Sonnenburg

Sonnenburg und Asozialenasyl habe ich als Synonyme kennengelernt. Ich war elf Jahre und werde fragend geguckt haben, als ich das Wort zum ersten Mal hörte. Sonnenburg war ein Code, um die zu benennen, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Ein Code, der Grenzen setzte, der sarkastisch auf Abstand hielt.

Stellen Sie sich ein langgezogenes Gebäude aus rotem Backstein vor. Die drei Etagen können auf langen Wegen aus Beton abgeschritten werden, um mausgraue Eisentüren zu erreichen, die zu den Wohnungen der oftmals kinderreichen Familien führen. Das helle Rot der Backsteine erinnert an die Sonne. Die langen Balkone laden zum Sonnenbaden ein. Und falls dort zu viel Kindertrubel ist, kann man sich zur Betonausstülpung auf der Rückseite des Gebäudes zurückziehen und Urlaub auf seinem Wohnbalkon machen. Stellen sie sich vier dieser Häuserblöcke vor, dazwischen genügend grüne Wiesen, nicht nur für die Wäsche. Sonnenburg, das meint zudem 356 Tage Urlaub im Jahr: Wer in dieser Siedlung wohnt, ist arbeitslos, lebt vom Staat. Wer in dieser Siedlung wohnt, ist arbeitsscheu. Da liegt es nahe, zu wissen, dass wer dort wohnt, auch kriminell ist. Sie vermehren sich wie die Karnickel. Unkontrolliert wie die Ausländer. Sie sind per se fremd und verdächtig. Wie die Zigeuner.

In der Hauptschule, im Fussballverein und im Jugendheim bekam ich zu spüren, was man von mir hielt. Man hielt mich auf Abstand, wollte auch keinen Ärger mit mir. Mein einziger Freund in der Schule war als Kauz verschrieen. Im Fussballverein fand ich auch keine Freunde. Ich war ein leidenschaftlicher Fussballer. Bei Straßenspielen war ich schnell, dribbelstark und mein Schienbein hart im Nehmen. Im Verein aber war ich gehemmt. Die Scham saß mir im Nacken und ich hatte oft kein Geld, wenn es nach einem Spiel in die Kneipe ging. Erst spät fand ich in der Schule eine gewisse Akzeptanz. Rockmusik, wilde Haare und Jeanskutten verbanden uns. Und die Langeweile. Im Jugendheim traf ich einige Klassenkameraden wieder. Im Jugendheim fiel ich durch meinen vielseitigen Musikgeschmack auf. Und ich hatte Ideen. Ich lief mit einen Kassettenrekorder herum und nahm Gespräche auf. Das war oft lustig, das unterhielt, vor allem die Interviews und meine direkten Fragen. Ich war nicht auf dem Mund gefallen, wenn ich nicht grad sehr schüchtern und verängstigt war. Als ich mich 1977 auf eine Stelle als Elektroinstallateur bewarb, eingestielt durch meinem Stiefopa, war mir bange ums Herz, wenn ich an die unausweichliche Frage nach meinem Wohnort dachte. Sonnenburg als Antwort war keine Option.

© Februar 2020 by Wandelkern   Lesermail

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