaupt kennenlernte, hatte ich dem Zufall und Tom zu verdanken, ein junger Punk, der unter dem Schwulsein und seiner Mutter litt. Er rief mich ab und zu bei meinen Eltern an, als ich dort die zweimonatige Strafzeit ohne Arbeitslosengeld absaß. Ich sehe mich noch ganz genau da sitzen auf der Couch in der Küche der zweiten Wohnung. Die hatten meine Eltern vor Jahren angemietet, um unsere Wohnsituation zu entspannen. Zuvor wohnten wir als siebenköpfige Familie auf großzügigen fünfzig Quadratmetern. Und da immer mehr Familien der verrufenen Siedlung den Rücken kehrten und immer weniger nachzogen, wurde nebenan diese Wohnung frei. Dort hauste jahrelang eine kranke Frau mit ihrem Enkel. Der Enkel hatte viele Sommersprossen und wenig Freunde in der Siedlung. Er war als Einzelgänger und Stubenhocker verschrieen. Er fand Spaß daran, seinen Kanarienvogel vor die Wand zu schmeissen. Der Ekel-Temme dreht durch, hieß es dann. Irgendwann waren die Temmes nicht mehr da und mein Bruder und ich konnten je eines der beiden kleineren Zimmer besetzen. Ich war noch in meiner ersten Ausbildung als Elektroinstallateur und baute mir in dem Zimmer ein Lichtspiel auf. Überall stellte ich bunte, schwere Strahler auf, die meine Pflanzen beleuchten sollten, die ich irgendwo ausgrub oder mir schenken ließ. Über meinem Bett hatte ich einen Blechkasten aus dem Elektronikladen, dort liefen alle Kabel zusammen. In dem Blechkasten hatte ich symmetrisch eine Reihe von massiven Kippschaltern eingefasst, darüber rote und grüne Leuchten, die signalisierten, dass 230 Volt ihren Dienst taten. Als alles fertig gebastelt war, genoss ich es, eine Woche lang auf der Matratze zu liegen und die Schalter über meinem Kopf zu bedienen.

Die Mieten für die kleinen Wohnungen der städtischen Wohnunterkunft waren günstig. Mit Einzug in das eingezäunte Paradies der Kinderreichen gingen auch ein paar Bürgerrechte flöten. So durfte der Verwalter kontrollieren, ob nach 22 Uhr kein Besuch mehr in den Wohnungen war. Aber der hütete sich. Er hielt sich stoisch aus allem heraus und sprach, im Einklang mit einem Teil der Bewohner, lieber der Flasche zu. So ermöglichte uns die jahrelange Mitgliedschaft im Club Sonnenburg, wie die Siedlung spöttisch gerufen wurde, eine Zweitwohnung, die das Zusammenleben in der Familie friedlicher machte, weil wir uns komfortabler aus dem Weg gehen konnten.

Längst waren die wilden Zeiten der vier langen Blöcke aus rotem Backstein und Beton vorbei, als ich allein in dieser Küche sass. Das Jahr 1983 war noch im frühen Winter. Das Balkonfenster tauchte das Zimmer in graues Licht. Die Couch war ausgezogen, wie immer. Hinter mir das zerwühlte Bettzeug. Gegenüber ergraute der weisse Küchenschrank, auf den meine gute Oma so stolz gewesen war. Sie hatte ihn nur ungern meinen Eltern überlassen, als sie in eine kleinere Wohnung ziehen musste. Die versetzen alles, rief sie manchmal aus. Nach meinem trotzigen Auszug aus der Polit-WG habe ich viele Dinge einfach weggeschmissen, sogar Briefe! Es sollte ein Neuanfang ohne Ballast sein. Am Ende besass ich noch einen billigen Verstärker, eine ebenso billige E-Gitarre, die sich nicht wirklich stimmen ließ, und die Spiegelreflexkamera Canon AE 1, die ich vor meinem Vater versteckte, damit er sie nicht zum Pfandhaus trug. Ich nahm sie nur noch selten in die Hand, um ab und zu ein Porträt meines Elends zu machen. So fotografierte ich mich mit spitz aufgestellten Haaren, von getrockneter Seife zuverlässig in Form gehalten, nur regnen durfte es nicht. Aus meinen Augen schaut entfernte Traurigkeit, mein Gesicht ist eingefallen, auf den Lippen liegt Trotz, vielleicht auch Verächtlichkeit. Von meinen wenigen Klamotten war mir nur meine Motorradleckerjacke wichtig. Auch sie wurde Punk. Sie zeigte überzeugt farbige Lackschlieren, ein paar Nieten und Bekenntnisse wie Fuck Nazis und Scheiss System.

Da sass ich auf der Couch, die keiner mehr machen wollte, dürr und blass. Vielleicht war ich guter Dinge und wollte in die Stadt, um Tom zu treffen, von dem ich hoffte, dass er ein Freund werden würde. Kennengelernt hatte ich ihn über meine erste Kleinanzeige. Vielleicht schob ich aber auch einen ätzenden Weltschmerzblues und dachte an die Gosse, die man mir immer mal wieder prophezeit hatte. Ich hatte nicht nur der Schichtarbeit bei Opel den Rücken gekehrt, sondern auch zwei angesehenen Ausbildungsplätzen.

Mein erste Ausbildung hieß je nach Sprachkompetenz Elektroinstallateur oder Strippenzieher. Sie folgte dem Prinzip billige Arbeitskraft mit möglichst vielen Lehrlingen, um sie bevorzugt auf großer Baustelle mit Bauwagensiedlung, gelegen in der bayerischen Pampa, einzusetzen. Die Berufsschule hatte ich bis zum letzten Zeugnis besucht, denn sie hatte mir Spaß gemacht. Zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich, dass ich gar nicht so dumm war, wie ich immer dachte. Gleich in den ersten Monaten verlor ich die Angst vor den schulischen Anforderungen. Das hatte ich dem Klassenlehrer zu verdanken, der Fahlbusch hieß und der mit Hochwasserhosen, Rauschebart und viel Humor das Beste aus den halbstarken Schülern herauszuholen wusste. Er schaffte es stets aufs Neue, selbst Mathematik und Fachkunde interessant zu machen. Als der Blockunterricht des dritten Lehrjahres vorbei war, wurde es düster um meine Stimmung. Mir blieben ein halbes Jahr reine Praxis, sprich, trostlose Arbeit auf trostlosen Baustellen. Fünf Tage die Woche! Ohne einen Berufsschultag oder weiteren Blockunterricht! Allein der Gedanke war mir unerträglich. Gründe für meine Abneigung wuchsen täglich wie Unkraut zwischen Wegplatten aus meinem Hirn. Da war der Ärger mit den beiden Chefs, weil ich mich weigerte, auf Fernmontage zu gehen und im stickigen Bauwagen zu wohnen. Zwei Wochen am Stück! Und nicht nur einmal! Und auch nicht gegen Lohn, sondern nur für Freistunden! Nicht mit mir!

Meine Verweigerung wurde prompt belohnt. Man wies mir lehrreiche Baustellen zu, vorzugsweise Lagerhallen. So schob ich im dritten Lehrjahr dumm Gerüste oder stand selbst auf einem solchen, um ungesichert und zwischen Springleranlagen dicke Kabel zu ziehen. Anstatt eine Verteilung zu verkabeln, stemmte ich Dosen aus Beton oder bohrte Deckendurchbrüche von unten nach oben. Meine Beschwerde bei der Handwerkskammer hatte leider keinen Erfolg, obwohl man mir dort Intervention versprach. Entsprechend war mein Ansehen bei den beiden Geschäftsführern extraordinär. Gelegentlich gönnten sie mir auch stumpfsinnige Lagerarbeit, die mir immerhin einen pünktlichen Feierabend in Aussicht stellte. Dort ließ man mich aufräumen. Einmal feilte ich dort gemütlich kleine Kupferquader. Darin stanzte ich Autonummern. Wunderschöne Schlüsselanhänger wurden das. Und damit sie noch schöner werden sollten, kam eines Tages der studierte, erste Chef ins Lager. Der Ingenieur, wie er entweder in despektierlicher oder in arschkriechender Tonlage genannt wurde. Der Ingenieur fuhr stets und demonstrativ mit schnittigem BMW vor. Die größte Hektik auf dem Hof war dann meistens bereits vorbei. An einem Tag kam dieser Mann zu mir ins Lager. Mit seinem gut sitzenden Anzug sah er, im Gegenlicht kommend, wie eine unwirkliche Erscheinung aus. Die wollte mir zeigen, wie man die Kanten des Kupferquaders richtig rund feilt. Das Ergebnis war leider nicht sehr zeigenswert. Die Erscheinung hatte meine schöne Rundung ruiniert. Danach setzte sie zu einer Rede an. Sie wollte mich zur Besinnung bringen und appellierte an meine Vernunft. Es reiche, wenn ich einmal auf Fernmontage ginge, so wie alle Lehrlinge es täten. Manche machten das sogar gerne. Also könne es doch nicht so schlimm sein. Warum es sich unnötig schwer machen? Für mich würde es nur Vorteile bringen, ein Hand wasche schließlich die andere. Solche Sprüche am laufenden Band. Ich blieb stumm und sah knallhart auf die versaute Rundung. Die Erscheinung ärgerte sich, drohte freundlich mit Konsequenzen und verschwand. Schließlich stand die kleine Hektik des Feierabends bevor.

Die große Hektik gab es immer morgens. Sie wurde zuverlässig vom zweiten Chef, ein in die Geschäftsführung aufgestiegener Meister, mit fuchtelnder Tatkraft vorangetrieben. Ständig betraute er irgendwelche Herrn Von-und-zus mit Aufgaben, für die sie nicht zuständig waren. Beine machen war seine Leidenschaft. Dieser Mann hatte mich auch eingestellt und war tief beeindruckt davon gewesen, dass ich mit Dreisatz und Zinsrechnung keine Probleme hatte. Er staunte ironisch, dass ich so früh in meinem Leben elektrische Geräte wie Kofferradios und alte Staubsauger auseinander gebaut hatte. Dabei verschwieg ich, dass ich einige Male die Kraft elektrischer Ströme zu spüren bekam und sie überlebte. Er lobte derweil meine Tatkraft, die in seinem Betrieb eine glänzende Zukunft haben werde. Ende der siebziger Jahre wohlgemerkt, also in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit wohlgemerkt! Er tat so, als wäre meine Einstellung reine Güte und gab später ein paar Anekdoten aus seiner Lehrzeit zum Besten. Eine Lehrzeit, dessen Härte mit Heute bei weitem nicht zu vergleichen sei. Aber auch heute seien Lehrjahre eben keine Herrenjahre, das dürfe ich nie vergessen. Und ich habe das nie vergessen.

Einige Monate später trat ich meine erste Schicht an. Ich stand da wie einer, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Mitten im Gewimmel suchte ich Halt wie ein Nichtschwimmer, der schon ertrunken war. Ich wusste nicht, wo ich mich hinstellen sollte und wer für mich zuständig war. Das war dem zweiten Chef sofort ein Dorn im Auge. Alles, was einfach so dastand, war ihm ein Dorn im Auge. Mit fuchtelnden Armen befahl er mir, eine Trommel Kabel zu holen und ließ dabei ein kryptisches Wort fallen. Bevor ich eine Frage stellen konnte, sagte er im Weggehen: Ja, worauf warten sie noch! Nicht einschlafen, Herr Von-und-zu! Glücklicherweise erbarmte sich mir ein stämmiger Geselle mit Gigolo-Schnäuzer. Er zeigte mir das Kabellager. Doch hatte ich die Type des Kabels längst vergessen. Ich ging trotzdem, getrieben von Trotz, Versagensangst und Ja-nicht-heulen. Das war mein Einstand mit dem niederschmetternden Gedanken: 40 Jahre! Das schaffe ich nie!

Rechne ich die Unterbrechung wegen meines Verkehrsunfalls hinzu, habe ich knapp vier Jahre später die Brocken geschmissen und ich erinnere mich noch gut an die Genugtuung, die ich am Telefon spürte, als ich dem Ingenieur meine Entscheidung mitteilte. Er reagiert zuerst betroffen und dann kiebig. Mir wars scheißegal, ich war nur froh, aus dieser Geschichte heraus zu sein. Drei Wochen später fing ich bei den Opel-Werken an. Schichtarbeit im Akkord. Dafür endlich Kohle satt!

Fortsetzung folgt

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