Sonnenburg
Die erste Fassung von Sonnenburg entstand 2021. Seither habe ich den Text immer wieder überarbeitet. Die Version von 2025 erzählt in einer neuen Tonlage, mit einem Rhythmus ohne Kommentierung und wurde um mehrere Szenen ergänzt. Alle kommentierende Absätze und Abschnitte wurden dagegen gelöscht.
Als wir 1972 an einem der letzten Wintertage plötzlich in die Siedlung zogen, stand meine Mutter hochschwanger mit ihren vier Kindern in der leeren Küche und schaute aus dem trüben Fenster. Der Umzugswagen war noch nicht da.
In der Siedlung standen vier lange Blöcke aus rotem Backstein und Beton, begrenzt durch Sträucher und einen Maschendrahtzaun, umgeben von einem Bauernfeld, einer Steinfabrik und geduckten Mietshäusern. Die Blöcke hatten zwei offene Aufgänge, durch die manchmal der Wind pfiff, über drei Etagen das Weite suchend. Über die balkonartigen Gänge ging man an stumpfen Eisentüren vorbei und in den Türen gab es Klappen mit Briefschlitzen. Darüber fanden sich mechanische Schellen, die trocken ratterten, wenn man sie drehte.
Vor dem Umzug malte die Mutter die Siedlung schön und entzündete unsere leicht entflammbare Neugier. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, als sich der versprochene Abenteuerspielplatz und die Kettcars als unauffindbar herausstellten. Gleich am ersten Tag aber war Abenteuerlust geweckt. Vom dritten Stock schaute ich über die Landschaft, die mir an diesem Winternachmittag ein Versprechen war. Dort hinten Bahngleise mit einer hohen Brücke, auch Schrebergärten, begrenzt von verklumpten Feldern. Weiter hinten ein Teich, das schlanke Schilf schien zu winken. Unweit davon eine Fabrik mit Rohren und Schloten, von der aus sich ein schleichender Weg in geduckt stehende Häuser mit Gärten verlor. In dieser Fremde lockte die Weite der Landschaft. Ich war bereit, sie zu erforschen. Mein Bruder, ein Jahr jünger als ich, stand neben mir und brummte etwas in sich hinein. Dann ließ er mich stehen.
Anderntags war die Unternehmungslust verflogen und ich bedrängte meine Mutter mit dem Wunsch, in die alte Schule zurückzukehren, als hätte ich etwas geahnt. Ich könne doch mit dem Bus zur Schule fahren, beharrte ich. Das geht nicht, schrie sie, als spürte sie meine Not, ohne sie ertragen zu können.
Schneller als mir lieb war, stand ich am ersten Tag vor der Klasse und schämte mich, ohne genau zu wissen, warum. Nur zögerlich verriet ich den Namen meiner neuen Straße. Auch waren meine Mitschüler viel weiter im Stoff als ich. Und einmal, als alles vergessen schien, was ich schon gewusst hatte, kullerten all die aufgesparten Tränen aus mir heraus. Ungläubig nahm ich das betretene Schweigen wahr, wo ich doch Spott und Häme erwartete. Die Lehrerin tröstete mich mit ruhigen Worten und ein Schüler bot mir gleich seine Hilfe an. Das war mir neu. So wurden die letzten Monate in der vierten Klasse erträglich, und ich schaffte es, keine Fünf im Zeugnis zu bekommen.
In der Siedlung ließen die großen und kleinen Gruppen der Kinder keine Gelegenheit aus, meine Geschwister und mich herauszufordern. Meinen kleinsten Bruder, sechs Jahre alt, traf es zuerst. Eine Horde Dötze kam plötzlich angerannt und alle riefen erwartungsvoll, mein Bruder würde verkloppt. Ich zögerte kurz, dann ging ich doch, ohne zu wissen, was auf mich zukam. Schneller als mir lieb war, sah ich drei Halbstarke mit bestickten Jeanskutten. Sie hielten meinen Bruder kopfüber und reichten ihn herum wie einen Thunfisch. Mit einem Sicherheitsabstand schrie ich, das ist mein Bruder, hört doch auf! Sie ignorierten mich. Ich schrie weiter und ballte die Fäuste. Einer sah mich spöttisch an, ein anderer drohte: Ich solle mich vom Acker machen, sonst würde es was setzen. Ich ging einen Schritt nach vorne. Alle drei sahen mich plötzlich an, einer lachte auf, ein anderer nickte, während der dritte meinen Bruder auf die Wiese neben dem Plattenweg fast fallen ließ. Nicht dass der große Bruder uns noch verprügelt, sagte er. Sie lachten und gingen, als wäre nichts gewesen. Ich sprang zu meinem Bruder und zog ihn hoch, aber seine Beine zitterten so stark, dass er kaum gehen konnte.
Mein Auftritt hatte sich herumgesprochen und einer wollte es genauer wissen. Ein verächtlich blickender Junge versperrte mir mit verschränkten Armen den Weg und behauptete, hier gäbe es für mich keinen Durchgang. Seine Kumpels nickten und sahen mich erwartungsvoll an. Als ich weiterging, schubste er mich weg und ehe ich mich versah, war die Klopperei im Gange. Beide versuchten wir, den jeweils anderen in den Schwitzkasten zu bringen. Wütend warf ich ihn auf den Rücken und sogleich zerrte seine Schwester an meinem Arm. Während ich mich wehrte, traf mich sein Fußballschuh mit den Stollen ins Gesicht. Ich hielt mir das Auge, während mein Gegner schnell aufstand und eine etwas geduckte Abwehrhaltung einnahm. So ließen wir voneinander ab. Die anfeuernde Meute verstummte und schnell war allen klar: Unentschieden! Und da der Ritter, wie er gerufen wurde, als einer der Stärkeren angesehen und etwas älter war als ich, hatten wir fortan Ruhe vor unaufgeforderten Demütigungen. Mein blaues Auge galt als Zeuge meiner Wehrhaftigkeit. Und keine Träne nirgendwo, wohl von der Angst.
Nicht lange danach entdeckte ich den Affenkäfig. Das war ein kleiner eingezäunter Aschenplatz mit Toren, wie man sie vom Handball kennt, nur dass sie aus Eisen und nicht aus Holz waren. Aus Eisen war auch der hohe Gitterzaun, an dem manchmal Kinder hingen. Manche waren fast oben und brachten den Zaun zum Schwingen, um den lästigen Kletterkonkurrenten am Aufstieg zu hindern. Auf waghalsige Sprünge folgten nicht selten blutige Schrammen. Einmal führte der Übermut sogar zu einem gebrochenen Arm.
Im Affenkäfig wurde oft Fußball gespielt. Sehr beliebt war Einmal berühren, das meistens zu zweit gespielt wurde, wenn nicht genügend Spieler für ein Fummelspiel auf dem Platz waren. Im Spielfeld durfte der Fußball abwechselnd nur einmal berührt werden. Zuerst wurde der Ball, meistens eine abgeranzte Lederpocke, von einem Spieler nah an seinem Tor abgelegt, um mit einem direkten Schuss das Tor des Gegners zu treffen. Dieser durfte den Ball abwehren, Hände und Arme aber waren tabu. Hatte der Erste zu feste und auch noch daneben geschossen, prallte der Ball vom Zaun ab und rollte zurück, sodass der Zweite ihm so schnell wie möglich hinterherlief, um nah am Tor seines Gegners einen Bombenschuss abzufeuern. Oft wurde gezetert und geschimpft und an trockenen Tagen wirbelte der Staub auf und machte graue Arme und Beine. Wehe, der im Tor kam zu weit heraus aus seinem Kasten oder verstellte beim Zurücklaufen den Weg des Gegners! Das war alles nicht erlaubt, außer man war zufällig der weitaus Stärkere.
Wirkliche Freunde fand ich keine in der Siedlung, im Gegenteil, ich war oft auf der Hut. Nach ein paar Monaten, der Sommer war im vollen Gange, war ich einmal mit einer Gruppe von Jungen unterwegs, die mich mitnahmen zum nahegelegenen Teich, der fast ganz mit Schilf umwuchert war. Sie wollten mir etwas zeigen. Einen davon riefen sie Bierwitz. Und wenn sie riefen, kam er. Er schien wirklich fast alles zu machen, was die anderen verlangten, außer vielleicht Scheisse zu fressen. Besonders geschickt war er darin, Stichlinge zu fangen. Es dauerte nicht lange, da hatte er einen in der Hand. Dann suchte er einen dünnen Halm, schob ihn in den Rachen des zappelnden Tieres, bis er hinten wieder rauskam. Er lachte und seine Glotzaugen leuchteten vor Glück.
Später sprang Bierwitz sogar in die Köttelbecke, nicht weit vom Teich gelegen. Man versprach ihm ein silbernes Fünfzigpfennigstück, das er natürlich nie bekam (wer hatte schon so viel abzugeben). Ertrunken wäre er fast. Was ihn nicht davon abhielt, ein weiteres Mal für irgendein Versprechen hineinzuspringen. Die Tiefe und Strömung der Kloakenflüsse wurde unterschätzt. Wenn man einmal drin war, kam man schlecht wieder heraus. Das Betonbett war steil und glitschig.
Eine Zeit lang war ich mit Detlef unterwegs. Er hatte vierzehn Geschwister. Vielleicht hatte ich Langeweile und lungerte deshalb am beuligen Maschendrahtzaun herum, als suche ich etwas auf dem kleinen Bauernfeld, über das wir oft gingen, um Wege abzukürzen. Detlef kam hinzu, und wir gingen zum Affenkäfig. Wir hätten wohl gerne eine Runde gepöhlt, aber es war niemand da und einen Ball hatten wir auch nicht. Aber Einmal berühren hätte ich nicht mit ihm gespielt. Wenn er am Verlieren war, schummelte er, blockierte den Weg zum Tor und trat mir auf die Füße, wenn ich kurz vor dem Schuss war. Jetzt fragte er mich, ob ich Lust auf Erdbeeren hätte, er wüsste, wo es welche gäbe. Er zeigte mit dem Kopf die Richtung an und ich ahnte schon, dass er die Schrebergärten meinte. Wir gingen durch ein hochgewachsenes Weizenfeld und enterten nach einigen Umwegen einen krüppeligen Jägerzaun. Viele Erdbeeren waren nicht mehr zu holen. Plötzlich sprang er über den Zaun zurück und schrie: Ein Dieb! Polizei! Schnell! – und zeigte auf mich. Ich erschrak und wollte auch über den Zaun klettern, um schnell Kniegas zu geben. Ich hatte noch im Ohr, dass hier einer wohne, der eine Schrotflinte habe. Doch Detlef schubste mich zurück. Ich nahm eine Handvoll Erde und warf nach ihm, aber er wich den stobenden Klumpen aus und lief dann lachend ins Weizenfeld.
Ein noch anderes Kaliber als Detlef war Günna. Ich traf ihn zufällig auf dem Spielplatz neben der Sonderschule. Ich kannte ihn nur vom Sehen und er war mir nie geheuer. Er stand mit zwei weiteren Jungen an einem großen Schaukelpferd aus Holz. Ein Dritter schaukelte das ächzende Pferd so heftig, dass es vor eine Sperre stieß und er mit den Füßen abhob. Auch beim Rückschwung hielt er sich an den Griffen des Kopfes gut fest, um nicht herunterzufallen. Man schlug sich hier auch einmal zwei Vorderzähne aus. Als ich dazu kam, fragte Günna mit verschlagenen Augen, ob ich auch in seine Bande wolle. Bevor ich eine Antwort geben konnte, sagte er, dass ich eine Mutprobe machen müsse. Dann schrie er den auf dem Pferd an, der immer noch nicht genug hatte. Runter da! Der Junge, den sie Peule nannten, sprang mit einem weiten Satz von Pferd und landete im verdreckten Sand. Dann befahl Günna mir, mich vor das Pferd zu stellen und die Arme auseinander zu nehmen. Ohne zu wissen, warum, tat ich das und ehe ich mich versah, warf er ein Messer, das zwischen meiner Hüfte und einem Arm landete. Ich hörte es dumpf vibrieren.
Einige Jahre später musste Günna untertauchen. Er habe die Biege gemacht, hörte ich, anstatt die Strafe anzutreten. In der Zwischenzeit übte er sich an Brüchen in Kellern und Trinkhallen. Wirklich keine ausgezogene Autoantenne war sicher vor ihm. Bis er auf die Idee kam, dass Autoradios Kohle brachten.
Zwischendurch machte er von sich reden, als er einem Jungen aus nächster Nähe einen selbstgeschnitzten Pfeil in den Oberschenkel schoss. Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Günna aber sprach nur selten und grinste umso häufiger, ohne dass man wusste, worüber denn. Wenn er sich schlug, war er gemein und man musste aufpassen vor Steinen in seiner Nähe. So wunderte es niemanden, dass an einem harmlosen Tag die Polizei wegen Günna die Siedlung umstellte. Man erwartete eine Verfolgungsjagd. Familien standen auf den Gängen und sahen Polizisten mit gezogenen Pistolen. Während die Polizei einige Wohnungen und Keller im vierten Bau durchsuchte, wurden die kleinen Kinder von den Eltern und Geschwistern grob in die Wohnungen gescheucht. Aus einem Polizeiauto drang bellend die Aufforderung, von den Gängen zu verschwinden und die Polizei nicht zu behindern. Man ignorierte das und sprach über Polizeischikanen an den Treffpunkten der Jugendlichen und Schläge auf der Wache. Jemand klagte über die schlechte Behandlung, sobald man die Siedlung einen Schritt verlassen habe. Zwischendurch überbot man sich mit Vermutungen darüber, was der Gesuchte noch alles verbrochen habe. Günna genoss einen gewissen Respekt, weil er mit der Polizei Katz und Maus spielte. Doch nicht jeder fand seine Taten gut. Dann ging das Gerücht, er habe eine Knarre. Da beschlich mich etwas wie Unruhe und Verachtung. Ich ging zum offenen Treppenhaus. Meine Mutter rief mir nach, ob ich verrückt sei, ich solle sofort zurückkommen. Ich hörte nicht auf sie, ich hörte gar nicht mehr auf sie. Die Bullen machen die Biege, rief jemand. Es kam von oben, vom dritten Gang. Mit Erleichterung und Bedauern blieb ich stehen und ging zum Gang zurück. Günna schien eine weitere Flucht gelungen zu sein. Tatsächlich trat die Polizei den Rückzug an und vereinzelt gab es Pfiffe und hämische Sprüche von den oberen Gängen.
Als ich in die Hauptschule kam, dauerte es nicht lange, da zeigte ein Junge aus einer Gruppe auf mich und rief: Der ist aus der Sonnenburg! Danach beachteten sie mich nicht mehr. Später wollte ich der Gruppe angehören, weil sie sich so lustig über die Filme vom Vortag unterhielten. Doch sie taten, als wäre ich gar nicht da. Als ich einfach stehen blieb, trat ein Blonder mit Sommersprossen auf mich zu und drohte: Ich solle verschwinden, Asoziale hätten hier nichts zu suchen. Zornig trat ich einen Schritt vor und er ging ohne ein Wort zur Gruppe zurück. Im Sportunterricht aber konnte ich mich rächen, vor allem beim Fußballspielen. Ich ließ sie alle stehen, locker. Auch war ich der Schnellste in der Klasse. Einige Mädchen nannten mich Speedy Gonzales.
In der Siedlung war unsere Küche zugleich das Wohnzimmer. Ich sehe die große Couch mit dem Küchentisch davor. Ich sehe die tiefe Fensterbank mit den ewig gleichen Pflanzen und der Flasche Bier des Vaters, die dort meistens stand. Die Flachmänner wusste er zu verstecken. Unter der Fensterbank war ein Schrank, dessen Türen klemmten, was zu manchem Tobsuchtsanfall führte. Darüber das große Fenster mit den weißen Gardinen. Eine Gardine auch vor der Balkontür daneben. Immer sauber und akkurat, als gäbe es kein anderes Lebensziel. Lange Zeit schrie die Mutter auf, wenn wir den dünnen Stoff achtlos beiseite schoben, um freie Sicht auf den Bau gegenüber und die Wiese davor zu haben, in der Hoffnung, dass sich da draußen etwas tut. Von der Küche ging auch eine Tür zum Kinderzimmer ab, das später das Schlafzimmer der Eltern wurde. Was nicht ganz stimmt. Der Vater schlief meistens auf der Couch, die Mutter mit den beiden Kleinen im Ehebett. Die drei ersten, im Abstand von genau 3 Jahren und 3 Wochen auf die Welt gepresst, teilten sich das Kinderzimmer. Zwölf Quadratmeter. Das Doppelstockbett war zweimal ein kleines Reich für sich. In der Anfangszeit teilte ich mit dem Bruder, der nach mir kam, das untere Bett. Manchmal sah ich, dass er mit Strümpfen ins Bett ging. Nicht, weil er fror, sondern weil er als erster angezogen sein wollte. Das war morgens, vor dem Weg zur Schule, ein erbitterter Wettstreit zwischen uns. Triumphgefühl für den, der zuerst Erster! rief, um dann im engen Schlauch der Toilette mit Duschkabine und Waschmaschine zu verschwinden, als sei erst dann der Sieg gesichert.
Die Küche war der größte Raum der ganzen Wohnung. Sie hatte eine Therme, darunter der wuchtige Spülstein aus Keramik. Einen Säugling hätte man darin baden können. Vielleicht hatte die kleine Schwester einmal das Vergnügen. Daneben stand anfangs ein Kohleofen, ohne den lange nichts ging. Bis später ein Herd den Ofen ersetzte. So viel weniger Staub auf einmal. Neben dem Staub waren für die Mutter auch die Fingerabdrücke der Kinder wie Benzin auf die glimmende Flamme ihrer Wut.
Neben dem Kühlschrank stand die Couch, die später durch eine Eckbank ersetzt wurde, als die ersten Kinder die enge Wohnung verließen. Auf der Couch lag immer eine Decke, ordentlich und stets glatt nachgezogen. Einmal aber war die Decke auch der Mutter egal und es gab kein lautes Schreien oder müdes Zetern. Das war 1974. Ich hatte Geburtstag, es lief das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Wir hielten es vor Spannung kaum aus. Ständig waren wir in Bewegung, konnten einfach nicht ruhig sitzen. Beim Spiel gegen die Schweden zuvor waren wir schon fast ausgerastet. Es stand 2:2. Der Vater war auf der Toilette. Dann fiel das 3:2 für Deutschland. Er hatte den Hosenschlitz noch offen, als er zurückkam und sich mit einem Satz vor dem Fernseher aufbaute. Wir schrien, lachten und umarmten uns. Beim Schlusspfiff lag die Decke dann auf dem Boden. Sie wurde sogar in die Luft geworfen, dass sogar die Mutter lachte.
Einmal stand ich an der großen Fensterbank und das Schnellgericht aus Vater und Mutter klagte mich als Unruhestifter an, als der Streitsüchtige, der immer das letzte Wort haben müsse. Sie drohten mir mit dem Heim. Zuletzt forderte der Vater mich auf, aus ihrem Leben zu verschwinden. Er schlug mich mit Worten, das machte er selten, aber dann mit aller Wucht. Zuvor schon litt meine Verteidigung unter Atemnot. Die Sätze fielen auseinander, bevor ich sie aussprechen konnte. Ich wusste nicht mehr, wie ich alles wieder geraderücken könnte und fand nur Worte ohne Trost.
Wenn in der Küche das Schreien meiner Mutter gegen das Chaos unberechenbarer Kinder keinen Widerhall mehr fand, fiel sie in eine erschöpfte Ohnmacht und stellte sich tot. Mit angewinkelten Beinen lag sie im ärmellosen Kittel auf dem PVC-Boden, ihr Gesicht verborgen unter einem Arm. Manchmal lachten wir und stiegen über sie hinweg. Sie markiert doch nur! Einer meiner Brüder lachte, während der Kleinste im Türrahmen stand und vergessen weinte.
Seltene Stille gab es auch. Wenn niemand in der Küche war. Die welligen Gardinen, das Ticken der Wanduhr und das vertraute Zünden der Flamme im Boiler. Aber das war am Ende kein Versprechen, als würde doch noch alles gut.
Einmal gab es eine Nachzahlung, vielleicht war es auch ein Gewinn. Der Vater kommt mit einem Lächeln in die Küche und wirft lauter Geldscheine in die Höhe, die raschelnd und flatternd Reichtum versprechen. Spinner, sagt die Mutter grinsend und versucht noch einige Scheine zu packen. Wir betteln und erinnern die Eltern an ihre Versprechen. Später, sagt der Vater nur und die Mutter, lasst mich in Ruhe. Die Scheine verschwinden in ihrer Kitteltasche. Wir drängen, bis jeder schneller als erwartet fünfzig Pfennig für die Bude hat. Das war doch ein Vermögen, ein kleiner Schatz in der Hand, der ein wohliges, fast stolzes Gefühl auslöste.
An einem Tag hatte ich sogar zwei Markstücke dabei. Ich wusste noch nicht, was ich mir dafür kaufen wollte. Auf dem Weg zur Bude fragte mich ein Bruder von Detlef, ob ich Geld hätte und eine Runde mit Gallern wollte. Uli hatte diesmal nicht seinen Spitz dabei, was mir ganz recht war, da er nicht selten damit drohte, ihn von der Leine zu lassen. Um fünfzig Pfennig rief er, wenn schon denn schon. Er wechselte mir eine Mark und dann ging es los. Zu viert warfen wir die Münzen Richtung Bordstein. Uli war am nächsten dran und durfte als erster die vier Münzen hochwerfen. Er schüttelte sie lange in den gehöhlten Händen, spuckte auf den Handrücken und rief dann Zahl, bevor er sie in die Höhe warf. Dreimal Zahl. Gierig nahm er die drei Geldstücke und sah uns verächtlich an. Kaiser war als nächster dran. Er schnippte das Fünfzigpfennigstück mit dem Daumen nach oben und gewann mit Kopf. Ich verlor an dem Tag das ganze Geld und war wochenlang im Hader mit mir.
Aber Geld war nicht alles. Wenn es keinen Strom gab, abgestellt von den Stadtwerken, gab es Kerzen und vielleicht einen Spieleabend, der das Streiten der Geschwister leichter machte, weniger laut und verbissen. Und die Nachbarn halfen mit heißem Wasser oder einer Decke. Nach einigen Tagen aber vermisste ich den Fernseher. Meine Lieblingsserie war Bonanza und ich wollte keine Folge verpassen. Und ich weiss nicht mehr warum, aber eine Folge konnte ich ohne die Geschwister sehen. Der jüngste Cartwright war in der Schusslinie der Gangster. Er schaffte es nicht weg, rutschte immer wieder ab. Er war verzweifelt. Bis seine Rettung mich erlöste, kamen mir doch fast die Tränen. Verstohlen schaute ich zur Mutter, die auf ihrem Platz saß und mit geneigtem Kopf die Strümpfe der Kinder stopfte.
Ein Schock für mich war Aktenzeichen XY. Leichenteile in der Landschaft als attraktives Abendprogramm. Jemand findet einen Torso, später wird ein abgetrennter Arm gezeigt. Die stillen Wege konnte ich danach nicht mehr gehen, ohne zu zögern und dann zu rennen.
Lange Zeit sahen wir auch die Hitparade. Dazu passend das alberne Gekicher, wenn wir den Dieter-Thomas Heck parodierten. Bescheuerte Blagen, rief die Mutter, hört endlich auf! Mit vierzehn war dann Schluss mit Schlager. Ich entdeckte Discomusik, Hardrock und später den Blues. Ich war der Erste in der Familie, der eine LP kaufte. Led Zeppelin. Ich war enttäuscht, weil es darauf keine harten Gitarrensolis gab. Die Platte war fast zu schade für den Plattenspieler, ein roter Koffer mit einem Deckel, in dem ein kleiner Lautsprecher steckte. Später bastelte ich das Teil als Verstärker für meine erste E-Gitarre um, die so billig war, dass sie sich nicht wirklich stimmen ließ. Als ich das erste Mal die schrägen verzerrten Töne hörte, sprang ich vor Freude in die Luft und aus der Küche hörte ich meine Mutter schreien. Das war schon Hardrock vom Feinsten.
Die Musik und auch die Langeweile halfen mir, endlich auch außerhalb der Siedlung akzeptiert zu werden. Im Jugendheim machte mein Musikgeschmack von sich reden. Auch hatte ich Ideen, die ich als solche gar nicht wahrnahm. So lief ich mit einem Kassettenrekorder herum und nahm Gespräche auf. Das war oft lustig, das unterhielt, etwa die Interviews mit witzigen Fragen und lauter Albernheiten. Ich spürte, dass meine Straße nicht nur Makel war.
Als ich mich 1977 auf eine Stelle als Elektroinstallateur bewarb, eingestielt durch meinen Stiefopa, der am anderen Ende der Stadt wohnte, war mir bange ums Herz, während ich an die unausweichliche Frage nach meinem Wohnort dachte. Sonnenburg war keine Option.
© Juni 2025 by Wandelkern Lesermail
