Eine Hochglanz-Notdurft

Im Februar 2026 habe ich „Eine Hochglanz-Notdurft“ im Wohnzimmer GE in Gelsenkirchen gelesen. Sie kam insgesamt gut an. Dabei habe ich jedoch gemerkt, an welchen Stellen es Längen gibt, die für eine Bühnenfassung weniger geeignet sind. Deshalb gibt es hier zwei Versionen der Satire: zuerst die Langfassung, anschließend die Bühnenfassung, die sich auch für einen Poetry Slam eignet.

°.°

Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken. Drangstufe Rot kündigt sie schon mal an. Aber ich werde kein Männeken-Piss am Rhein sein. Wenn ich schon Wildpinkeln muss, dann lieber versteckt. Also suche ich ein einsames Pinkeleckchen. Aber das einsamste, was ich entdecke, sind Gassigassen zwischen parkenden Autos.

Dahinten steht ein Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. Dort angekommen, starre ich äusserst grimmig auf das kleine Display, auf dem Besetzt steht. War ja klar, denke ich. Und warte.

Endlich öffnet sich die Tür. Unendlich langsam. Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert. Unendlich langsam schließt die Tür auch wieder, dazwischen mit Verschnaufpausen. Endlich zu! Und ich verbeuge mich.

Das Display aber meldet immer noch besetzt. Ich grolle. Das wirkt. Jetzt steht da nämlich: Reinigung. Ich lausche. Seltsame Geräusche kommen aus dem Häuschen. Die Reinigung muss sehr gründlich sein. Wenig später fechten ungeahnter Harndrang und schwindende Impulskontrolle: Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung! Um mich abzulenken, wische ich mit der EC-Karte am Terminal herum. Derweil heißt es weiterhin: Reinigung. Ich will schon austreten, da leuchtet es: Besetzt.

Bevor ich das begreife, darf ich endlich zahlen. Ich halte die Karte ohne Zittern. Ja, Zahlen geht natürlich schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu. Entgeistert schaue ich sie an. Will sie jetzt mit Blicken zwingen. Dann schleicht sie auf. Ich drücke mich hinein und noch so eben unterlasse ich das Treten.

Sanfte, schwebende Klänge empfangen mich. Als sei ich in der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen. S

ie könne jederzeit wieder geöffnet werden. 

Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein. Ich drücke auf die grün leuchtende Taste. 

Ich drücke noch mal, ich drücke noch einmal, dann drücke ich noch zweimal und warte. Dann schleicht sie sich endlich!

Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel. Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über? Was für eine existentielle Frage! Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit kann sich Sitzen auch mal lohnen. Ich will nicht mit gebeugten Knien dastehen, um nicht alles vollzumachen. Für mich ist Pinkeln weder Reviermarkieren noch eine regressive Kachelbewässerung.

Aber da ist die Hose schon unten. Ich setze mich mit stiller Vorfreude. Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik. Und lass es fließen. Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei und mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer. Da weckt mich die sanfte Stimme von eben. 15 Minuten Zeit gibt sie mir. Sehr großzügig, da kann man ja drei Geschäfte machen. Aber was, wenn jeder die 15 Minuten nutzt, auch wenn er nur klein muss? Schließlich hat man einen Euro bezahlt, die Zeit steht einem doch zu!

So siniere ich, während die Erkenntnis auf mich zuströmt, dass auch eine leere Blase einen unguten Draht zum Verstand haben muss. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich hier immer noch sitze. Also stehe ich jetzt auf, hole die Hose zurück, da wo sie hingehört und nehme Abstand von der Schüssel, wer weiss, wann und wie wild sie reinigt.

Ah, der Waschautomat, auch der hat hochwertige Tasten, rundum beleuchtet, aber er spricht nicht mit mir. Ich drücke auf Wasser und spare mir die Seife, den Trockner lasse ich ruhen.

Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung typisch dümmlichen Gesichtsausdruck schaue ich in den Spiegel und wende mich gleich wieder ab. Da sehe ich beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber.

Das ist doch niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen: Gut geschissen zum Beispiel oder: Abzocker, wir kriegen Euch!

Bewertung ignoriere ich. So wie Insta, X und Zuckerbook. Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi namens „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.

Die Bühnenversion:

Eine Hochglanz-Notdurft

Ich bin in Düsseldorf und habe Glück. Direkt am Rhein finde ich einen Parkplatz. Der behäbige, väterliche Fluss scheint direkt auf meine Blase zu wirken. 

Spontan wie sie ist, meldet sie schon mal Drangstufe Rot an. 

In meiner Not nimmt meine Sehkraft um gut 1 Dioptrin zu und ich sehe in der Ferne einen Quader aus Stahl. City-WC prangt darauf. Im Stechschritt eile ich dahin. 

Dort angekommen, starre ich proaktiv grimmig auf das putzige Display, auf dem Besetzt steht. Nach gefühlt 12,5 Minuten qualvollen Bittens, Quängelns und Drängens, öffnet sich die Tür. 

Langsam, sehr langsam. Eine junge Frau macht sich schlank, um schneller herauszukommen, sichtlich erleichtert. 

Langsam, sehr langsam schließt die Tür auch wieder, während ich den Impuls unterbinde, sie mit blossen Händen aufzuhalten. 

Mit einem mir spöttisch vorkommenden Seufzerton erreicht sie das Ende ihres Weges. Und das putzige Display? Behauptet steif und fest: Besetzt.

Und während ich mich auf die Verkrampfung meines Beckenbodens konzentriere, steht da plötzlich: Reinigung. 

Sekunden später fechten gebeultete Willenskraft, verkrampfte Oberschenkel und schwindende Impulskontrolle:
Ich pisse gleich vor die Tür, dann habt ihr Reinigung! 

Ich will schon austreten, da leuchtet es charmant: Besetzt. 

Aber zahlen darf ich schon. 

Zitternd halte ich die Karte vor. Boah, ging das schnell. Aber die Tür bleibt trotzdem zu. 

Zum Glück falle ich kurz in eine Art Schockstarre und erwache rechtzeitig, als die Tür sich gütig schleicht.

Sanfte, schwebende Klänge, wie aus der Lounge eines Yin-Yoga-Retreats, empfangen mich. Ich höre eine sanfte Frauenstimme, die mir versichert, die Tür werde nur zu meinem Besten geschlossen. 

Sie könne jederzeit wieder geöffnet werden. 

Aber bevor eine Tür wieder aufgehen kann, muss sie erst einmal zugegangen sein. 

Ich drücke auf die grün leuchtende Taste. Ich drücke noch mal. Ich drücke noch einmal. Dann drücke ich noch zweimal mit zwei Daumen jetzt, und warte mit zusammengebissenen Schenkeln. 

Dann schleicht sie sich endlich! 

Ich schaue mich um in dem Raum aus poliertem Edelstahl, die Hand bereits am Reißverschluss. Kein Pissoir zu sehen, nur eine nackte gesprenkelte Schüssel. 

Gehe ich im Stehen oder im Sitzen zur Erleichterung über? 

Angesichts der aktuell eher gemächlichen Strömungs- und Fließgeschwindigkeit – und ich meine hier nicht den Rhein – kann sich Sitzen auch mal lohnen. 

So vermeide ich nicht nur die allseits bekannte Reviermarkierung, auch die so beliebte Kachelbewässerung wird buchstäblich – aber da ist die Hose schon unten. 

Ich setze mich mit stiller Vorfreude. 

Übergebe mich dem sanften Rauschen der Musik. 

Und lass es fließen. 

Es scheint, als laufe gleich mein Leben an mir vorbei. 

Mein Kopf neigt sich bereits zum Schlummer. 

Da weckt mich die sanfte Stimme von eben. 

15 Minuten Zeit gibt sie mir. 

Wie großzügig, da kann hier sogar eine Großfamilie gemütlich pinkeln. 

So siniere ich, und beschließe nun doch schon aufzustehen. Dabei mache ich unwillkürlich einen Sprung noch vorn, wer weiß, ob nicht vorher schon spritzig gereinigt wird.

Mit diesem nach einer wohligen Blasenentleerung leicht dümmlichen Gesichtsausdruck drücke ich die edelstahlgefasste Taste für Wasser und schaue mich um. Da sehe ich erneut beleuchtete Tasten, die eine rot, die andere grün, mit Daumen rauf und Daumen runter. Bewertung steht darüber. 

Das ist niemals social-media-tauglich. Nicht mal einen Kommentar kann man einsprechen: 

Gut gekackt zum Beispiel. 

Oder: Abzocker, wir kriegen Euch! 

Diese Bewertung ignoriere ich. So wie Insta, X und Zuckerbook. 

Auch verzichte ich auf das laue Lüftchen des WC-Trockners und reibe meine Hände an den trocken gebliebenen Hosenbeinen. 

Erleichtert beginne ich die musikuntermalte Kurzmedi „Tür öffne dich”. Dann begleitet mich das sympathische Surren der Tür nach draußen, und ich habe vergessen, warum ich eigentlich in Düsseldorf bin.

© Februar 2026 by Wandelkern   Lesermail

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