Küche

Die Küche. Die Küche, die auch Wohnzimmer war. Die große Couch an der langen Wand. Davor der Küchentisch. Die Kleinen brauchten dicke Kissen, um ihre Köpfe über die Teller zu erheben. Die tiefe Fensterbank mit den Allerweltspflanzen und der Flasche Bier meines Vaters. Die Flachmänner wusste er zu verstecken. Unter der Fensterbank der Schiebeschrank, dessen Türen oft klemmten, was zu manchem Tobsuchtsanfall führte. Darüber das große Fenster mit Gardinen. Eine Gardine auch vor der Balkontür daneben. Immer sauber. Immer akkurat. Als gäbe es kein anderes Lebensziel.

Übrigens der kleine Balkon, eine kleine Ironie am Rande. Die vier Gebäude in der Siedlung namens Grafenstraße hatten Balkone. Jede Wohnung mit ihren 54 Quadratmetern hatte einen. Ausgerechnet. Ausgerechnet für die Asozialen.

Immer drei Balkone übereinander, eine Wand aus Balkonen.  Einmal bin ich von einem mittleren heruntergesprungen, um einem angedrohten Hausarrest zu entkommen. Geschickt auf den äusseren Betonabfluss stellen, langsam heruntergleiten, mit beiden Händen an den Ausfluss hängen, loslassen. Die Wiese dämpft den Aufprall.

Manchmal sind verzweifelte Bewohner auch von ganz oben gesprungen, von der anderen Seite, wo die langen offenen Zugänge zu den Wohnungen lagen. Und unten der Asphalt. Ich habe so einen Sprung zum Glück nie gesehen, aber die Spannung erlebt, wenn einer kurz davor schien.

Balkone also. Aus wuchtigem grauen Beton, ausgegossen aus der Sozialpolitik Ende der sechziger Jahre. Keiner dachte an Ghettoisierung, an Integration noch weniger. Die Wohnungen dort waren schnell belegt. Mit Kinderreichen, Arbeitslosen und Nicht-Vermittelbaren, mit armen Schweinen, die nichts mehr zu verlieren hatten.

Der Name der Straße ist auch eine Ironie. Grafenstraße. Ausgerechnet. Kein Graf weit und breit, die Straße aber stadtbekannt. Immerhin.

Die Küche also. Neben der Balkontür die Tür zum Kinderzimmer, das später das Schlafzimmer der Eltern wurde. Was nicht ganz stimmt. Mein Vater schlief meistens auf der Couch in der Küche. Die Mutter mit den beiden Kleinen im Ehebett. Wir drei Großen, im Abstand von 49 Monaten auf die Welt gepresst, ohne das die Welt wusste, wie das so schnell geschehen konnte, wir teilten uns das Kinderzimmer. Zwölf Quadratmeter mit Doppelstockbett aus Eisen. Der Vorteil: Ich hörte sofort, wenn mein Bruder aufstand, um als Erster angezogen zu sein. Der Gewinner triumphierte. Der Jüngste sah von oben zu und durfte nicht mitmachen. Einmal feuerte er mich an und ein anderes Mal meinen Konkurrenten, der ein Jahr jünger war als ich. Das kleine Zimmer lag am Wohnungseingang, direkt gegenüber von der Toilette mit Duschkabine und Waschmaschine.

Die Küche. Neben der Tür zur Diele die Therme und darunter der wuchtige Spülstein aus schwerer Keramik. Einen Säugling hätte man darin baden können. Vielleicht hatte meine Schwester einmal das Vergnügen, die kleinste und letzte im Bunde. Daneben der Kohleofen, ohne dem lange nichts ging. Bis endlich ein Herd kam. Der war ein Segen. Allein wegen des Staubs, den die Generation meiner Mutter verbissen und aufreibend den Kampf angesagt hatte. Staub, Fingerabdrücke der Kinder und die Vergeblichkeit. Das war wie Benzin auf die glimmende Flamme der Wut.

Die Couch, die später durch eine Eckbank ersetzt wurde, als die ersten Kinder den Haushalt verliessen. Auf der Couch lag immer eine Decke, um den Bezug zu schonen. Immer ordentlich und glatt nachgezogen. Einmal aber wurde die Decke vergessen, da gab es kein Gemecker meiner Mutter. Das war 1974. Ich hatte Geburtstag und es lief das Endspiel der Fussballweltmeisterschaft. Wir hielten es vor Spannung kaum aus. Ständig waren wir in Bewegung, konnten einfach nicht ruhig sitzen. Beim Spiel gegen die Schweden zuvor waren wir ausgerastet. Es stand 2:2. Der Vater auf der Toilette. Dann fiel das 3:2 für Deutschland. Er hatte den Hosenschlitz noch offen, als er zurückkam und in den ungebremsten Jubel eintauchte. Da war mein Vater gut. Wir schrieen, lachten und umarmten uns. Beim Schlusspfiff lag die Decke dann auf dem Boden, ohne das es eine Ermahnung gab. Da war auch meine Mutter gut.

Als Deutschland Weltmeister wurde, sind wir Kinder raus auf die Straße. Einer hatte sogar eine Fahne dabei. Wir taten etwas für den Ruf der Siedlung und bejubelten den Sieg. Aber niemand sonst schloss sich uns an. Die Straßen waren leergefegt. Uns kümmerte das wenig. Vaters Gang zur Toilette wurde in der Folge zur Legende. Auf Familientreffen wurde gerne daran erinnert, ausgeschmückt im warmen Lächeln der Familienbande, die nur in Momenten wie diesen eine war.

Die Küche. Sie verwandelt sich manchmal in ein Kaleidoskop der Erinnerungen. Bilder, Szenen, Vorkommnisse. Gewalt, Leid, Stille. Meine Mutter liegt auf dem Boden. Sie wusste nicht mehr weiter. Wir lachen, durchschauen das Schauspiel und steigen über sie hinweg. Mitgefühl erinnere ich nicht. Es hallen bösartige Worte nach. Ich erinnere leisen Zweifel, vielleicht war sie wirklich tot. Aber sie blieb nicht lange liegen.

Manchmal war eine ganz besondere Stille in der Küche. Wenn niemand da und alles an seinem Platz war. Als erzählten die Gardinen all die alten Geschichten, begleitet vom Ticken der Wanduhr und dem vertrauten Zünden der Flamme im Boiler. Ein Frieden, der mir manchmal wie Heimat vorkam. Oder wie ein Versprechen, als würde doch noch alles gut.

In der Küche. Ich lehnte an der großen Fensterbank. Die Familie hielt Gericht, ohne gerecht sein zu wollen. Der Angeklagte: Ich. Der Unruhestifter, der Streitsüchtige, der mit den Widerworten, der, der immer das letzte Wort haben wollte. Strafandrohung: Heim. Als ich älter war dann ihre Aufforderung, die brennende Strafe: Verschwinde aus unserem Leben.

Angelehnt an der großen Fensterbank. Ich ringe nach Luft vor Empörung. Die Verteidigung verhaspelt sich, die Worte fallen auseinander, verwirren sich, finden die Sätze nicht, die sich richtig anfühlen, die alles wieder gerade rücken, alles wieder heil machen.

Die Küche. Trotz allem, Nachtragen erlebte sie nicht. Das erste Lachen lag nicht weit. Vor allem dann (oder immer nur dann?), wenn genug Geld da war und die Schulden nicht drückten, gar nicht zu existieren schienen. Einmal gab es eine Nachzahlung (oder war es ein Gewinn?). Mein Vater kommt mit einem breiten Grinsen in die Küche und wirft lauter Geldscheine in die Höhe, die sich flatternd im Raum verteilen. Alle lachen. Du Spinner, sagt meine Mutter und fällt über die Scheine her. Wir umringen unsere Eltern und stoßen Wünsche aus. Erinnern sie an ihre Versprechungen. Später, sagt der Vater. Gibs nicht, sagt die Mutter. Die Scheine verschwinden in ihrer Kitteltasche. Wir bekommen Geld für die Bude, damit endlich Ruhe ist und wir die Küche verlassen, um etwas Süsses zu kaufen.

Geld hob bei uns genauso zuverlässig die Laune wie Geldmangel sie auf den Tiefpunkt brachte. Sicher gab es Ausnahmen. Wenn es  keinen Strom gab, abgestellt von der Stadtwerke. Kein Fernseher, kein Herd, kein Licht. Aber es gab Kerzen und Spiele und vielleicht ein Spieleabend, der sogar die Streits der Geschwister leichter machte, weniger laut und verbissen. Unvergessen.

Diese Küche ist ohne den Fernseher nicht denkbar, der eingezwängt stand zwischen der Tür zum Schlafzimmer und dem braunen Wohnzimmerschrank. Fury. Die bezaubernde Jeannie. Lolek und Bolek. Pan Tau. Lassy, Flipper, Dalli Dalli.

Einmal bei Bonanza. Der jüngste Cartwright in der Schusslinie der Gangster. Er schafft es nicht weg, rutscht immer wieder ab. Er ist verzweifelt und ich bin er. Bis seine Rettung mich erlöst und mir ein paar verschämte Tränen kommen.

Aktenzeichen XY. Der gesuchte Mörder verteilt seine Opfer als Leichenteile in der Landschaft. Die nachgestellte Szene, in der jemand einen Torso findet oder einen Arm. Jahrelang konnte ich danach die ruhigen Wege nicht mehr gehen, ohne Überwindung, ohne zu rennen. Plastiktüten im Gebüsch liessen mich erschauern. Ein weiteres Konto der Angst, ganz tief in den Miesen.

Hitparade. Immer wieder Hitparade und großes Gekicher dazu, wenn wir den Dieter-Thomas Heck parodierten. Die Mutter: Bescheuerte Blagen! Hört endlich auf!

Später dann Empörung, Wut und Fassungslosigkeit. Der Deutsche Herbst. Die RAF. Ich wünschte den Mördern die höchste Strafe. Das Bild des Entführten, der mir leid tat und Wut und Fassungslosigkeit steigerte. Erst Jahre später, als die Küche nur noch der Raum meiner Mutter und kleinen Schwester war, begriff ich den Hass und die Motive der anderen Seite, lösten sich Gut und Böse in zahlreiche Widersprüche auf.

© April 2020 by Wandelkern   Lesermail

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