Verborgene Zeiten
Als Rolf einmal mit einer Plastiktüte voll Büchern in die Siedlung zurückkam, passten ihn ein paar Kumpels ab, mit denen er oft Fußball spielte. Sie sahen sofort, wo er herkam. Einer fragte, ob er wieder Papier fressen wolle. Alle brüllten. Rolf grinste und sagte:
„Ersma besser fummeln und dann große Schnauze haben.”
Der Angesprochene, den man Deckel rief, ging einen Schritt auf Rolf zu und sagte:
„Musst du grad sagen, du Krampe!”
„Haha, selber Krampe, Oberkrampe.”
Rolf wollte gehen, doch Deckel gab keine Ruhe und forderte ihn zu einem Fummelspiel auf.
„Kann nicht, muss ers Papier fressen.”
Deckel hielt mit beiden Händen seine abgerissene Jeansweste fest und hob verächtlich den Kopf:
„Guckt euch den an, will was Besseres sein!”
Die anderen schwiegen.
„Leck mich”, sagte Rolf und ging. Deckel rief ihm nach: „Ja, hau doch ab – Professor!”
Als Rolf das Kinderzimmer betrat, war es leer. Keine Geschwister da, die sich hier langweilten, ihn mit Fragen nervten oder die Bücher anfassten. Er hörte das Schreien der Mutter, das aus der Küche kam, und dann die helle weinerliche Stimme der kleinen Schwester. Dazwischen zeterte der Wellensittich Peter, den sie auf einem Aschenplatz gefunden hatten; zu ausgehungert, um noch fliehen zu können. Rolf stand still in dem kleinen Zimmer. Er sah auf den Tisch, auf dem noch das zusammengefaltete Lobo-Poster lag. Er drückte es gegen die Wand, sodass es einen harten Knick bekam. Beim Umdrehen stieß er an das eiserne Doppelstockbett. Mit zusammengepressten Lippen drückte er die Schulter dagegen und ließ die Plastiktüte mit Schwung auf das untere Bett fallen. Die orange Tagesdecke gab federnd nach unter der Last der Bücher und schlug Falten; die Mutter hasste Falten, genauso wie Fingerabdrücke an den Scheiben und Möbeln.
Rolf setzte sich auf das Bett und achtete darauf, sich nicht den Kopf zu stoßen. Er drehte sich zur Plastiktüte, schob sie zum Rand des Bettes und holte eines der Bücher heraus. Auf dem Titel war eine bunte Zeichnung. Darüber stand in fast hüpfenden Buchstaben Meisterdetektiv Agaton Sax. Zögerlich schlug er das Buch auf und schaute auf die vielen Wörter rechts und links. Er tippte dann mit einem Finger hier und dort auf die Seiten. Dann blätterte er weiter, immer weiter, bis er das Buch abrupt zuschlug, zur Seite legte, kurz zögerte und dann aufsprang.
Rolf ging zum Tornister und bog die steife Klappe nach hinten. Das Leder ächzte. Er zog ein flattriges Spiralheft hervor, öffnete es und riss langsam ein Blatt heraus. Nach kurzem Zögern nahm er sich noch ein weiteres. Ungeduldig entfernte er die Papierreste aus den Spiralen. Er fischte einen zerkratzten Füller aus dem Tornister und sah zur Tür. Dann schaute er auf die linierten Blätter und schob sie sorgsam übereinander. Er drehte den Füller auf und wieder zu, auf und wieder zu. Endlich setzte er sich und schrieb in ungelenkigen Buchstaben: Krimi. Wieder schaute er zur Tür und dann auf das Blatt. Auf dem gelblichen Papier waren die fünf Buchstaben jetzt ausgefranst. Er legte schnell die flache Hand auf das Wort, hielt einen Moment inne und wischte die Blätter vom Tisch. Sie flatterten, als wehrten sie sich gegen das Fallen.
Im Dielenschlauch rührte sich jemand. Die Schwester? Er zog den Kopf etwas nach hinten und drückte sich mit einem Stöhnen unter den Tisch. Auf den Knien zog er das beschriebene Blatt zu sich und zerknüllte es mit beiden Händen.
***
Nach dem Arbeitsamt ging ich in die Stehbäckerei meines Vertrauens und stand jetzt vor einem heißen Pott Kaffee. Die Rentnergruppe redete mal wieder über irgendeine Schieberei bei der Fußball-WM in Spanien. Der Sachbearbeiter beim Arbeitsamt schien korrekt zu sein. Er hatte mir empfohlen, das nächste Mal einen Lebenslauf mitzubringen. Dass nach zwei Monaten endlich das Arbeitslosengeld lief und ich fast zeitgleich eine Wohnung gefunden hatte, ließ mich heute California über alles summen. Ja, ich werde einen Lebenslauf schreiben. Und was für einen! Das wird mein erster Text. Die Stelle, auf die ich mich bewerbe, heißt: Arbeitslos. Wohl verdient. Nach zwei abgebrochenen Ausbildungen und der Schufterei bei Opel. Vorbei. Jetzt kommt kreative Arbeitslosigkeit. Schreiben, Fanzines, Cassettenradio, solche Sachen. – Und endlich lesen auch. Büchner und Heine fallen mir ein. Die waren verdammt mutig. Eigentlich verstehe ich nur Heine ein wenig, Brecht gar nicht. Vera in der Kommunisten-WG hat ein halbes Regal von B.B. So nannte sie ihn oft. Die Theaterstücke habe ich nicht wirklich verstanden. Die Tagebücher erst recht nicht. Das alles hat mich zuerst umgehauen. Dann kamen andere Sorgen. Ich musste die WG verlassen. Ich wollte keinen Ortsverein. So stand ich ohne alles da. Wohnte in der Übergangszeit im alten Kinderzimmer bei den Eltern. Die schon mal heilfroh sind, dass ich bald wieder weg bin. Dort stöberte ich in einem dicken Versandkatalog, der auf dem Tisch vor der ausgeklappten Couch lag. Ich suchte nach Frauen mit den Büstenhaltern und entdeckte die Seite mit den Schreibmaschinen. Bei einer kleinen roten war ich gleich Feuer und Flamme. Sechs Raten von fünfzig Mark im Monat wären machbar. Eine elektrische, die musste ich haben.
***
Für ein paar Wochen war ich in die Rhön gezogen, wohnte in einem niedrigen, schäbigen Zimmer bei einer Frau mit sechs Pferden. Eine kleine, bissige Amazone, die zeigte, wie man beim Reiten mit Pfeil und Bogen schießt. Aber die meisten wollten nur Reitunterricht oder Therapie, junge Frauen zumeist. Einige von ihnen hielten den Hof am Laufen durch ihre lohnlose Arbeit. Ich reinigte die Ställe, legte Heu aus, zur Abwechslung stakste ich durch echte Scheiße.
Abends liege ich auf meiner Reisematratze, ausgelegt auf einem Teppich mit dunklen Flecken und kaltem Kerzenwachs. Ich freue mich auf das Buch, dessen erster Absatz mich beim Stöbern in einer Buchhandlung begeistert hat. Es ist bereits spät und ich fange es doch noch an. Ich lache schon, fast zu laut für diese Zeit. Manchmal halte ich inne und lese einen Absatz zum zweiten Mal. Manchmal klappe ich das Buch zu, einen Daumen zwischen den Seiten und streiche mit der Hand über das Cover. Immer mal wieder schaue ich mir das Bild der noch jungen schwedischen Autorin an, von der ich noch nie etwas gehört habe. In den frühen Morgenstunden zähle ich die restlichen Seiten, will nicht, dass sie weniger werden und lese trotzdem weiter. Bei den letzten Seiten laufen einfach Tränen. Danach lächele ich, das Buch auf der Brust, eine Hand sanft auf Die polyglotten Liebhaber. Dann stehe ich auf und suche den Bleistift in meinem Bürorucksack. Ich finde ihn zusammen mit einem winzigen weißen Notizbuch, eingefasst in Kunstleder. Ich schlage es auf und drücke es nach hinten. Vorne steht krakelig: 2017. Und darunter: Einfälle. Dann nichts mehr. Ich setze mich wieder auf die Matratze und schreibe, langsam, als müsse jeder Buchstabe geprüft werden: Wohliges Gefühl, aber was ist es?
Die Frühschicht verschlief ich, trotz des Kraches, den meine Gastgeberin in der Nähe meiner Tür machte. Unglaublich, dachte ich und stöhnte. In der Küche warf sie mir vor, sie auszunutzen. „Klar”, sagte ich, während ich an einer freien Stelle im Geschirrchaos meinen Espresso vorbereitete, „bestimmt wie dein betrügerischer Ehemann.” „Das hat Konsequenzen”, sagte sie und verließ die Küche. Ich musste meinen besten Freund anrufen und über das Buch reden. Ich musste nach Hause, zu den ungelesenen Büchern. Dann fiel mir ein, dass ich morgen 57 werde.
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„Dann schreib doch endlich!”, sagte mein bester Freund, als ich mal wieder von einer neuen Idee überzeugt war. Ich wollte eine sarkastische Bemerkung machen, hielt sie aber zurück. Wir schwiegen eine Weile.
„Vielleicht macht es eh keinen Sinn”, sagte ich.
„Was denn?”, sagte er.
„Das Schreiben. Lebenslanges Hirngespinst”, sagte ich.
Mein geduldiger Freund sah mich von der Seite an und schob den Kopf nach hinten.
„Glaube ich nicht”, sagte er. „Sonst hättest du schon längst aufgegeben.”
„Stimmt auch wieder”, sagte ich.
„Noch einen Kaffee?”, fragte er.
„Gute Idee”, sagte ich.
In dieser Zeit schenkte mir der Freund ein Buch. Es hieß Schwarzes Quadrat. Einige Monate später legte ich eine Packung Papiertücher auf einen Bücherstapel. Als ich sie später wegräumen wollte, sah ich das Buch wieder. Schwarz und wie neu lag es da. Ich nahm es, legte es auf die Packung und hielt das Titelblatt mit dem Daumen fest. Langsam blätterte ich und hielt immer mal wieder inne, um einen Absatz zu lesen. Wenig später legte ich den Band auf den Tisch vor der Couch. Es wurde mein nächstes Buch. Vor allem ließen mich die beiden Wörter Selbst-Erfahrung nicht mehr los.
Wenig später nahm ich irgendeine Kladde aus meiner Sammlung, entfernte ungeduldig das Zellophan, nahm den nächstbesten Druckbleistift und schrieb auf die erste Seite: Angst in Arial. Ich notierte noch das Datum und blätterte gelassen zu einer fein quadrierten Seite. Dann schaute ich aus dem Fenster, den Kopf des Bleistifts an mein Kinn gedrückt und wartete.
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Die Dating-App zeigt mir ein neues Match an. Ich scrolle durch das Profil der Frau, schaue mir ihre Fotos etwas genauer an. Ihr Opening Move fragt: Welches Buch muss man gelesen haben? Unwillkürlich schaue ich auf mein Bücherregal. Lehrjahre der Männlichkeit? Ich liebe dieses Buch. Aber wie undankbar wäre ich, wenn ich eines bevorzugen würde. Zum ersten Mal kommt mir die Frage absurd vor. Und doch fällt mir nun ein Buch ein, das ich zufällig fand, als ich Online-Antiquariate auf der Suche nach gut erhaltenen und nicht mehr aufgelegten Romanen durchsuchte. Die verbrannten Dichter.
Ich kannte die Menschenvernichtung, jetzt erst hatte ich auch die kulturelle verstanden. Ein Staunen über so viele mir unbekannte Werke und Namen. Aufgeregt und voller Neugier lief an manchen Tagen der Warenkorb heiß. Mit dem Durst auf Hintergrundwissen führte ein Buch zum anderen. Einmal fragte ich mich, ob sich alle so quälten für ihre Texte wie Flaubert. Auf einmal war es wohltuend, dass sie so unerreichbar waren.
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Ungehalten ziehe ich an der klemmenden Tür des Wandschranks. Sie knallt vor die Wand und vibriert. Ich drücke mein Knie dagegen und räume Schuhkartons mit Fotos und Kleinkram beiseite. Da sehe ich sie, nach Farben sortiert, stabile, dicke Kladden, einige noch in Zellophan verpackt. Nur die wenigsten sind beschrieben, noch weniger bis zum letzten Blatt. Eine davon suche ich. Die marienblaue muss es sein. „2018/19 – TB/Zitate/Ideen” steht in wackeliger Schrift auf dem Rücken. Ich vermute darin einen Satz von Borges.
Vielleicht hilft mir das Inhaltsverzeichnis. Darin habe ich die Seitenzahlen vielversprechender Passagen und Ideen notiert. Ziemlich viele.
„Erzählung: Der Eingriff S. 176.”
Ich schlage die Seite auf und zähle gleich die Seiten. Dreizehn. Langsam gehe ich zum Küchentisch zurück, während ich schon lese. Immer wieder lässt mich die kleine, eilende Schrift stocken. Ganze Wortpassagen scheinen vor ihrem Sinn zu fliehen. Dennoch packt mich der Text unerwartet. Ein Chirurg bewirbt sich auf eine Stelle und sieht sich am Ende mit einem kleinen Eingriff an ihm selbst konfrontiert. Zwischen den Zeilen dieser fremdartigen und doch vertrauten Geschichte atmet eine alte lange Angst. Als wäre sie mir ein verborgener Mentor gewesen.
Jetzt erinnere ich mich auch, wie die Idee entstand. Die Einstiegsszene fantasierte ich morgens beim Aufwachen. Ein Mann geht auf eine Freitreppe zu, die ihm wie eine ausgetretene Zunge erscheint. Noch vor dem ersten Kaffee notierte ich mir das. Dann blieb ich sitzen und Schreiben wurde einfach Schreiben. Danach war ich erstaunt über das, was sich entfaltet hatte. All die hartnäckigen Alibis hatte ich vergessen.
Während ich mir ein Papiertuch hole, kommt mir der Gedanke, sie ins Reine zu schreiben.
Nein.
Der Text darf ruhen. Er darf gut sein. Und nur für mich.
Respekt, sage ich leise und grinse. Das Borges-Zitat suche ich nicht weiter, vielleicht trage ich es bereits in mir.
Am Wandschrank schiebe ich die Kladde wieder an ihren Platz. Die Kartons schaue ich mir nun genauer an. Auf einem steht „Kalender/Notizhefte”. Ich öffne ihn. Uralte Jahreskalender sind darin, noch aus der Zeit vor meinem Punksein und der langen Arbeitslosigkeit. Der rote, ziemlich zerfleddert. Mein erster überhaupt. Aus einer Zeit, als ich schüchtern Anschluss an die Friedensbewegung suchte.
Zwischen den Kalendern liegt ein dickes, schwarzes Notizbuch. In einem ungewöhnlichen Format zwischen A5 und A6. Der halbrunde Rücken hat seine Glätte längst verloren. Ich ziehe es heraus und lasse die Blätter über den Daumen gleiten. Die kleinen Quadrate der Seiten sind dicht beschrieben. Mit verschiedenen Kugelschreibern. In einer mir fremd gewordenen, ungelenkigen Schrift. Jeder Eintrag trägt ein Datum und eine Uhrzeit: 19.4.2011 – 4:53. Zeugnis einer Ehekrise.
Jahre später überflog ich diese Notizen. Ich sah ein Jahr der Auflösung. Nur schleichende Abschwächungen von Panik, Wut und Schmerz. Nichts hätte schneller gehen können, außer der Auszug, der meiner Tochter das Gift zwischen den Eltern früher erspart hätte. Entschlossen schließe ich es wieder. Lasse es ein privates Zeugnis sein. Fast sieben Jahre liegen zwischen dem dicken Notizbuch und der dunkelblauen Kladde. Jetzt weiß ich, was ich in dieser Zeit gewonnen habe.
***
Langsam lasse ich Luft aus meiner Lunge entweichen. Ich schaue auf die Uhr. Fast drei Stunden habe ich geschrieben, die Knie unter einer Rolle, den Rechner auf den Beinen, auf dem Tisch eine leere Flasche alkoholfreies Bier. Es ist ein Dialog über mehrere Seiten. Seit drei Abenden lässt er mir keine Ruhe. Irgendetwas schien mir unwahr oder zu einfach oder zu einseitig. Noch einmal lese ich ihn mir laut vor. Er läuft ganz allein über die Lippen. Ich scheine plötzlich verschwunden aus den Zeilen. Meine Augen brennen. Müdigkeit dringt durch. Ich sehe mich im Fenster. Die Jalousien. Die hatte ich ganz vergessen.
Anfang des Jahres stand ich vor einer Trennung. Wir hatten uns während der Pandemie kennengelernt und sind ziemlich schnell zusammengezogen. Anfangs lief es auch mit meiner Tochter gut, die ich alle zwei Wochen zu uns holte. Ich weiß nicht mehr, wann es kippte. Irgendwann stellte sie meiner Tochter keine Fragen mehr, gab ihr nur noch Haushaltsaufgaben im kühlen Ton. Ich fand zuerst nichts dabei, vielleicht wollte ich noch nicht allzu genau hinschauen. Aber dann ertappte ich meine Partnerin dabei, wie sie in der Küche meine Tochter anging. Hier sei nicht Hotel Mama! Sie hatte die Teller nach dem Abendbrot nur auf die Spüle abgestellt, anstatt sie in die Spülmaschine zu stellen. Meine Tochter verschwand gleich ins Wohnzimmer und ich fragte, was das denn sollte. Sie zeigte mir den Rücken und warf meinem Kind vor, schon genauso wie ihre Mutter zu sein. Ich schwieg. Ich wollte lieber zu meiner Tochter.
Nach wochenlangem Schweigen auf meine vielen Nachrichten bin ich noch einmal zu ihrer neuen Wohnung gefahren. Ich wollte auch endlich meine Sachen zurück. Sie öffnete die Tür und sah mich nicht einmal überrascht an. Ich wollte eintreten, doch sie ließ mich nicht in den Hausflur. Durch den breiten Spalt kam nur ein Nein. Sie brachte die Sachen herunter und schloss dann die Tür. Ich stand vor der Umzugskiste und der prallen Plastiktüte, als wäre ich ein Teil dieser Dinge.
Einige Tage später habe ich bis in die Nacht unsere Signal-Nachrichten gehört und gelesen. Auch durchsuchte ich meine Tagebuchaufzeichnungen, um die Passagen zu finden, in denen ich mir ihre Aussagen notiert hatte. Ich suchte in der Hoffnung zu begreifen, was in den fast zweieinhalb Jahren wirklich passiert war. Verstehen, um den Schmerz zu bändigen. Das Gegenteil trat ein. Die nassen Papiertücher wurden zu einem Haufen. Später suchte ich einen guten Blickwinkel, fotografierte ihn und lachte auf. Mit beiden Händen griff ich den getrockneten Rotz und ließ ihn in den Mülleimer fallen. Dann sah ich mir noch einmal die Screenshots von den Chats an, die ich gemacht hatte. Einem nach dem anderen. Endlich fuhr ich das Smartphone herunter und ging ins Bad.
Gut ein halbes Jahr später schien es wieder aufwärts zu gehen. Ich hatte einen Auftrag bekommen, der meinen ausgereizten Dispo entspannte. Auch schlief ich wieder etwas besser. An einem dieser Tage schnitt ich frisches Brot und sein Geruch erinnerte mich an die ausgelassenen Momente in der Küche oder beim gemeinsamen Frühstücken im Bett. Still schaute ich eine ganze Weile zum Fenster. Das Brot ließ ich liegen und ging zur Couch, auf der das Notebook lag. Ich legte eine Datei an und gab ihr den Namen „gefälle-08-2024”. Ich hatte einen Titel und ahnte nicht, dass er mich über Monate einnehmen würde.
© September 2026 by Wandelkern Lesermail
