Mutter

Ich weiss nicht mehr, was für ein Tag das war, als ich meine Mutter in der Siedlung aufsuchte. Ich drehte an der mechanischen Schelle, die in die Eisentür eingefasst war und ein trockenes Rattern von sich gab. Sie stand im Kittel da, müde, gar nicht überrascht, als wäre ich die ganzen Monate überhaupt nicht weggewesen. Mein Besuch schien ihr nicht zu passen. Ich drängte mich ungeduldig an ihr vorbei und sagte, dass ich mit ihr reden müsse. Ich nahm Platz in der Küche und sah mich um. Nichts war verändert in dem Raum, der viele Jahre das Zentrum einer siebenköpfigen Familie war. Selbst ihren Platz am Tisch hatte sie sich bewahrt; der kürzeste Weg zum Herd und zum wuchtigen Spülstein mit der Therme darüber. Abgeschlagen fragte sie, was denn sei, sie habe keine Zeit. Ich sagte, dass ich nie mehr ein Wort mit ihr reden werde, wenn sie mir nicht sofort sage, was sie mit mir als kleines Kind gemacht habe. Sie saß da, als hätte sie das kommen sehen. Vielleicht knibbelte sie auch am Kittelsaum. Wahrscheinlich hatte sie ein Taschentuch in der Hand, das sie umklammert hielt, als würde sie sich festhalten daran, immer dann, wenn ihr der Boden unter den Füßen wegzubrechen drohte. Als läge in diesem zerknüllten Stück Zellstoff ihre ganze einsame Traurigkeit, als wäre ihr Schmerz darin eingesogen wie die Rotze nach den Tränen, fest zugehalten, damit nichts davon ans Tageslicht kam. Aber es war nur ein Taschentuch, für sie was es nur ein Taschentuch. Sie straffte sich und sagte, dass sie es auch schwer hatte, in der Tschechei auf Landverschickung war. Dort wurde sie vergewaltigt. Zu Hause zurück, Jahre nach dem Krieg, wollte sie ihre Mutter nicht mehr. Schweigen. Sie wischte sich eine Träne fort und fasste sich.

Ich fuhr zurück mit diesen drei Sätzen, die nicht den kleinsten Zweifel ließen, dass alles von mir abhinge, alles, was ich aus mir machen würde.

© März 2020 by Wandelkern   Lesermail

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