Eine Hochglanz-Notdurft

Ich bin in Düsseldorf und ich habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken. Drangstufe Rot kündigt sie schon mal an. Aber ich werde kein Männeken-Piss am Rhein sein. Wenn ich schon Wildpinkeln muss, dann lieber versteckt. Also suche ich ein einsames Pinkeleckchen. Aber das einsamste, was ich entdecke, sind Gassigassen zwischen parkenden Autos.

Dahinten steht ein Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. Grimmig studiere ich das kleine Display, auf dem Besetzt steht. War ja klar, denke ich. Und warte.

Endlich öffnet sich die Tür. Unendlich langsam. Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert. Unendlich langsam schließt die Tür dann wieder. Juchhu! Endlich zu!

Das Display aber meldet immer noch besetzt. Ich grolle. Das wirkt. Jetzt steht da: Reinigung. Seltsame Geräusche kommen aus dem Häuschen. Die Reinigung muss sehr gründlich sein. Wenig später fechten Harndrang und schwindende Impulskontrolle: Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung! Um mich abzulenken, wische ich mit der EC-Karte am Terminal herum. Derweil heißt es weiterhin: Reinigung. Ich will schon austreten, da leuchtet es: Besetzt.

Bevor ich das begreife, darf ich endlich zahlen. Ich halte die Karte ohne Zittern. Ja, Zahlen geht natürlich schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu. Entgeistert schaue ich sie an. Will sie jetzt mit Blicken zwingen. Dann schleicht sie auf. Ich drücke mich hinein und noch so eben unterlasse ich das Treten.

Sanfte, schwebende Klänge empfangen mich. Als sei ich in der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen. Sie könne jederzeit wieder geöffnet werden. Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein. Ich drücke auf die grün leuchtende Taste. Ich drücke noch mal, und warte, drücke dann noch mal. Dann schleicht sie sich endlich!

Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen. Ich schaue auf eine nackte gesprenkelte Schüssel. Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über? Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit kann sich Sitzen auch mal lohnen. Ich will nicht mit gebeugten Knien dastehen, sonst pisse ich ja alles voll. Für mich ist Pinkeln weder Rasensprengen noch Reviermarkieren.

Aber da ist die Hose schon unten. Ich setze mich mit stiller Vorfreude. Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik. Und lass es fließen. Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei und mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer. Da weckt mich die sanfte Stimme von eben. 15 Minuten Zeit gibt sie mir. Sehr großzügig, da kann man ja drei Geschäfte machen. Aber was, wenn jeder die 15 Minuten nutzt, auch wenn er nur klein muss? Schließlich hat man einen Euro bezahlt, die Zeit steht einem doch zu!

So siniere ich, während die Erkenntnis auf mich zurollt, dass auch eine leere Blase einen unguten Draht zum Verstand haben muss. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich hier immer noch sitze. Also stehe ich jetzt auf.

Der Waschautomat hat hochwertige Tasten, rundum beleuchtet, aber er spricht nicht mit mir. Ich drücke auf Wasser und spare mir die Seife, den Trockner lasse ich ruhen.

Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung typisch dümmlichen Gesichtsausdruck schaue ich in den Spiegel und wende mich ab. Da sehe ich beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber.

Das ist doch niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen: Gut geschissen zum Beispiel oder: Abzocker, wir kriegen Euch!

Bewertung ignoriere ich. So wie Insta, X und Zuckerbook. Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi namens „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.

© Januar 2026 by Wandelkern   Lesermail

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