Gemüt

Nichts mehr verbietet er sich! Nichts mehr umkreist er im dumpfen Groll! Nichts mehr wird sein unbedingtes Ziel! Nichts mehr wird erzwungen, nichts mehr verachtet! Nichts mehr groß gemacht, was klein ist, nichts mehr umklammert, was fremd sich anfühlt. Nichts mehr angefleht, was taub, nichts mehr bewundert, das verachtet. Nichts mehr verweigert er sich, was ihm gut tut, und es ist ihm auch egal, nicht zu wissen, was ihm gut. Nichts mehr will er sein als ein Mensch, der nicht weiss, was los ist und es auch nicht wissen will.

Gerade noch tagträumte er von einem See, darauf ein Boot, das ganz leer und doch so tief zu liegen scheint nah der Wasserhaut, ein Boot, das nervös gegen das raue Holz des Bootwegs klopft, der sich zögerlich und verloren ins kahle Wasser traut. Der See hat Wind wie eine Gänsehaut. Das Boot will weg, es zieht am Tau, das verletzt und schwer von Wasser. Hier im Treiben der Einkaufsstraße läßt er das Boot vom Tau. Es treibt langsam ab mit all der Last, die er lange trug. Das Boot wippert unaufhörlich Richtung Horizont, so wie ein Gefühl im losen Gemüt!

Gestern Abend roch er Wasser und Wiesen und statt Vögel hörte er einen Grillenchor im Nesselsaal. Er schwamm auf grünen und gelben Sonnenwellen, die zwischen Buchenstämmen und beredten Zweigen ein weiches Lichttuch spannten. Nichts mehr war in ihm ausser ein Gleiten, das seine Schritte hob.

© August 2021 by Wandelkern   Lesermail