Godzilla

Ich weiss nicht mehr, was mich in den Keller trieb damals, an Gründen gab es keinen Mangel. Ich sah wie ein grüner Godzilla um die Ecke lugte, genau in dem Moment, als ich mutig von der anderen Seite in den langen dunklen Gang einbog. Ein grüner Godzilla, fluoreszierend fast, bestimmt zwei Meter hoch, eine Miniaturausgabe des Filmgodzillas, aber alles andere als ungefährlich!

Natürlich waren wir fast alle fleissige Godzilla-Gänger. Das Vorortkino einen Stadtteil weiter zeigte jeden Sonntag japanische Endzeitfilme zur Freude gestresster Eltern und hämischer Jungs, die das Kreischen entsetzter Mädchen genauso unterhaltsam fanden wie das Feuer, das aus Godzillas Rachen auf winzige Menschen schoß. So ist es bei genauerer Betrachtung gar nicht so verwunderlich, dass Godzilla im Keller auftauchte und mir einen Schreck einjagte, der mir durch alle noch unversehrten Glieder ging. Fluchtartig verliess ich den Keller, noch bevor die schwere Eisentür ins Schloß fallen konnte. Atemlos stand ich im Treppenaufgang und traute mich nicht, jemandem davon zu erzählen. So blieb ich mit meinem Godzillaschreck allein. Und seltsam, das fällt mir jetzt ein: Er ließ sich nur einmal blicken! So oft ich auch in der folgenden Zeit vorsichtig mit Aufbringung all meines Mutes (und ich hatte viel Mut, nicht zuletzt weil ich viel Angst hatte) um die Ecke lugte und gebannt das andere Ende absuchte, das im fahlen Licht eines kleinen Fensters lag: Der leibhaftige Godzilla im Kellerformat tauchte nie wieder auf. Viel später, als ich mich traute, diesen zweiten und seither gemiedenen Abgang in den Keller zu betreten, suchte ich nach Spuren, nach möglichen Verstecken und schlüssigen Erklärungen. Halbherzig zwar, aber es half mir, Godzilla zu vergessen.

© März 2020 by Wandelkern   Lesermail

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