Seifenkiste

Als kleiner Junge war ich beseelt von dem Wunsch nach einer Seifenkiste. Ich stellte mir vor, wie ich stolz darin saß und einen Abhang hinunterfuhr. Immer schneller und triumphierend, begleitet vom Stolz und Lachen meines Vaters. So wie ich es einmal an einer Straße in der Nähe meines Wohnortes erlebt hatte. Ich beneidete den Jungen darin und spürte zugleich ein fast schmerzendes Verlangen.

Wie groß dann die Überraschung war, als mein Vater einmal mit aufgesägtem Arm aus dem Keller kam und ins Krankenhaus musste. Hektik im Hausflur, mein Vater umringt von Nachbarn. Meine Mutter zog mich ins Kinderzimmer und verbot mir, es zu verlassen. Nachdem mein Vater abgeholt war, sagte Mutter mir, Vater wollte mir eine Seifenkiste bauen und habe sich verletzt, aber es sei nicht schlimm. Ich glaube, ich war enttäuscht und stolz zugleich. Er hat es versucht. Für mich! Das blieb mir lange im Kopf.

Als mein Vater wieder geheilt war, der Arm musste genäht werden, hoffte ich, er würde es ein weiteres Mal versuchen. Lange glaubte ich seinem Versprechen. Erst als der Wunsch nach einer Seifenkiste durch den nach einem Fahrrad abgelöst wurde, war das Thema gestorben. Nur der wohlige Stolz in mir blieb, wenn ich mich ab und an daran erinnerte.

Viele Jahre später, als ich auf einer Familienfeier mit einer gewissen Spannung und Skepsis die Seifenkiste erwähnte, kam aus meiner Mutter spöttisch heraus, dass der Vater und sein bekloppter Kumpel einfach zu blöd waren, das geklaute Kupferkabel von der Isolierung zu trennen. Alle lachten. Sie habe in der Nacht noch schnell die schweren Kabel versteckt und irgendetwas habe sie mir ja sagen müssen, der ich das hektische Treiben im Treppenhaus beobachtete hatte. So wurde innerhalb einer Minute aus meinem Seifenkistenmythos ein gescheiterter Nebenverdienst. Ich tat so, als ob mir das nichts ausmachen würde und überspielte den fiesen kleinen Stich in der Brust.

© März 2020 by Wandelkern   Lesermail

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