Nicht mehr weit

Auf einmal ist der Abend da. Ockerfarbenes Licht liegt über der hügeligen Landschaft. Weit hinten eine Wiese, die in einer sanften Mulde liegt. Die Kühe darauf wirken, als wären sie nur aufgestellt. Auf der langen geraden Straße glänzen rote Lichtflecken hier und dort. Kein Auto aus der Gegenrichtung, keines drängt zur Geschwindigkeit. Carl legt auch die andere Hand auf das Lenkrad und beugt sich leicht nach vorn. Was ist da jetzt in der Brust? Wie das erleichternde Sirren vor einer Versöhnung, als locke das Licht da draussen Erinnerungen, als frage es ihn, fühlst du es: Federleicht statt schwer und dazwischen – Schmerz?

Er sieht sich mit dem Rad unterwegs, noch gar nicht lange her, am frühen Abend auf einem schmalen Weg. Neben sich ein gelbes Feld reifen Getreides und auf der anderen Seite der Kanal. Großväterlich fließt er dahin, gesäumt von jungen Birken, die mit hängenden Blätterfäden ein Brisenkind einfangen. Das Kitzeln der Tränen, als trösteten sie die Haut, als beweine der Verlust sich selbst. Er steigt vom Rad und schaut auf die ockerfarbenen Baumwolken hinter dem Getreidefeld. Als warte er auf die Frau, die ihm diesen Weg einmal zeigte und die er liebte, und doch nicht lieben konnte. Fragil das Versprechen, füreinander da zu sein. Schweigend hinterfragten sie das Vertrauen oder tönten falsche Worte – ohne es zu wollen? Und alles war vergessen, wenn sie ausgelassen alberten, sich im eifrigen Planen fast selbst vergaßen oder unterwegs – sofort begeistert – seltenen Vogelstimmen lauschten. Und immer wieder die Abweisung, die alles in Frage stellte, unwirklich und unnachgiebig.

Carl lehnt sich wieder zurück und folgt dem Licht in seinem Inneren. Weit hinein in alte Zeiten, zwanzig Jahre zurück vielleicht, als die Liebe einmal frei war. Als vieles gelang und sie sich unverletzlich fühlten. Mitten in der Nacht fuhren sie nach getaner Arbeit in ein katalanisches Dorf am Mittelmeer. Sie tauchten ein in die gelassene Lebensweise mit frischem Fisch in kleinen Restaurants, nahmen Bier und Tapas unter den Einheimischen und erkundeten mit der Vespa das Umland. Und als sie nach einer Woche in der Frühe zurückfuhren, ihre Lieblingsmusik hörten und auf der schlängelnden Straße mit geschärften Sinnen die Gerüche und das ockerfarbene Licht der Landschaft wahrnahmen, da weinten sie still, jeder für sich.

Carl sieht jetzt eine wilde Wiese mit hohen Gräsern. Die Halme pendeln, angestubst von einem unsichtbaren Spielkameraden. Zwischen ihnen blinzelt die Sonne. Er liegt im hohen Gras, einfach so, fast für sich allein. Von weitem hört er die Freunde. Er dämmert weg, in seinem Bett aus Licht und Wärme, eins mit den Gerüchen, dem plötzlichen Summen und einem Rauschen – der Bäume?

Dieser seltene Spaziergang, den er nicht vergisst. Als der kleine Carl über das Moos und die Wurzeln der Bäume lief, mit einem Stock in der Hand. Er lief und lief und immer wieder sprang er hoch, um die kleinen Äste zu treffen. Und weiter im Wald, die Blätter winkten ihm zu, erschien ihm plötzlich das helle Licht dahinten wie ein altes Versprechen.

Vielleicht war Carl vier oder fünf Jahre, als er seine Großeltern einmal an einem Sommermorgen in den Garten begleiten durfte. Sie gingen einen Weg durch kleine Straßen mit dunklen Bergarbeiterhäuschen. Die Bäume leuchteten gelb und munter und Carl hielt die warme, etwas raue Hand der Oma. Im Garten angekommen, durfte er eine Handvoll Erdbeeren pflücken, die im Licht auf einmal glänzten. Auch beobachtete er wieder die Ameisen. Carl weiß nicht mehr, warum, aber er hat die Ermahnung der Oma immer noch im Ohr, dass man sie nicht töten dürfe.

Die Straße wird wieder kurviger. Zwischen immergleichen Bäumen zählt hier nur noch das Licht der Scheinwerfer. Er hat es nicht mehr weit.

© Februar 2026 by Wandelkern   Lesermail

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