Satire: Stadtangst

Meine eigene Schreibtätigkeit hat in der Zwischenzeit eine kleine Bestätigung erfahren. Beim 6. Literaturwettbewerb der Ruhrpoeten in Gelsenkirchen habe ich einen dritten Platz mit der Satire „Stadtangst“ erreicht. Die Preisverleihung findet am Donnerstag, den 23.04.2026, im Hier ist nicht da in Gelsenkirchen statt. Die ausgewählten Texte sind zudem in der Anthologie „Zwischen uns“ veröffentlicht worden und bereits erhältlich.

Stadtangst

Unbekannte Nummer! Er schaute auf das Display, als wäre er mit einer Anmaßung konfrontiert. Sein bereits ausgestreckter und etwas schief geratener Zeigefinger zögerte. Aber die Neugier siegte. Das hatte er vorher schon gewusst.

„Ja?”

„Ja?”

„Ähm ja, Martin Tanner mein Name.”

„Ich interessiere mich für den Tageskurs gegen Stadtangst, diese vier Level”, sagte der Anrufer in einer Tonlage zwischen Hoffnung und Skepsis.

„Was?”, fragte Tanner in einer Tonlage, als würde er gerade aus einem Traum erwachen.

„Bin ich denn nicht richtig bei Stadtangst ade? Wie hieß die Seite denn noch? Ah, Moment – therapie-gegen-stadtangst.de.”

„Ähm, ah ja, ja genau. Wie haben Sie die denn gefunden?”

„Über Bing.”

„Über Bing?”

„Ja, Bing, kennen Sie nicht?”

„Dochdochdoch, Bing, genau, habe ich schon mal gesehen.”

Tanner hörte ein Schnaufen auf der anderen Seite der Gesprächs, dessen Ende wohl nun in seiner Hand lag. Er beeilte sich zu fragen, was er denn für den Anrufer tun könne, und war unzufrieden mit der Hast seiner Frage.

„Ich würde Sie gerne buchen, und ob Sie noch Termine frei haben?”

„Ah, Termine, die lieben Termine, die machen einem so oft einen Strich durch die Rechnung.”

„Keinen mehr frei?” – und in dem Schnaufen des Anrufers war deutlich die Enttäuschung zu hören.

„Dochdochdoch, ich meinte nur so. Aber diese Woche nicht mehr.” – Schließlich brauchte Tanner eine Denkpause; diese Gelegenheit kam einfach zu unerwartet.

„Schön, kein Problem, so dringend ist es nicht – ich muss auch erst in gut drei Wochen nach Gelsenkirchen. Ich komme ja etwas von außerhalb. Aber bieten Sie Gelsenkirchen denn überhaupt an?”

„Zufällig wohne ich hier, Gelsenkirchen ist sozusagen meine Spezialstadt.” Wäre es nur ein einsamer Gedanke gewesen und kein Teilnehmergespräch, Tanner hätte sofort gelacht. Zugleich fiel es ihm leicht, den Impuls zu unterdrücken; dafür war die Situation eben viel zu ernst.

„Was für ein Glück für mich”, sagte der Mann, und eilig schob er hinterher: „Ginge es denn nächste Woche schon?”

In letzter Sekunde verschluckte er ein Ja und betonte die Suche nach seinem Kalender, der, papiertreu wie Tanner eben war, noch aus Baumresten bestand und natürlich nicht dort lag, wo er liegen sollte.

„Einen Moment bitte.”

„Kein Problem, das kenne ich.”

Tanner verbreitete in den nächsten Sekunden hörbare Suchanstrengungen. Den Kalender vor Augen, raschelte er mit einem Blatt, schob an einer Espressotasse, deren Cremareste ihn an dunkle Schuhcreme erinnerten, und rief: „Sekunde, bitte”, während der potenzielle Teilnehmer hörbar wohlwollend „kein Problem“ versprach. 

„Und Sie möchten …”

„… alle vier Level buchen!”

„Ah, ähm, ja, alle vier Level. Gerne.”

Tanner blätterte noch eine Runde in seinem Kalender.

„Ähm, ja, ginge es am Mittwoch um 10 Uhr?”

„Perfekt”, war die Antwort, und der Anrufer schob hinterher, dass er in dieser Woche Urlaub habe und wie gut es das Universum mit ihm meinte, dass Urlaub und Termin so gut zusammenfielen.

„Ja, das ist prima”, bekräftigte Tanner, während er überrascht den metallenen Drehbleistift auf das Papier setzte und fragte:

„Wen kann ich denn eintragen?”

„Ach so, na klar. Walter Walther. Aber der Nachname mit TH, und der Vorname ohne H.” Herr Walther schien angestrengt zu pausieren, bevor er ausatmend hinzufügte: „Immerhin.”

„Sehr schön, also Walter nur mit T, Herr Walther?”

„Ganz genau.”

Tanner hätte nicht sagen können, was ihn zu der folgenden Idee verführt hatte, aber er hörte sich mit ungewöhnlich sachter Stimme Sätze sagen, die ihrer Zufälligkeit entsprechend leicht holprig daherkamen.

„Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber bevor ich” – er stockte, und wie Symbole eines Spielautomaten liefen die Wörter Patient, Klient, Kunde durch sein altes Hirn – „Teilnehmer annehme, stelle ich immer” – er fühlte sich mit diesem Immer deutlich unwohler, aber zum Glück nur für einige Millisekunden – „eine Frage, die auf den ersten Blick mit dem Thema nichts zu tun hat.”

„Nur zu, ich bin auf alles gefasst. Wenn ich schon jemanden anrufe, der mir bei der Entsorgung” – der Anrufer grunzte einen Lacher an – „meiner Stadtangst helfen könnte,” – er betonte das „könnte“, indem er das „ö“ ziemlich dehnte, vielleicht war es auch ein Sprachfehler – „dann muss ich wohl sowieso auf einiges gefasst sein.”

„Natürlich im positiven Sinne”, sagte Tanner.

„Genau, genau. – Gut, dann raus damit!”, rief der Mann etwas zu gut gelaunt.

„Was denken Sie über die Bezieher von Bürgergeld?”

Schweigen, nicht laut, aber deutlich. Zwei Sekunden vielleicht, und die können lang sein. Tanner dachte schon, Herr Walther würde auflegen, was ihm recht gewesen wäre, aber zwei Sekunden reichten nicht aus, um das zu erkennen.

„Ich lese keine BLÖD, wenn Sie das meinen.” Es klang leicht beleidigt, doch auf dem „Blöd“ lag auch ein Hauch Amüsement.

„Sie sind aber schnell im Kopf!”, sagte Tanner, und der Respekt, der mitklang, war nun wirklich echt.

„Danke sehr.”

„Ohne eine gewisse Durchlässigkeit im Denken kann ich eben nicht helfen.”

„Bingo.” Dieser Ausruf schien gar nicht zu Herrn Walther zu passen. Aber gut, Tanner war nun fest entschlossen, seinem ersten Teilnehmer zu helfen, während eine Level-Idee in ihm aufkeimte.

Herr Walther kam tatsächlich. Tanner hatte ihm versichert, dass er in einem ruhigen Stadtteil wohne und das Level 1 in einer Wohnung stattfinden würde. Das Leben draußen warte auf sie, sie würden es beobachten. Bei Kaffee und Tee, Herr Walther bevorzugte Kräutertee, saßen sie an einem Tisch und schauten aus dem großen Fenster, während Tanner erzählte, wer hier alles wohnte und wie divers und friedlich es hier sei. Wie zur Bestätigung erschienen manche der Nachbarn, als wollten sie Tanners Erzählungen zuvorkommen. Sie kamen aus den Haustüren oder traten auf die Balkone des schräg gegenüberliegenden zweistöckigen Reihenhauses, das zu den zahlreichen gleichförmigen Bauten einer Wohnungsbaugesellschaft gehörte. Wie die dickliche Frau mit dem Kopftuch, die sehr gründlich den Flur putzte und am Eingang zwei kleine Pflanzen setzte. Wie der Junge, der heute sehr spät von dem Kleinbus mit Behindertenzeichen abgeholt wurde. Zuletzt kam sogar noch die alleinerziehende Frau eilig um die Ecke, den schweren Maxi-Cosi in der Armbeuge (die Beine des Kindes baumelten lang heraus), beladen mit einer Umhängetasche und einer prallen Plastiktüte. Schwer zu tragen habe sie, sagte Tanner, während Herr Walther das Interesse zu verlieren schien und auf einmal die Ruhe lobte, die hier herrsche. Und die vielen großen Bäume, die seien ihm schon bei der Ankunft aufgefallen. Tanner freute sich, denn an den Bäumen hatte er jeden Tag seine Freude und die Ruhe wunderte ihn auch immer wieder.

„Aber wir wollen jetzt auch nicht zu sehr idealisieren”, sagte Tanner, und Herr Walther bemühte leicht betroffen seine Stirnfalte.

„Letztens hat ein älterer Mann hier seinen gewienerten Wagen hingestellt und sehr lange mit einem sehr lauten, sehr hochfrequenten Staubsauger gesaugt. Der war wohl dem Feinstaub auf der Spur. Und dann ist der Nachbar von oben runtergekommen und hat angefangen, auf den mit dem Staubsauger einzureden, weil der Nachbar es nicht einsah, dass man gerade hier im ruhigen Hof sein Auto so laut saugen müsse. Der ältere Mann ignorierte ihn mehr stur als stoisch, bis der Nachbar einfach ging, weil er nach einiger Fuchtelei einsah, dass er auch mit dem Staubsauger hätte schimpfen können.”

„Und sonst ist nichts passiert?”

„Jedenfalls habe ich nichts gehört. Keine Schlägerei, und auch niemand, der gleich einen Angriff fantasiert hätte.”

„Ja, haha, man muss es auch nicht übertreiben”, sagte Herr Walther etwas pikiert.

„Eben. – Was meinen Sie, sind Sie bereit für Level 2?”

„Bingo!”

Auf dem Weg in einen Biergarten, vorbei an einem See und kleinen Wiesen, gesäumt von alten und jungen Bäumen, fragte Herr Walther, wie er auf die Idee gekommen sei, diesen Tageskurs anzubieten.

„Auf einer Wanderung behauptete eine Frau, sie würde auch im Hellen nie allein durch Duisburg gehen. Ich fragte, ob sie Marxloh meine, aber sie verdächtigte ganz Duisburg. Mit einer Ehrenrettung der Stadt hatte ich keinen Erfolg, sie beharrte auf ihrer Duisburgpanik.”

„Verrückt”, murmelte Tanners Teilnehmer und fragte, ob er auch Duisburg im Programm habe.

„Ja, Duisburg, Herne auch …”

„Herne auch?”

„Genau, teilweise, genauso wie Dortmund.”

„Und auch ausländische Städte sogar?”

„Ausländische? Hm, ja, gute Idee. Aber ohne Partner vor Ort ginge das wohl nicht.”

Tanner schien selbst nicht daran zu glauben, denn das Wort Partner entkam in einer Art gedankenverlorenem Duktus, bis der Folgesatz beglaubigte, wie schnell man sich in Tanner täuschen konnte.

"Aber Gaza oder Moskau wären nicht meine Liga."

Im Biergarten, der viele Sitzgelegenheiten unter alten Platanen und sogar direkt an einem Teich mit Wasserfontäne bot, gingen beide auf die Ausgabestelle zu, die in einem alten Häuschen mit gekachelten Fenstern untergebracht war. Sie kamen gleichzeitig mit einem robust gebauten Mann mit schwarzem Dreitagebart an, der ihnen mit ausgestreckter Hand bedeutete, dass er sie vorlasse. Tanner bedankte sich mit einem Lächeln. Es kam zu einem kurzen Austausch über die Kunst des Wartens, während Herr Walther etwas linkisch auf Abstand blieb. Und kaum saßen sie mit ihren Getränken auf den schweren Klappstühlen aus Eisen und Holz, da hörte Tanner:

„Was wollte der mediterrane Kollege denn?”

„Wie bitte?”

„Ähm … ja … der Mann gerade”.

„Ich glaube … nur freundlich sein. Was vermuten Sie?”

„Hm … irgendwie schien’s mir … scheinheilig?”

„Wegen der dunklen Haut?”

„Hm, nee …,” haspelte Herr Walther, während er abrupt fortfuhr: „Er sprach auch perfekt Deutsch.”

„Dritte Generation wohl”, sagte Tanner, während er ein wenig grimmig in seinen Kaffeepott schaute. „Ohne alle drei wäre Gelsenkirchen aber richtig arm.”

„Vermutlich”, sagte Herr Walther etwas gedehnt und schaute noch einmal zur Ausgabe herüber.

„Der Kaffee ist hier nicht der beste”, sagte Tanner und rührte ungehalten das Kakaopulver aus dem Schaum. „Unsitte”, murmelte er.

„Aber gut, wenn Sie wollen, können wir gleich Level 3 entern”, sagte Tanner, während er mit einem letzten Kopfschütteln den Cappuccino im Pott betrachtete. Herr Walther, der mit seinem Tee offensichtlich zufrieden war, nickte aufmunternd und sagte, wenn drei auch so leicht sei, folge er gerne.

„Innenstadt”, sagte Tanner und wartete auf eine Reaktion, doch Herr Walther sah ihn nur ungerührt an. Da habe sich einiges getan, fuhr Tanner fort, und dort gebe es echt guten italienischen Kaffee, auch wenn man von Gelsenkirchen eher so eine Plörre wie hier erwarten würde.

„Und wirklich interessante Teesorten”, fügte er schnell hinzu.

„Umso besser”, sagte Herr Walther.

„Gut, dann fahren wir mit der Straßenbahn, die Haltestelle ist nicht weit”, sagte Tanner.

„Straßenbahn? – Wir können auch gerne mein Auto nehmen.”

„Den ganzen Weg wieder zurücklaufen? Die Haltestelle ist nicht weit. Außerdem parkt es sich auch in der ärmsten Stadt der Republik nicht gut.”

„Vielleicht gerade deswegen?”

„Das kann auch sein. Es sind nur sieben Haltestellen. Wir fahren auch an der Arena vorbei, die lebt und lebt gegen jedes Vorurteil.”

„Kenne ich! Schönes Stadion”, sagte Herr Walther. „Trat dort nicht im letzten Jahr diese Popikone auf?”

„Ja, genau. Sie hat’s überlebt.”

Beide lachten.

Als sie später an der Haltestelle standen, wollte Herr Walther doch nicht mitfahren, da er sich schon recht geheilt fühle. Tanner ließ es sich aber nicht nehmen, den Cafébesuch in der City und den lockeren Kontakt zu einem beliebigen Bettler als Elemente von Level 3 anzusprechen.

„Und Level 4?”, sagte Herr Walther.

„Bahnhof!”

Sie schwiegen.

Was er denn für seine Dienste bekäme, fragte Herr Walther, als sie gemeinsam zu seinem Auto gingen. Tanner zögerte, räusperte sich, ja schien verlegen.

„Gar nichts”, sagte er. „Stadtangst ade … ist nur ein Spaß gewesen."

© April 2026 by Wandelkern   Lesermail

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