Ausfahrt Sonnenburg – Teil 1

Erster Teil des Fortsetzungsromans "Ausfahrt Sonnenburg".

Lauter Umzüge

1

Er hatte in den Jahren nie darüber nachgedacht, was Sonnenburg für eine Bedeutung haben könnte. Er spürte den Spott, der aus den Mündern derer stach, die es aussprachen, aber ihm klang das Wort weniger hart als jenes, das in der Schule manchmal fiel, wenn er sich Mitschülern näherte, die einen aus der Asozialensiedlung nicht in ihrer Nähe duldeten. Dabei sollten die vier Blöcke aus rotem Backstein und Beton, die im Stadtteil und darüber hinaus verrufen waren, ein Kinderparadies sein. Kurz vor dem Umzug, 1972, redete die schwangere Mutter ihren Kindern den noch unbekannten Wohnort schön. Es gäbe dort Kettcars und richtige Spielplätze. Das war verlockend für Rolf und versprach mehr als das Haus, in dem er mit Mutter, Vater und seinen drei Geschwistern wohnte. Auffällig klein war es mit dem Erdgeschoss und einer einzigen Etage darüber, gelegen an einer viel befahrenen Straße und gebaut aus Backsteinen, die schwarz geworden im Rußstaub der Jahrzehnte, der unablässig aus Zechen, Kokereien und Kraftwerken gestiegen war. Von den Fensterrahmen sprang der Lack vom schartigen Holz und der Kitt bröckelte mit dem Untergang der Schwerindustrie.

Vor dem kleinen Haus lag eine Treppe mit drei klobigen Stufen, die den Bürgersteig verengten. Wenn es geregnet hatte, glänzten die rund gelaufenen Kanten und die feinen Poren des Steins tranken Wasser. Manchmal sprang Rolf die drei Stufen auf einmal herunter, bevor die schwere Holztür hinter ihm mit einem Ächzen ins Schloss fiel. Heute springt er zu weit, steht pendelnd auf dem Bordstein, um auf keinen Fall die abgewetzten Kopfsteine der Straße zu betreten. Heute schimmern auch die Steine wieder und die Straßenbahnschienen blinzeln. Aber heute steht kein Sattelschlepper mit riesigen Ringen auf dem Parkplatz, der schräg gegenüber der anderen Straßenseite liegt. Leer liegt er vor der fensterlosen Halle aus grauweißem Metall und der verlorene Platz tut ihm seltsam leid, bis wie aus dem Nichts die Straße schreit und ein Zug Autos vorbeifährt. Unwillkürlich geht er einen Schritt zurück und atmet widerwillig, so wie er es tut, wenn er an einer Ampel steht und die Rohre dampfen und tropfen sieht.

2

Rolfs Familie wohnte fast vier Jahre in dem kleinen Haus, das sie sich mit einer alten Frau teilten, die im Erdgeschoss wohnte und einen bissigen Colli hatte. Zuvor waren sie ein halbes Jahr in einer ausgedienten Grundschule untergekommen. Die Schule war von der Stadtverwaltung für kinderreiche Familien reserviert worden, die keine Wohnung fanden. Rolfs Eltern hatten sich verschuldet, hatten von einem Vertreter, der von Haus zu Haus lief, auf Pump Möbel und Kleidung bestellt und konnten dann die Raten nicht mehr zahlen. Es kam zu Lohnpfändungen und zur Kündigung der Wohnung. Sie lag in einem geschätzten Stadtteil mit Arbeitern und Angestellten. Sie war Teil der in den fünfziger Jahren gebauten zweistöckigen Reihenhäuser zwischen kleinen Sandkästen, schmalen Wegen und gepflegten Wiesen, die die Kinder nicht betreten durften. Kleine weiße Schilder mit dicker schwarzer Schrift drohten aber allzu häufig vergeblich.

Rolf war sechs Jahre, als sie in der Schule das kahle Klassenzimmer mit den hohen Fenstern bezogen. Später wurden die Betten durch einen Raumteiler verdeckt. Dieser aber hatte den lebendigen Kindern nichts entgegenzusetzen. Entsprechend oft fiel er einfach um und schreckte die Mutter auf mit einem lauten Knall. Dann schrie die Mutter und suchte einen Schuldigen unter ihren drei Kindern, der Kleinste nicht einmal drei Jahre. Manchmal packte die Mutter Rolf grob am Arm, weil er der Älteste war und Schuld haben müsse. Wütend zerrte sie Rolf aus dem Zimmer und schubste ihn in das hallige Treppenhaus, damit er so lange wie möglich aus ihren Blicken verschwinde. Draußen soll er sein und bleiben!

Für Rolf war die Umgebung der alten Schule ein Abenteuerspielplatz. Die größeren Kinder, wild, gemein und mit dreckigen Gesichtern, führten ihn ein. Auf einer Müllkippe in der Nähe überfielen sie einen Berg Elektroschrott und ein Junge zeigte auf eine große Platine, auf der Kondensatoren saßen so dick wie kleine Bomben. Es roch nach kaltem Brand und ein großer Junge sagte, „Pass auf, die explodieren!” Als Rolf erschrocken zurückwich, lachten sie.

Auf einem Platz, der zu Parzellen eines Schrebergartens führt, steuert eine riesige Libelle auf Rolf zu. Rolf hört die Flügel brummen und erstarrt. Blitzschnell fliegt sie auf ihn zu und weicht ihm erst in letzter Sekunde aus. Wenn sie mich sticht, bin ich tot, denkt Rolf. Als sie endlich verschwindet, läuft er so schnell er kann und wagt nicht, sich umzuschauen. Außer Atem erreicht er die Schule, die riesig aufwächst vor ihm und rettet sich mit rasendem Herzen ins Treppenhaus. Verwirrt steht er in dem kühlen Raum, vor ihm die breite Treppe mit abgewetztem Geländer. Von oben hallen Stimmen herunter. Einer der Jungen hat gesagt, „Libellen stechen und dann ist man tot!”

In dieser Zeit der Abenteuer und Schrecknisse, in der Rolf das Fahrradfahren auf einem Damenrad lernte und seinen Stolz nicht teilen durfte; in der der Vater den Bruder Ludger und Rolf bei einem großen Karton erwischte, die Köpfe darin eingetaucht und mit Feuer spielend; in der Rolf eine riesige Last zu bedrücken begann, nachdem er seinen Bruder Ludger mit einem starken Ast in den Rücken geschlagen hatte, um das Damenrad zu verteidigen – und der Bruder zu ersticken schien; in dieser Zeit fiel kurz vor dem Umzug Rolfs erste Einschulung, die nach zwei Wochen beendet war. Der nächste Umzug stand an.

3

Die in Strickpullover gesteckten und manchmal streng gescheitelten Jungen, die wohlgekämmten und manchmal sorgsam gezopften Mädchen waren schon mehrere Wochen eingeschult gewesen, als Rolf dazu kam und somit endlich eine Klasse fand, in der er bleiben durfte. Auf dem Klassenfoto steht Rolf in einem dicken Rollkragenpullover in vorletzter Reihe ganz am Rand. Sein Kopf mit den kurzgeschorenen Haaren ist leicht geneigt, die Schultern etwas hochgezogen. Als einziges Kind hat er die Arme verschränkt. Noch weit im ersten Schuljahr fürchtete Rolf die Pause. Ohne beachtet zu werden, wartete er am Rande des Schulhofs im Schatten der Platanen auf das Schrillen der Schelle und darauf, endlich hinter einem der Grüppchen aus Schülern die breite Treppe aufsteigen zu können. Oben links führte ein Gang zu vier Klassenzimmern und einem mächtigen Heizkörper hinten an der Wand. Da der Gang im Vergleich zur Treppe eng war, kam es stets zu einem Geschiebe und Gedränge. Einmal vergaß Rolf sich in der Menge und trat einem Jungen in die Hacke. Der drehte sich um und schaute auf Rolf herab, war er doch fast einen Kopf größer. Er trug einen beigen Nicki-Pullover und hatte hellblonde Haare. „Bist du blind”, blaffte der Riese und zog eine Grimasse. Schon drehte er sich weg, rief nach seinen Freunden und drückte sich durch das Gedränge.

Anderntags kam Rolf fast zu spät zur Schule. Er war noch nicht auf dem Schulhof, da hörte er bereits die Schelle wie eine Ermahnung. Und doch blieb er stehen, als er den Schulhof erreicht hatte. Er hielt Ausschau nach dem großen Jungen. Er sah nur eine Traube Kinder, die von der roten Schule mit ihren hohen Fenstern verschluckt wurde. Der riesige Giebel schien sich vergeblich über die stolzen Platanen erheben zu wollen. Endlich ging Rolf ins Foyer und stieg mit den letzten Kindern die Treppe hoch. Das Klassenzimmer lag am Ende des Ganges. Gerade wollte er eintreten, als der große Junge im Türrahmen stand. Rolf wollte an ihm vorbeigehen, doch der Junge drängte ihn zurück. Zwei seiner Freunde kamen hinzu, einer mit schiefem Pony, der anderen mit Augen, die ein wenig Mitleid verrieten. „Du nicht, Stummfisch!”, sagte der große Junge. Der mit dem Rollkragenpullover lachte. Rolf sah zu dem Riesen auf, sah die geröteten Pausbacken und das kleine Näschen mitten im triumphierenden Gesicht. Er stellte sich vor, nie mehr in die Klasse zu dürfen. Er versuchte es noch einmal, doch der Junge drängte ihn zurück und sagte: Wehe! Dann schubste er Rolf mit beiden Händen, als wolle er noch testen, wie weit er gehen könne. Rolf überkam Wut wie ein Wahn, der nicht mehr aufzuhalten war, und wie um sein Leben rammte er dem Jungen den Kopf in den Bauch. Der lief rückwärts, um nicht zu fallen, und stieß mit Wucht gegen den großen Heizkörper. Erschrocken schaute er zu Rolf herab, schlaff und blass geworden. Rolf trat zurück und war auf das Schlimmste gefasst. Doch nichts geschah – die Welt schien wieder kurz stehen geblieben zu sein.

4

Rolfs einziger Freund in den drei Jahren an der Castroper Straße, auf der an Samstagen oft die Leute zum Fußballstadion pilgerten, hieß Jochen. Er ging auf eine andere Schule als Rolf und war ein Jahr älter. Er wohnte in einem beige gestrichenen Haus aus Zechenzeiten. Es hatte einen großzügigen Garten, der zu scheinbar undurchdringlichem Gebüsch führte, das durchsetzt war mit jungen Bäumen. Dahinter lag abrupt ein steiler Hang, der zu einer stillgelegten Trasse führte. Manchmal durchstreiften Jochen und Rolf die graue kleine Wildnis auf der Suche nach Waffen, Gold oder Geld, die laut Jochen hier begraben sein mussten. Wenn sie das Versteck wieder nicht gefunden hatten, kletterten sie manchmal auf die Bäume, um vielleicht doch noch eine Spur zu entdecken. Rolf traute den starken Stämmen nicht, sobald sie sich schwankend dem Wind hingaben. Aber er musste klettern und mindestens auf der Höhe von Jochen sein, um nicht als Feigling verspottet zu werden. Manchmal trat Jochen in einer seltsamen Wut ins Gestrüpp, riss Äste ab, zerbrach sie mit den Knien und trat auf alles, was sich bewegte. Einmal erzählte Jochen, es war ein nasser Tag im Winter, dass er seiner Schwester einen Chinaböller in den Arsch gesteckt habe. Rolf sah ihn ungläubig an und schüttelte den Kopf. Jochen bemerkte Rolfs Ungläubigkeit nicht, sondern malte den Schmerz seiner Schwester weiter aus, als sei es eine gelungene Rache an ihrem siebenjährigen Dasein. Rolf konnte sich das Brutale nicht vorstellen, zumal er Jochens Schwester als ganz lieb wahrgenommen hatte. Einmal kam sie in das Zimmer von Jochen, weil sie etwas von den Eltern ausrichten musste. Jochen sprang auf, schubste sie aus dem Türrahmen und knallte die Tür mit Wucht zu. Die Schwester warf ihm Gemeinheit vor und sagte mit weinerlicher Stimme, dass der Vater sie doch geschickt habe. „Dumme Petze”, rief Jochen. „Hau endlich ab!” Rolf wollte etwas sagen, fand Jochen ungerecht, doch er schwieg. Er schwieg auch, als Jochen weiter auf die Wahrheit seiner Geschichte mit dem Chinaböller beharrte und war froh, als sein Freund eine andere Lügengeschichte erzählte.

Jochen hatte oben im Haus ein eigenes Zimmer. Ein kleines Fenster ließ nur wenig Licht hinein. Er hatte allerlei Spielzeug, von dem Rolf nur träumte. Auch das dicke Doppelbett mit den aufgeplusterten Decken war beeindruckend. In dem schliefen sie, wenn Rolf bei Jochen übernachten durfte. Die Metallfedern, auf denen die sechs bauchigen Matratzen lagen, quietschten, was umso mehr Anlass war, sich auf dem Bett in dramatischen Sterbeszenen fallen zu lassen oder mit Hechtsprüngen in die dicken Decken einzutauchen, die ihre Luft leise pfeifend ausatmeten. Doch Rolf ließ sich nie ganz gehen – die Sorge, dass Jochens Vater hereinkommen könnte, hemmte ihn. Vielleicht hörte der Vater unten das Ächzen des Bettes und würde dann in der Tür stehen und ihn mit strenger Stimme nach Hause schicken. Noch nie hatte Rolf ihn lachen sehen, nicht im Garten, wenn er mit Jochens Mutter ein Bier trank und alle Sorgen schweigsam behandelt wurden, noch beim Essen, das er mit eingefallenen Wangen kaute, während ihm manchmal eine Ermahnung für Jochen einfiel, der nie ein Wort darauf erwiderte.

Wenn Rolf bei Jochen übernachtete, spielten sie bis in die Nacht mit den zahlreichen Autos aus Metall und einer Armee aus winzig kleinen Soldaten, Pferden und Kanonen. Jochen hatte eine ganze Kiste voll davon. Manchmal beharrte Rolf darauf, auch in Jochens Bande sein zu wollen, da er nicht immer die unterlegene Polizei spielen wollte. Jedenfalls kamen sie an einem solchen Tag in den frühen Morgenstunden auf eine Idee, die sie bereits einige Male verworfen hatten, nämlich einen Kaugummiautomaten zu knacken. Doch an diesem frühen Tag war Jochen entschlossen und nach anfänglichem Zögern zog Rolf mit, wollte er sich doch der Mutprobe nicht entziehen. Bewaffnet mit Schraubenzieher und Hammer schlichen sie die Treppe hinunter, immer mal wieder bewegungslos, wenn ein verräterisches Knarzen zu hören war. Endlich erreichten sie die Hintertür, die nur durch einen Riegel gesichert war. Vor ihnen dämmerte der anbrechende Tag im Garten und eine Amsel trällerte, als sei sie gerade aufgewacht. Sie gingen um die Ecke zur Hofeinfahrt und lauschten. Die breite Straße lag verlassen vor ihnen. Kopfsteinpflaster und Schienen glänzten im Laternenlicht, das an langen Seilen über die Straße gespannt war. Als sie nach kurzer Zeit die dunkle hohe Häuserzeile erreichten, die direkt nach dem Parkplatz der Stahlwerke anfing, sahen sie die beiden roten Kästen an der Hauswand und rannten die letzten Meter. Ein Automat war für 10 Pfennig und bot bunte Kaugummikugeln. Der andere verlangte teure 50 Pfennig, er lockte mit bunten Ringen, Kettchen und Flummis. Jochen forderte Rolf auf, den Hammer zu nehmen und auf das zerkratzte Plastik zu schlagen. Rolf spürte den Hammer unter der hellgrauen Strickjacke, den Stiel tief vergraben in der kurzen Lederhose von der Oma. Umständlich nahm er das Werkzeug heraus und sah sich besorgt um. Jochen drängte und sagte: „Das ist die Mutprobe! Wenn du in meiner Bande sein willst, musst du das sofort tun!” Rolf nahm allen Mut zusammen und schlug unbeholfen zu. Laut hallte der Schlag zwischen den Fassaden und das renitente Plastik schien sie auszulachen. „Das geht nicht”, sagte Jochen. „Lass uns lieber abhauen.” Schnell versteckte Rolf den Hammer und Jochen tat dasselbe mit dem Schraubenzieher. Sie waren noch nicht weit weg vom Tatort, der keiner wurde, als sie hinter sich ein Auto hörten. Zugleich sahen sie, dass es keine Möglichkeit gab, sich zu verstecken. Als seien sie unsichtbar, gingen sie weiter, die Köpfe abgewandt von der Straße. Das Auto hielt und sie hörten einen Mann rufen: „Stehenbleiben, Bürschchen! Was macht ihr um diese Uhrzeit auf der Straße!” Dann stand ein Polizist vor ihnen. Ein zweiter kam hinzu, der mit grimmiger Miene den Kopf schüttelte. Sie senkten die Köpfe und sagten kein Wort. Ein Polizist fragte nach der Adresse und drohte, er würde sie mit auf die Wache nehmen, wenn sie nicht sofort antworten würden. Jochen zeigte mit der Hand auf das Eckhaus und sagte den Straßennamen, während Rolf jeden Moment damit rechnete, dass die Polizisten ihn durchsuchen würden. Als die Beamten begriffen, dass das Haus in Sichtweite lag, fuhr der eine Polizist den Streifenwagen bis zum Haus, während der andere die Ertappten mit großen Schritten vor sich hertrieb. Scham überkam Rolf, als der Polizist kurze Zeit später auf den Schellenknopf drückte. Er prophezeite ein Donnerwetter, während Rolf das Metall des Hammers am Bauch und das Holz des Griffes am Oberschenkel spürte.

5

War das ein Triumph für Rolf! Er durfte tatsächlich vorne im Umzugswagen mitfahren. Diesmal wurde sein Bruder, der ein Jahr jünger war als er, nicht bevorzugt. Ein Lastwagen mit der Schnauze eines Boxers und der abgerundeten Motorhaube. Wie oft hatte Rolf sie schon bestaunt, wenn sie von den Baustellen kamen oder Kohlen transportierten. So gerne wollte er einmal mitfahren und nun war es Wirklichkeit geworden. Wie hätte er damit rechnen sollen? Er hatte immer gedacht, er müsse warten, bis er groß sei und kein Kind mehr, das man herumschubste wie es einem gefiel. Jetzt spürte er das rissige Leder des Doppelsitzes an seinen Händen und genoss das Zittern des Wagens, während der Motor hart arbeitete und dann ruckelnd, ja widerspenstig das Fahrwerk in Bewegung setzte. Der Fahrer war ein Freund von Rolfs Onkel. Er schwieg die ganze Fahrt. Mit dicken haarigen Händen beherrschte er das riesige Lenkrad, drückte hart die Gänge rein und bremste fluchend das eine und andere Mal. Rolf genoss still sein Glück, schaute von oben auf die Welt, die ihm nichts mehr anhaben konnte. Die Welt fuhr vorbei und das, was hinter ihm lag, existierte nicht mehr. Dann fiel ihm die Mutter ein, obwohl er gar nicht an sie denken wollte. Ob sie wohl im Auto des Onkels saß mit ihrem dicken Bauch, in dem das fünfte Kind heranwuchs und noch nichts von seinem Glück wusste? Ihm fiel ein, dass sie ihn gar nicht mehr geschlagen hatte, seit dem letzten Mal, als er ihr gedroht hatte. Ihm schien, als sei er größer geworden und nicht mehr so ausgeliefert. Das letzte Mal. Die Mutter jagte ihn durch die Küche und Rolf suchte Schutz unter dem Familientisch. Das machte die Mutter noch wütender, traf sie Rolf doch nicht mehr mit dem Kochlöffel. Stattdessen tat sie sich weh an einem Stuhl. Rolf erreichte geduckt die Tür, die direkt zur Treppe führte, welche steil nach unten fiel. Er sah sich bereits die schwere Wohnungstür mit dem blinden Fenster und dem verrosteten Kreuz öffnen, während die Mutter immerzu weiter schrie. Gerade als er die Tür öffnen wollte, griff sie in die offene Schublade und warf Messer und Gabeln mit beiden Händen, die wie wild um seine Beine sprangen. Rolf riss die Tür auf und eilte die Treppe hinunter. Mit Kraft zog er die schwere Tür auf, drehte sich um, während die Tränen schon trockneten. Oben stand die Mutter. Sie drohte nun mit dem Vater und prophezeite Stubenarrest. Darüber hätte er lachen können, wenn nicht alle Wut, zu der er fähig war, ihn zu den Worten zwang, er werde sich rächen, sie werde alles zurückbekommen, wenn er erst einmal groß sei. Dann sprang Rolf auf den Bürgersteig und war erstaunt, traurig und besorgt zugleich.

6

Ein nasskalter Nachmittag lag wie ein Sedativum auf der Sonnenburg. Die kinderreichen Familien, die hier wohnten, schienen wie durch ein geheimes Zeichen verschwunden. Es nieselte leicht. Rolf stand auf der dritten Etage. Er hatte sich hochgetraut. Er schaute auf die Parkplätze, die den vier Wohnblöcken aus Beton und Backstein vorstanden, gepflastert aus Kopfsteinen, die im Kontrast zur geteerten Stichstraße standen. Der Umzugswagen war längst verschwunden, seine drei Geschwister auf die Verwandtschaft verteilt. Sie wohnten nun im zweiten Bau, wie man hier sagte und wie es bald auch Rolf sagen würde. Ihre Wohnung lag auf der zweiten Etage, nahe am offenen und doch dunklen Aufgang aus roten Backsteinen und immer verdreckt wirkenden Treppenstufen. Die Aufgänge der vier Blöcke lagen nahe der schmalen Zugangsstraße, die wie ein scharfer Strich dem seitlichen Gemäuer eine Grenze gab. Sie endete abrupt am vierten Bau und begrenzte mit schmalem Grünstreifen und verbeultem Maschendrahtzaun das brachliegende Feld eines Bauern. Der zweite Aufgang jedes Blocks lag nahe der Hausmitte, zugänglich über eine offene Treppe. War die überwunden, konnte man gleich auf die Gänge nach links oder rechts gehen. Eine Treppe führte zur mittleren Etage, eine andere in den Kellergang, jeweils flankiert von fleckigen Betonwänden. Zur Anatomie der langgezogenen Blöcke gehörten auch ihre Flachdächer, die das Ghettohafte der Siedlung verstärkten. Der Aufgang in der Mitte unterbrach die drei übereinander liegenden Betongänge, so dass man nicht an sechs Türen vorbei musste, um die letzte am anderen Ende zu erreichen; Türen aus schweren Eisen, in denen auf halber Höhe mechanische Schellen eingefasst waren, während unten Briefschlitze mit Klappen aus zerkratzten Weißblechen zum Bücken zwangen. Das dumpfe, satte Geräusch, das die Türen machten, wenn sie in den Eisenrahmen fielen, hatte etwas Endgültiges. Die staubigen Fenster neben den Türen nahmen der trostlosen Botschaft sozialer Ausgrenzung ein wenig die Knastanmutung, Fenster, die man auch als einen ironischen Beitrag zur Vermeidung von Rachitis betrachten konnte. Man gab sich großzügig gegen Lichtmangel.

Rolf sah zum ersten Bau hinüber, der breit stand und viele kleine Balkone hatte. Auch an ihnen sah man bereits die eine oder andere Eisenrippe des Betons. In der Mitte jedes Balkons, zum unteren Rand hin, lugten plump Wasserrinnen heraus, die gelegentlich zum Herabklettern benutzt wurden, wenn es keinen anderen Ausweg gab. Rolf zählte 21 Balkone und ging dann zum anderen Ende des Ganges und überwand dabei seine Sorge, plötzlich ertappt und zur Rede gestellt zu werden. Er wollte die Landschaft links der Siedlung besser überblicken, schien sie ihm doch auf einmal sehr verlockend. Es war die Weite, die er noch nie so wahrgenommen hatte. Rolf sah eine hohe Brücke mit rostigem Eisengeländer, vermutlich eine Eisenbahnbrücke, zu der er am liebsten gleich aufgebrochen wäre. Weiter links lagen Schrebergärten, begrenzt von braunen Feldern. Rolf ließ seinen Blick gleiten und entdeckte einen Teich, Schilf schien ihm zu winken. Unweit davon eine Fabrik mit Rohren und kleinen Schloten sowie Straßen und Wege, die sich in Ansammlungen von Häusern mit Gärten verliefen.

Kettcars und tolle Spielplätze gab es hier jedenfalls nicht, wie seine Mutter es behauptet hatte, als müsse sie mehr sich selbst als den Kindern den Umzug schönreden. Als Rolf sie heute im Chaos nach den Kettcars fragte, schrie sie ihn an, er solle endlich verschwinden, er sehe doch, dass sie alle Hände voll zu tun habe. Sie gestikulierte wild und ihr dicker Bauch schien sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Direkt danach blaffte sie noch Rolfs Vater an, der eine Bierflasche in der Hand hatte, um mit seinem Schwager Willi anzustoßen. Morgen kämen die Blagen wieder, bis dahin müsse alles aufgebaut sein. Willi grinste sie an und sagte zu Rolfs Vater, seine Olle dürfe nicht ein so großes Maul haben, die bekäme sofort ein paar Laschen. Die Mutter wühlte in einer Umzugskiste, die auf einem Stuhl stand. Sie hielt inne und stöhnte. Die Bierflaschen standen bereits wieder auf der breiten Fensterbank des Küchenfensters, da sagte sie, dass er ein feiger Kerl sei. Aber ihre Schwester wolle ja immer das letzte Wort haben, wundern müsse sie sich da nicht. Der Schwager grinste und sagte: „Eben, das werde er ihr schon austreiben.”

Rolf wartete darauf, dass der Vater endlich etwas sagte, aber er schwieg und tat so, als habe er nichts gehört. Rolf schämte sich für ihn. Und Onkel Willi hatte Rolf einmal heiß gehasst, als er zum ersten Mal sah, wie er Tante Eva hart ins Gesicht schlug. Onkel Willi war spendabel, manchmal gab er einfach so eine oder sogar zwei Mark. Auch machte es Spaß, mit ihm unterwegs zu sein, nicht selten ging es in die Kneipe, in der er sich lieber mit seinen Enkeln als mit seinen eigenen Kindern zeigte. Rolf übernachtete gerne bei Onkel Willi und Tante Eva, seitdem er mit Bussen und Bahnen fahren konnte. Bis zu dem Tag, als er eine halbe Nacht nicht schlafen konnte, weil die beiden noch so kleinen Kinder lange schrieen und weder der Onkel noch die Tante sich rührten. Er hätte sie umbringen können. Alle! Auch hielt Rolf zu seinem Onkel einen aufmerksamen Abstand. Als Rolf fünf oder sechs Jahre war, hatte Onkel Willi ihn solange gekitzelt, bis er keine Luft mehr fand. Rolf schaffte es unter das Kinderbett und weinte. Onkel Willi sagte: „Indianer weinen nicht!”

Rolf verschwand in das kleine Kinderzimmer, das er sich mit seinen drei Geschwistern teilen musste. Das Doppelstockbett und der Kleiderschrank mit den roten Türen standen bereits an ihrem Platz.

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