Satire: Spritzwasser mit Würde

Letztens in der Küche.

Ich will mir einen Kaffee machen und wärme zuvor das edle Expressoglas auf.

Nicht wundern, ich sage immer Expresso, das ist ein Straf… nein, kein Straffehler, sondern ein Sprachfehler von mir. Sie können beides nun als freudsche Versprecher interpretieren, aber das geht mich dann nichts mehr an. Denn sowas im Zusammenhang mit der Küche, nee, da bin raus.

Also, ich vor dem Aufwärmen des Expressoglases. Klug mit der Siebträgermaschine. Modernes schlankes Teil übrigens. Ich drücke auf die freundlich mir zuleuchtende Taste.

Und vergesse den Siebträger reinzutun.

Alles, wirklich alles spritzt voll.

Maschine.

Möbel.

Menschenwürde.


So wie ich früher auf sowas reagiert habe, das kennen Sie sicher nicht aus eigener Erfahrung.

Aber ich erzähl’s Ihnen trotzdem.

„Fuck! Scheißdreck! Meine Fresse!“

Oder etwas energetischer:

„FUCK! SCHEIßDRECK! MEINE FRESSE!“

Spüren Sie auch die Wut da drin?

Aber zum Glück kann man die Gefühle einer Maschine nicht verletzen.

Ich war wohl nicht zufällig die meiste Zeit Single.


Und nun die gute Nachricht.

Ich bin immer noch Single,

aber ich habe mich verändert.

Heute bin ich so:

Unheimlich ruhig.

Mit lockerer Eleganz nehme ich den Siebträger,

drehe mich tänzerisch um die eigene Achse

– und meine kleine Küche ist wirklich klein –

und drehe das sattschwer in der Hand liegende Teil souverän ein,

während das Wasser schon spritzt.

Und das mit einer Grazie,

die mir zeigt,

was für ein feiner Mensch ich bin.

Dann nehme ich meinen wunderbaren Spüllappen,

der nur für Wasser zuständig ist

und wische mit Würde das Spritzwasser weg.

Tiefenentspannt wie ein Zen-Meister.

Manchmal pfeife ich sogar eine Klaviermelodie

von Satie

Ungefähr so … aber das lassen wir lieber


Jetzt fragen Sie sich bestimmt,

und ich muss dafür nicht ihre Gesichter schauen:

Wie kann man sich so ändern?

Sie wissen ja selbst, wie schwer das ist.

Waren schon auf zig Yoga-Retreats.

Nicht nur Yoga, auch Meditationskurse en masse.

Haben viele, sehr viele Achtsamkeitsanleitungen

über sich ergehen lassen.

Mindestens eine Psychoanalyse

Drei bis vier Körpertherapien.

Aber reichte es?

Man bleibt doch immer der Alte oder eben die Alte.

Oder?

Man ändert sich doch nur widerwillig.

Nicht wahr?

Man ändert sich so schwer.


Tja, wie habe ICH das nur gemacht?

Die Frage wird hier immer dringlicher.

Das spüre ich grad im Hier und Jetzt.

Soll ich es Ihnen verraten, wie ich das geschafft habe, mich so fundamental zu verändern?

Okeh, Sie haben’s so gewollt.

Tief durchatmen, ausatmen nicht vergessen, die Augen leicht geschlossen. 

Und jetzt kommt sie. Die Wahrheit. Die bittere:


Gar nicht – ich habe das gar nicht geschafft.

Das war nur ein kleiner Bühnentraum.

© März 2026 by Wandelkern   Lesermail

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