Licht

Der Mai gibt sein Bestes und die Sonne wirft ein versöhnendes Licht auf die hügelige Landschaft. In der Ferne taucht eine Wiese auf, die weitläufig in einer Mulde liegt und die Kühe darauf sind aufgestellt wie Spielzeugtiere. Erst als Carl näher kommt, sieht er ihr behäbiges Nicken, als dankten sie dem Gras, das sie beharrlich nährt. Carl schaut wieder auf die Straße, die sich geradewegs von den vielen Kurven erholt. Die Straße gehört ihm, kein Auto auf der Gegenrichtung, keines drängt auf Pflicht zur Geschwindigkeit. So fährt Carl ohne Eile und bemerkt, wie ihn leise Versöhnung mit einem Anflug von Wehmut erfüllt. Es vergeht ein weiterer Augenblick und Carl weiss, es ist das Licht, das ihn durchströmt wie eine kosmische Zugabe an diesem schönen Tag. Federleicht fühlt er Zuversicht und Freude in sich hüpfen, bis er auf einmal den Faden erkennt, den dieses Licht mit der Vergangenheit verbindet, mit all den gewonnenen und verlorenen Perlen daran, die sein Leben bereicherten und unvermeidlich zu Verlusten führten.

Schmerz breitet sich in Carls Brust aus. Carl versteht zum ersten Mal, dass sein alter Freund der Schmerz mit diesem beglückenden Licht verbunden ist. Im letzten Jahr ist ihm das noch nicht aufgegangen, als er mit dem Rad unterwegs war am frühen Abend auf schmalem Weg. Neben sich ein Weizenfeld, das am Horizont begrenzt von einem Fest grüner Farben. Auf der anderen Seite der Kanal, der großväterlich dahinfloss, gesäumt von jungen Birken, die gelassen mit hängenden Blätterfäden im sanften Pendeln das warme Licht einfingen. Auf all dem lag unversehens Schmerz. Salzige Bahnen liefen ungehemmt über seine Haut, als beweinte der Verlust sich selbst, bevor Carl ihn benennen konnte. Er stieg vom Rad und schaute in die warme Weite. Er sehnte sich nach dieser Frau und wollte das nicht wahrhaben. Nicht allein sie vermisste Carl an diesem Tag. Es war weniger die Liebe, die von Anfang an fragil und hinterfragt war, als mehr das Versprechen, das sie sich gaben in diesem betörenden Licht an einem Ort hier in der Nähe. Wie zwei Kinder waren sie manchmal, Kinder, die im Trubel der Leute ganz unter sich bleiben, eifrig Pläne aushecken und sich dem selbstvergessenem Spiel hingeben, gleichsam erfreut über jeden Gesang, der aus blühenden Sträuchern und Bäumen schwingt. Carl sieht sich im Gras liegen mit ihr, ihre Körper immerzu angezogen wie warme Magnete. Jeder sah den anderen als ein Versprechen und doch lauerte stets die Abweisung, die alles in Frage stellte, erschreckend schnell und unnachgiebig.

Carl schaut auf die Felder und Wiesen, auf Baumwolken und säumende Hecken, die auf schwingenden Hügeln liegen und mit langen Schatten spielen. Er folgt dem Licht, das ihn immer weiter in die Vergangenheit lockt. Zwanzig Jahre muss das her sein, als eine andere Liebe seines Lebens begann, die viele Jahre anhielt und keine Zweifel kannte. Damals, als alles gelang, nichts zu schwer war, sie sich unverletzlich fühlten und immerzu mit strahlenden Augen auf den Liebenden schauten. Mitten in der Nacht fuhren sie nach getaner Arbeit in ein katalanisches Dorf am Mittelmeer und tauchten ein in die gelassene Lebensweise mit frischem Fisch in kleinen Restaurants, Bier und Tapas unter den Einheimischen und vielen Erkundungen zu Fuß und mit der Vespa. Und als sie nach einer Woche in der Frühe zurückfuhren, ihre Lieblingsmusik hörten und auf der schlängelnden Straße mit geschärften Sinnen die Gerüche und die Lichter der Landschaften wahrnahmen, da weinten sie still, jeder für sich.

Wie lange ihn dieses besondere Licht bereits begleitet! Carl sieht sich auf einer Sommerwiese mit hohen Gräsern liegen, ganz für sich allein. Von weitem hört er die Freunde im Zeltlager und dämmert weg auf einem Bett aus Licht und Wärme, eins mit den Gerüchen und den Geräuschen der Gräser und Tiere. Oder als er einmal bei einem Spaziergang (er weiss nicht mehr mit wem) über das Moos und die Wurzeln der Bäume lief und mit einem Stock in der Hand immer wieder in die Höhe sprang, um einen Ast oder die Blätter zu treffen. Und weiter im Wald lag dieses flirrende, verheißende, weiche Licht zwischen den Blättern und schien das Leben unendlich zu machen. Oder als er Opa und Oma an einem warmen Sommermorgen in den Garten begleitete, der abseits des Wohnviertels lag. Carl war vier oder vielleicht fünf Jahre damals. Oma und Opa, die beide bereits auf die Achtzig zugingen, sprangen immer ein, wenn seine Mutter überfordert oder krank war. Sie gaben Carl das Gegenteil von dem, was seine Eltern ihm geben konnten. An diesem Tag waren sie schon früh auf den Beinen und Carl bekam das nachsichtige Ja, ein paar kleine Erdbeeren pflücken zu dürfen. Und wahrscheinlich beobachtete er auch wieder die Ameisen; die Ermahnung seiner Oma noch gegenwärtig, dass man sie nicht töten dürfe. Und so warm wie die großen Hände von Oma und Opa waren, so warm war auch das Morgenlicht an diesem Tag.

Carl fährt nun in ein Tal hinein, zwischen Bäumen und Zäunen zählt hier nur noch die Straße. Er hat es nicht mehr weit. Der Schmerz schwingt noch leicht nach in seiner Brust. Das Licht ist immer beides, denkt er. Glück und Verlust. Was bleibt, das ist die Wehmut und zugleich die Freude, wenn die Natur sich von ihrer versöhnenden Seite zeigt, als spiele sie Analogie eines lebendigen Lebens.

© September 2020 by Wandelkern   Lesermail

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